Tur Abdin: Mönch freigelassen, aber Priester-Eltern verschwunden

Aramäische Verbände fordern Einstellung aller Ermittlungen gegen den zu Unrecht des Terrorismus beschuldigten syrisch-orthodoxen Mönchs und der beiden Mitbeschuldigten

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Ankara-Berlin, 16.01.20 (poi) Der syrisch-orthodoxe Mönch P. Aho Bilecen – der gemeinsam mit zwei anderen Christen aus dem Tur Abdin von den türkischen Sicherheitsbehörden wegen angeblicher Zusammenarbeit mit der kurdischen PKK verhaftet worden war – ist wieder frei. Mit dem Mönch, der das alte Kloster Mor Yakoub revitalisiert hatte, wurden auch Yousef Yar, Bürgermeister der christlichen Ortschaft Arkah (türkisch: Ücköy), und Musa Tastekin wieder in Freiheit gesetzt. Nachdem zunächst Musa Tastekin und am Montag Yousef Yar freikamen, erfolgte am Dienstagabend auch die Entlassung von P. Aho aus der Untersuchungshaft in Mardin. In der syrisch-christlichen Community im Tur Abdin wurde die Freilassung der drei fälschlich Beschuldigten mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, zugleich herrscht aber jetzt große Sorge über das „Verschwinden“ der Eltern des in Istanbul tätigen chaldäisch-katholischen Priesters Ramzi Diril am Samstag, 11. Jänner. Die Eltern des Priesters lebten in dem Dörfchen Meer im Tur Abdin.

Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir, erklärte am Mittwoch: „Wir sind natürlich erleichtert, dass mit P. Aho Bilecen nun alle drei völlig unbescholtenen Personen wieder auf freiem Fuß sind. Die ihnen gegenüber geäußerten haltlosen Vorwürfe konnten mithilfe massiver Intervention der aramäischen Dachverbände aus Europa und den Eparchien in der Türkei glücklicherweise rasch widerlegt werden. Im Übrigen erwarten wir die völlige Rehabilitation der zu Unrecht Beschuldigten, die Aufhebung der Entlassungsauflagen und die Einstellung aller weiteren Ermittlungen“. Die Beschuldigung wegen „Terrorismus“ war von der Staatsanwaltschaft aber nie offiziell erhoben worden. Die Inhaftierung des Mönchs, unter dessen Leitung das im 12. Jahrhundert gegründete Kloster Mor Yakoub umfassend restauriert wurde, wieder aufgeblüht und zu einem Anziehungspunkt für viele orientalische Christen und Touristen geworden ist, sowie des Bürgermeisters einer syrisch-orthodoxen Ortsgemeinschaft mit noch 50 ansässigen Familien hatte bei der aramäischen Gemeinschaft weltweit große Sorge und Bestürzung ausgelöst. Assyrische Verbände hatten die Festnahme von P. Aho Bilecen mit dem Fall des aus den USA stammenden evangelikalen Pastors Andrew Brunson verglichen, der zwei Jahre in türkischer Haft verbringen musste.

Die angestammte christliche Bevölkerung des Tur Abdin (die verschiedenen christlichen Kirchen angehört) wird seit Jahrzehnten in den Kämpfen zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen PKK in existenzbedrohender Weise zerrieben und unter Druck gesetzt. Bereits in den 1980er – und 1990er-Jahren gerieten zahlreiche Christen in die blutigen Auseinandersetzungen zwischen PKK-Kämpfern und der türkischen Armee und Gendarmerie bzw. den mit ihnen verbundenen kurdischen „Dorfschützern“. Bekannte aramäische Persönlichkeiten, Ortsvorsteher, Ärzte und Zivilisten wurden ermordet, Geistliche entführt und bedroht. Diese Ereignisse lösten eine Massenauswanderung aus dem Tur Abdin in Richtung Europa aus. Daniyel Demir erinnert daran, dass die Aramäer (Christen der syrischen Tradition unterschiedlicher Konfession) bis heute in der Türkei nicht als Minderheit anerkannt sind und daher ihre Rechte, wie das elementare Menschenrecht auf Religionsfreiheit, nicht entsprechend ausüben können. So sind Bau oder Erhaltung von Kirchengebäuden mit massiven Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden, die Ausbildung des Priesternachwuchses oder der offizielle Unterricht der aramäischen Sprache, der Sprache Jesu, eigentlich verboten. Die Lage der Minderheit sei von erheblicher Rechtsunsicherheit geprägt und der Willkür lokaler Behörden ausgeliefert.

Im Hinblick auf die Lage im Tur Abdin hat das Verschwinden der Eltern von Ramzi Diril neue Sorge ausgelöst. Nach Augenzeugenberichten wurde das ältere Ehepaar am Nachmittag des 11. Jänner von „Unbekannten“ entführt. Als Ramzi Diril am 12. Jänner die Eltern besuchen wollte, fand er das Haus leer vor. Houmouz Diril und seine Frau waren vor einem Jahrzehnt in ihren Geburtsort Meer (türkisch: Kovankaya) zurückgekehrt und hatten seither dort gelebt – als die einzige christliche Familie in dem früher ganz christlichen Ort. „Einladungen“ und „Drohungen“ zum Verkauf ihres Hauses hatten die Eheleute immer abgelehnt. Die Christen im Tur Abdin haben zum Gebet für die Freilassung der älteren und kränklichen Eheleute aufgerufen.