Hinweise auf Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Bari verdichten sich

Bei der jüngsten Runde der Historiker-Gespräche zwischen Experten der Russischen Akademie der Wissenschaften und des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften wurde auch ein bisher unbekanntes Kapitel der Beziehungen zwischen Moskau und Rom aufgeblättert: Stalin wollte am Ende seiner Herrschaft diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl aufnehmen

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Foto: © Berthold Werner (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Rom-Moskau, 25.05.18 (poi) Die jüngste Runde der Historiker-Gespräche zwischen Experten der Russischen Akademie der Wissenschaften und des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften (22./23. Mai im Vatikan) barg – wohlverpackt zwischen wissenschaftlichen Referaten – zwei Sensationen. Eine bezog sich auf die Vergangenheit (Stalin wollte am Ende seiner Herrschaft diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl aufnehmen), eine auf die unmittelbare Zukunft (der italienische Priester, Russlandexperte und Dozent am Päpstlichen Ostinstitut Stefano Caprio deutete in seinem Bericht über das Historikertreffen in der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ an, dass der Moskauer Patriarch Kyrill I. am 7. Juli zum Friedensgebet von Papst Franziskus nach Bari kommen könnte).

Der Gebetstag in Bari steht offenbar im Zusammenhang mit einer Friedensinitiative des Moskauer Patriarchen am 14. April; er hatte nach dem amerikanisch-französisch-britischen Angriff auf syrische Ziele in einem Telefonat mit dem Papst die Lage erörtert. Der Anruf war Teil einer umfassenderen Initiative des Moskauer Patriarchen, mit der er auch den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von Konstantinopel, und die Patriarchen von Antiochien, Alexandrien und Jerusalem sowie den koptisch-orthodoxen und den syrisch-orthodoxen Patriarchen für Friedensbemühungen mobilisierte. Wenige Tage nach der Ankündigung des für 7. Juli vorgesehenen Gebetstages traf eine Antwort des Moskauer Patriarchen an den Bürgermeister von Bari, Antonio Decaro, ein, der Kyrill I. nach der „Pilgerfahrt“ der Reliquien des Heiligen Nikolaus durch Russland zu einem Besuch der apulischen Hauptstadt eingeladen hatte. In der Antwort erinnerte der Patriarch an seine eigenen Aufenthalte in Bari, als er noch Metropolit war, er bedankte sich für die gute Aufnahme der orthodoxen Pilger in Apulien und fügte wörtlich hinzu: „Ich hoffe, dass mit der Hilfe Gottes mein Besuch in Bari möglich sein wird“.

Caprio erinnerte in seinem Bericht daran, dass das Historikertreffen am 22./23. Mai genau mit dem orthodoxen Fest der Übertragung der Reliquien des Heiligen Nikolaus zusammenfiel. Die russischen Historiker hätten daher Gelegenheit gehabt, sich den zahlreichen russischen Pilgern anzuschließen, die in der Nikolausbasilika in Bari am Grab des Heiligen Bischofs von Myra beteten. Mit den Pilgern war eine fünfköpfige, von Patriarch Kyrill beauftragte Bischofsdelegation unter Führung des Metropoliten Juwenalij (Pojarkow) von Krutitsy und Kolomna in die apulische Hauptstadt gekommen. Der Metropolit feierte die Göttliche Liturgie in der Basilika.

Stefano Caprio verwies in „AsiaNews“ darauf, dass die jetzt alljährlich abgehaltenen vatikanisch-russischen Historikertreffen – geleitet von dem französischen Prämonstratenser Bernard Ardura, Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, und Prof. Aleksandr Tschubarian, Direktor des Instituts für Universalgeschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften – die in den letzten Jahren erneuerte „Harmonie“ zwischen römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche, aber auch „zwischen dem Heiligen Stuhl und der Russischen Föderation“  sichtbar machen, wie es der russische Vatikan-Botschafter (und frühere Kulturminister) Aleksandr Awdejew ausdrückte. Zentrales Thema des diesjährigen Treffens war „Die Friedensmission der christlichen Kirchen im 20. Jahrhundert“, ein Thema, das den „roten Faden“ der diplomatischen, kulturellen und kirchlichen Kontaktnahmen von der Sowjetzeit bis zum Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna im Februar 2016 darstellt.

Die Moskauer Historikerin Ewgenija Tokarewa schilderte jetzt, dass es auch auf dem Höhepunkt des stalinistischen „roten Terrors“  von 1935 bis 1940 Kontakte zwischen dem Heiligen Stuhl und der Sowjetunion gab. Die vatikanische Diplomatie war hellsichtiger als andere, befürchtete den Ausbruch eines neuen Weltkriegs und versuchte, auch durch Kontakte mit Moskau an der Verhinderung dieses Unheils zu arbeiten.

Die Mailänder Historikerin Maria Chiara Dommarco schilderte die Erfahrungen des weitgehend aus dem Bewusstsein geschwundenen Päpstlichen Hilfswerks für das nach dem Bürgerkrieg und dem Sieg der Bolschewiki hungernde Russland. Der deutsche Journalist und Historiker Hansjakob Stehle hatte die Geschichte dieses Hilfswerks, das von 1921 bis 1924 unter Leitung des US-amerikanischen Jesuiten P. Edmund Walsh in Russland tätig war, in seinem 1975 erschienenen Werk „Die Ostpolitik des Vatikans“ erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Caprio schrieb jetzt in seinem Bericht über das Historikertreffen, dass das Päpstliche Hilfswerk im Zeichen der bedingungslosen Nächstenliebe der einzige „Anker der Mäßigung und Hoffnung“ in einem tragischen und turbulenten Augenblick der Geschichte war.

Dass auch Diplomatie im Zeichen der Nächstenliebe stehen kann, zeigte Matteo Luigi Napolitano am Beispiel des Architekten der vatikanischen „Ostpolitik“, Kardinal Agostino Casaroli, auf. P. Aleksij Dikarew vom Außenamt des Moskauer Patriarchats schilderte die Initiativen von Metropolit Nikodim (Rotow), der in den sechziger und siebziger Jahren Leiter dieses Amtes war. Metropolit Nikodim – zu dessen Schülern auch der jetzige Moskauer Patriarch Kyrill I. zählt – starb am 5. September 1978 in den Armen von Johannes Paul I., als er dem Luciani-Papst zur Wahl gratulieren wollte.

Prof. Napolitano stellte auch das bisher unbekannte Kapitel der geheimen Avancen von Diktator Stalin gegenüber dem Heiligen Stuhl von Februar 1952 bis zum Tod Stalins im März 1953 dar. Die Kontakte fanden unter größter Geheimhaltung im Haus des Marchese Falcone Lucifero statt, der bis zum Ende der italienischen Monarchie 1946 Minister des Königlichen Hauses Savoyen war. Für die sowjetische Seite agierte dabei der italienische kommunistische Historiker (und spätere Senator) Ambrogio Donini, für den Heiligen Stuhl der Jesuit P. Giacomo Martegani, Chefredakteur der Zeitschrift „Civilta‘ Cattolica“, der Zugang zu Papst Pius XII. hatte. Die bisher nicht veröffentlichten minutiösen Aufzeichnungen über die Gespräche hat Donini 30 Jahre später an Kardinal Casaroli übergeben.

Bei der Unterredung im Haus Luciferos am 13. Februar 1952 teilte Donini seinen Gesprächspartnern mit, er sei von Moskau autorisiert, einen konkreten Vorschlag zu unterbreiten: „Der Heilige Stuhl hat einen Repräsentanten der USA akzeptiert. Warum haben Sie nie daran gedacht, der UdSSR einen ähnlichen Vorschlag zu machen?“ P. Martegani antwortete zunächst, dass das sicher ein sehr wichtiger Schritt wäre, aber man könne nicht „den Wagen vor das Pferd spannen“. Die Ernennung eines Moskauer Repräsentanten beim Heiligen Stuhl könne am Ende eines langen Prozesses der Klärung stehen, nicht am Anfang. Diplomatische Repräsentanten würden ernannt, wenn sich die Beziehungen entsprechend entwickeln, „nicht, wenn die Beziehungen abgebrochen sind“.

Nachdem Donini gegangen war, besprach sich P. Martegani mit einem der anwesenden Zeugen, Graf Paolo Sella. Gemeinsam erstellten sie ein Gedächtnisprotokoll und hielten fest, dass Donini klar von einer Vermittlung der Kirche im gerade einem Höhepunkt zustrebenden Kalten Krieg gesprochen und den formalen sowjetischen Vorschlag zur Eröffnung einer offiziellen diplomatischen Repräsentanz der UdSSR beim Heiligen Stuhl unterbreitet hatte. Martegani habe den Vorschlag nicht sofort zurückgewiesen, sondern weitere Schritte vom konkreten Verhalten der Sowjetregierung abhängig gemacht. Als Stalin am 5. März 1953 starb, war damit auch der Kontakt beendet. Aber es gibt die schöne Story, dass Papst Pius XII. beim Erhalt der Todesnachricht im Hinblick auf die einstige polemische Frage des kommunistischen Diktators „Wieviele Divisionen hat der Papst“ gesagt hätte: „Jetzt sieht er, wie viele Divisionen wir da oben haben“.