Fällt die orthodoxe Weltgemeinschaft auseinander?

Paderborner Ostkirchenexperte Johannes Oeldemann analysierte in „Radio Vatikan“-Interview die durch die Ukraine-Frage ausgelösten Spannungen in der orthodoxen Weltkirche zwischen Moskau und Konstantinopel

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Foto ©: Gebro Gabriyel/Syrisch-Orthodoxe Gemeinde Göppingen

Paderborn, 15.02.20 (poi) Die Spannungen in der orthodoxen Weltkirche hat der deutsche Ostkirchenexperte Johannes Oeldemann, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn, in einem „Radio Vatikan“-Interview analysiert. Auf die Frage, ob man von einem innerorthodoxen Schisma sprechen könne, stellte Oeldemann fest: „Es ist schon ziemlich schlimm. Allerdings gibt es auch gute Argumente dafür, dass man noch nicht von einem Schisma spricht. Denn die Aufkündigung der Kommuniongemeinschaft zwischen Moskau und Konstantinopel ist zunächst ja nur einseitig von Seiten Moskaus erfolgt, aber nicht von Seiten Konstantinopels. Das heißt: Der Patriarch von Konstantinopel kommemoriert weiterhin den Patriarchen von Moskau in der Liturgie, und Gläubigen des Patriarchats von Konstantinopel ist es auch erlaubt, bei Priestern des Moskauer Patriarchats die Sakramente zu empfangen. Es ist, sozusagen, erst einmal nur ein einseitiger Schritt, und solange er nicht zweiseitig ist, kann man nicht von einem Schisma im strengen Sinne des Wortes sprechen“.

Der Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel sei latent ja schon seit vielen Jahren spürbar, weil Konstantinopel traditionell an erster Stelle in der orthodoxen Kirche steht, aber „Moskau heute die gewichtigste und einflussreichste orthodoxe Kirche ist“, betonte Oeldemann. Auf die Frage, ob es nicht ein Widerspruch sei, dass Moskau am Konzil von Kreta nicht teilgenommen habe, sich aber jetzt hinter Versuche des Jerusalemer Patriarchen stelle, eine Art Synode zur Vermittlung einzuberufen, sagte der deutsche Ostkirchenexperte: „Ja und nein. Der Streit um das Konzil von Kreta, wo Moskau relativ kurzfristig abgesagt hat, ist sicherlich mit eine der Ursachen dafür, dass sich die Dinge rund um die Ukraine jetzt so entwickelt haben, wie sie sich entwickelt haben. Andererseits merkt Moskau aber auch, dass die Gefahr besteht, dass es in eine gewisse Isolation gerät, und versucht natürlich jetzt, Verbündete innerhalb der orthodoxen Kirche zu finden. Bisher weigert sich ja Konstantinopel konsequent, eine solche panorthodoxe Versammlung einzuberufen, und ehrlich gesagt sehe ich auch wenig Chancen, dass es in einer solchen großen Runde zu einer Verständigung kommen könnte“.

Nach Ansicht Oeldemanns wären zunächst einmal direkte Gespräche zwischen Vertretern Moskaus und Konstantinopels erforderlich – vielleicht nicht auf der allerobersten Ebene. Es habe schon einmal einen Ansatz gegeben, sagte der Ostkirchenexperte und nahm auf ein gemeinsames Mittagessen von Metropolit Hilarion (Alfejew), dem Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, und dem griechisch-orthodoxen Erzbischof von Amerika, Elpidophoros (Lambriniadis), einem engen Mitarbeiter von Bartholomaios I., in der Residenz des antiochenisch-orthodoxen Metropoliten für Amerika, Joseph (Zehlawi), Ende Oktober 2019 in Englewood im Bundesstaat New Jersey Bezug. Solche Begegnungen könnten dazu beitragen, „die Lage ein wenig zu entspannen“. Oeldemann nannte aber auch die ökumenische Studientagung „Ukraine: Orthodoxe Kirche vor einem Schisma?“, die am 7./8. Februar in der Katholischen Akademie in München stattfand (eine Kooperation der Katholischen Akademie in Bayern, der Evangelischen Akademie Tutzing, des Instituts für Ökumenische Forschung in Straßburg, der Professur für Orthodoxe Theologie an der Universität Münster und des Johann-Adam-Möhler-Instituts). In München seien Vertreter beider Seiten dabei gewesen, es bestand der Eindruck, „dass letztlich alle dankbar waren, dass es so eine ‚neutrale‘ Plattform gibt, wo man miteinander ins Gespräch kommen kann – jenseits aller Polemik, die häufig in den ‚social media‘ zu lesen ist“.

Der Streit habe auch Auswirkungen auf die Ökumene, so Oeldemann. Denn das Moskauer Patriarchat habe beschlossen, seine Vertreter aus allen Gremien zurückzuziehen, wo jemand von Seiten des Patriarchats von Konstantinopel den Vorsitz oder auch nur den Ko-Vorsitz führt. Und das gelte eben für praktisch alle zwischenkirchlichen Dialoggremien, weil dort traditionell der Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel den Vorsitz führt: „In der internationalen orthodox-katholischen Dialogkommission, aber beispielsweise auch in der Gemeinsamen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland arbeiten jetzt jeweils die Vertreter der russischen Kirche nicht mit – womit natürlich ein gewichtiger Teil der Orthodoxie in diesen Gremien jetzt fehlt“.

Man versuche aber, die Gespräche fortzuführen; das Koordinierungskomitee der internationalen Dialogkommission zum Beispiel habe sich jetzt jährlich auch ohne einen Vertreter Moskaus getroffen, und auch in Deutschland treffe sich die Gemeinsame Kommission weiterhin. „Das Ganze ist insofern eine schwierige Geschichte, weil man nicht nach dem Motto Business as usual weiterverfahren kann – als ob nichts geschehen wäre. Andererseits ist es aber natürlich auch wichtig, bestehende Gesprächsfäden aufrechtzuerhalten“, stellte der Paderborner Ostkirchenexperte fest: „In Deutschland sind wir in der glücklichen Lage, dass es neben diesen Gesprächen noch eine Tradition theologischer Gespräche der Deutschen Bischofskonferenz unmittelbar mit dem Patriarchat von Moskau gibt, die im Juni dieses Jahres wieder fortgesetzt werden sollen“.

Im Hinblick auf den Ausgangspunkt der jetzigen Situation – den Kirchenstreit in der Ukraine – stellte Oeldemann fest, dass es zweifellos „auch gute Gründe für die russische Position gibt“. Denn immerhin hätten die Russen mindestens in den letzten 300 Jahren die pastorale Sorge für die Gläubigen in der Ukraine ausgeübt – „auch wenn Konstantinopel zu Recht darauf hinweist, dass das Christentum ursprünglich von Konstantinopel aus nach Kiew gekommen ist und die Kiewer Metropolie zum Patriarchat von Konstantinopel gehörte“. Aber man könne natürlich auch diese 300 Jahre Kirchengeschichte nicht einfach mit einem Federstrich beiseiteschieben. Der Ostkirchenexperte meint aber, dass „ein Blick auf die Geschichte allein“ die Problematik nicht löst, es sei wichtig, auf die Gegenwart zu schauen, „und da ist es nun einmal so, dass doch auch ein großer Teil der Gläubigen in der Ukraine sich inzwischen deutlich von Moskau distanziert“. Oeldemann: „Das ist, glaube ich, weniger eine Schuld des Moskauer Patriarchats als vielmehr eine Folge der russischen Politik gegenüber der Ukraine, und die ganzen politischen Implikationen spielen eine gewichtige Rolle in diesem Prozess der Autokephalie-Erklärung. Solange dieser russisch-ukrainische Konflikt nicht ausgeräumt ist, halte ich es auch für schwierig, da zu einer Verständigung zu kommen“.

In dem Streit würden unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen. Politische Faktoren seien in gewisser Weise der Auslöser gewesen, aber es gebe schon auch kirchliche oder theologische Fragen, die dahinterstehen: „Zum Beispiel die Tatsache, dass das Verfahren, wie denn eine orthodoxe Ortskirche die Autokephalie erhält, innerorthodox umstritten ist. Beide Seiten argumentieren damit, die jeweils andere Seite habe sich unkanonisch verhalten, also nicht den kirchlichen Kanones gemäß. Aber die Kanones, auf die man sich beruft, stammen alle aus dem ersten Jahrtausend, und es zeigt sich, dass sie für die Welt des dritten Jahrtausends nicht mehr unbedingt greifen, wo wir doch in einer sehr pluralistischen Situation leben – gerade auch in einem Land wie der Ukraine. Es fehlen sozusagen übergeordnete Regelungs-Mechanismen, auf die man sich verständigen könnte“. Um die altkirchlichen Kanones in der heutigen Zeit interpretieren zu können, sei noch viel an vorbereitender Arbeit notwendig, auch auf akademisch-wissenschaftlicher Ebene.