Seligsprechungsverfahren für russlanddeutsche Laienapostolin eröffnet

Eröffnungsgottesdienst in der katholischen Kathedrale von Saratow an der Wolga – Bischof Pickel: „Ordensschwester zu sein, war in der Sowjetunion verboten, aber sie lebte so“

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Foto: © Зимин Василий (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Moskau, 28.01.20 (poi) In der katholischen Kathedrale von Saratow an der Wolga wurde am 26. Jänner das diözesane Seligsprechungsverfahren für die russlanddeutsche katholische Laienapostolin Gertrude Detzel (1904-1971) eröffnet. Bischof Kliment Pickel betonte, dass es ein „historischer Moment“ sei, beim Seligsprechungsverfahren gehe es aber nicht um eine „nachträgliche Ehrung eines heroischen Menschen“, sondern um den Glauben an das ewige Leben. Gertrude Detzel stammte aus dem russlanddeutschen Dorf Roschdestwenskoje. 1949 wurde sie zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, 1954 erlangte sie durch eine Amnestie ihre Freiheit wieder. Seit Mitte der 1950er-Jahre lebte sie bis zu ihrem Tod in der kasachischen Industriemetropole Karaganda, wo viele Deportierte und Verbannte gelandet waren. Bischof Pickel: „Ordensschwester zu sein, war in der Sowjetunion verboten, aber sie lebte so. Ihre ganzes Leben war Gott geweiht und sie lehrte andere, ihn zu suchen und zu lieben. Das war lebensgefährlich. Ob es stimmt, dass sie aus dem Arbeitslager entlassen wurde, weil sie auch dort so erfolgreich missionierte, weiß ich nicht. Aber bei allem, was ich höre und lese, kann ich es mir tatsächlich vorstellen“. Es kursiert die Geschichte, dass der Kommandant des Arbeitslagers, in dem Gertrude Detzel festgehalten wurde, die „Organe“ dringend um Freilassung der Gefangenen ersuchte, „weil sonst hier alle zu beten anfangen“.

Der Bischof von Karaganda, Adelio Dell’Oro, erzählte in seiner Predigt bei der Messfeier zur Eröffnung des diözesanen Seligsprechungsverfahrens bewegende Beispiele aus dem Leben von Gertrude Detzel: „Sie versammelte am Sonntag, auch noch im Straflager, Frauen zum gemeinsamen Gebet, katholische und evangelische. Als eines Tages der Lagerkommandant die Baracke während des heimlichen Gebets betrat, erschraken alle. Nur Gertrude betete weiter bis zum Ende, im Knien. Dann stand sie auf und erklärte dem Kommandanten, einem Kasachen, dass sich katholische Christen, wenn sie zu Gott beten, nicht von Menschen ablenken lassen können. Der Kommandant antwortete: ‚Hätten Sie aufgehört zu beten, als ich eintrat, hätte ich Ihnen nicht geglaubt. Ihr Glaube ist echt‘. Dann verließ er die Baracke“.

Am Beginn der Messfeier hatte der Postulator des Seligsprechungsverfahrens, der armenisch-katholische Priester P. Sergej Babadschanian, die Biographie von Gertrude Detzel geschildert. Das Zentrum ihres Lebens sei die persönliche Verbindung mit Gott, die Verkündigung des Evangeliums gewesen, sagte P. Sergej.

Das Seligsprechungsverfahren für Gertrude Detzel ist der erste Vorgang dieser Art im neuen Russland. Ihre Gestalt steht zugleich für die vielen orthodoxen, katholischen, evangelischen Frauen, die in den Jahren des stalinistischen Terrors – und den folgenden Jahrzehnten der ständigen Bedrückung und Verfolgung der Christen – unverdrossen zu ihrer Glaubensüberzeugung standen und durch ihr Beispiel unzähligen Menschen den Weg zu Gott erschlossen.

 

Der „heilige Doktor“ von Moskau

Derzeit läuft in Russland auch ein weiteres katholisches Seligsprechungsverfahren, das eine Persönlichkeit aus einer anderen Epoche betrifft. Es geht um den „heiligen Doktor“ Friedrich Joseph Haass (auf russisch: Fjodor Petrowitsch Gaas). Der aus dem Rheinland stammende Arzt (1780-1853), der jahrzehntelang in Moskau tätig war, gilt als Vorbild christlicher Nächstenliebe über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Insbesondere betreute er in Moskau über 25 Jahre lang Strafgefangene seelsorglich, sozial und medizinisch. Dabei trat er für eine Humanisierung des Strafvollzugs ein. Der Moskauer diözesane Abschnitt des Seligsprechungsverfahren ist bereits abgeschlossen, jetzt muss die zuständige vatikanische Kongregation die Akten prüfen. Aus Anlass des bevorstehenden 240. Jahrestages der Geburt des „heiligen Doktors“ hat der orthodoxe Bischof Nikolai (Balashikhinskij), der für die Verlagsabteilung des Moskauer Patriarchats verantwortlich ist, ein Buch über Friedrich Joseph Haass herausgebracht, das den Titel „Beeil dich, Gutes zu tun“ trägt. Das Buch wurde in dem Dr. Haass gewidmeten Museum am Wissenschaftlichen Institut für Hygiene und Gesundheitsvorsorge der Kinder und Jugendlichen in Moskau präsentiert.

Friedrich Joseph Haass wurde am 10. August 1780 in Münstereifel im damaligen Herzogtum Jülich/Juliers geboren. Der Sohn eines Apothekers besuchte im damals französischen Köln die „Ecole Centrale“ und studierte dann an den Universitäten in Jena und Göttingen Germanistik, Philosophie und Medizin. In Göttingen erfolgte seine Promotion zum Doktor der Medizin und Chirurgie. In Wien ließ er sich zum Augenarzt ausbilden. Einer seiner ersten Patienten als Hausarzt der russischen Fürstin Warwara Repnina war deren Vater, der unter einer schweren Augenkrankheit litt. Der Fürst erkannte die Begabung des jungen Arztes und lud ihn nach Russland ein. Bereits 1807 wurde er zum Chefarzt der renommierten Pawlowskaja Klinik ernannt. Während des Krieges 1812 gegen Napoleon I. arbeitete er als Chirurg in der Russischen Armee. Nach dem Krieg kehrte Haass nach Moskau zurück, wo er als Betreiber einer Privatpraxis von 1814 bis 1829 zum Hausarzt der Oberschicht avancierte. Außerdem lehrte und arbeitete er freiwillig in Altersheimen.

Ab 1828 widmete er sich als Mitglied des Moskauer Gefängnisschutzkomitees 25 Jahre lang der Sorge um die Gefangenen, die nach Sibirien verbannt worden waren. Er war fest davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gut sei, weil Gott ihn nach seinem Abbild geschaffen habe. Daher sei ein Mensch, der vom rechten Wege abgekommen sei, nichts weiter als ein unglücklicher, kranker Mensch, den man nur durch Humanität heilen könne. Dieses positive Menschenbild lernte er vor allem durch die Heiligen Franz von Assisi und Franz von Sales kennen. Die Schriften von Franz von Sales zählte er zu seinen Lieblingsbüchern, vor allem dessen theologisches Hauptwerk „Abhandlung über die Gottesliebe“. In einem Brief an den Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling vom 31. Dezember 1843 empfiehlt er diesem dringend, die Werke des Heiligen Franz von Sales zu lesen. Aus seinem Testament geht hervor, dass Haass im Besitz von Reliquien des Heiligen Franz von Sales war, die er einer katholischen Kirche in Irkutsk vermachte.

1836 setzte er eine Verordnung durch, die schweren Eisenfesseln der Gefangenen durch leichtere, innen mit Leder ausgelegte zu ersetzen, die nicht mehr die Füße der Gefangenen bis auf das Blut durchscheuerten. Die Fesseln trugen den Namen „Gaassche Fesseln“. Daran erinnern die überdimensionalen Metallfesseln an seinem Grab. 1841 verfasste er ein „ABC der christlichen Sittsamkeit“, das er drucken ließ und an deportierte Straftäter verteilte. 1843 wurde ein später „Alexander-Krankenhaus“ genanntes Polizei-Häftlingskrankenhaus eröffnet, das von Haass durch sein Privatvermögen finanzierte wurde. Bis zu seinem Lebensende lebte und arbeitete Haass in diesem vom Volksmund auch als „Gaassowka“ bezeichnetem Krankenhaus. Der Arzt starb am 16. August 1853. Zu seiner Beerdigung auf dem Moskauer Wwedenskoje-Friedhof kamen 20.000 Menschen. Der Grabstein trägt auf russisch das Haass-Zitat: „Beeilt Euch, Gutes zu tun“.

Die Deutsche Schule Moskau trägt seit 27. Mai 1989 den Namen „Deutsche Schule Moskau – Friedrich Joseph Haass“. Das Deutsch-Russische Forum verleiht seit 1995 jährlich den Dr.-Friedrich-Joseph-Haass-Preis an Personen, die sich um die deutsch-russischen Beziehungen verdient gemacht haben. Am 16. April 2016 wurde in der Moskauer „Helikon“-Oper eine Opern-Kollage mit dem Titel „Doktor Gaas uraufgeführt. Komponist war der damals erst 27-jährige Aleksij Sergumin, das Libretto verfasste die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja. (ende)]