1.030-Jahr-Feier der „Taufe der Rus“: Verbale Auseinandersetzungen in Moskau und Kiew

Patriarch Kyrill bedauert Spaltungsversuche „unserer Religion fernstehender Kräfte“ – Pariser Metropolit überreichte im Auftrag von Papst Bartholomaios I. Botschaft an Präsident Poroschenko – 250.000 Gläubige bei der Kreuzprozession der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in Kiew

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Foto: © Dmitry A. Mottl (Quelle: WIkimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Kiew-Moskau, 28.07.18 (poi) Im Schatten der 1.030-Jahr-Feiern der „Taufe der Kiewer Rus“ haben die öffentlichen Auseinandersetzungen um die ukrainische Orthodoxie einen neuen Höhepunkt erreicht. „Die russisch-orthodoxe Kirche wird – auf der Grundlage der unerschütterlichen Kanones des Kirchenrechts und der unwiderleglichen historischen Evidenz niemals auf ihren Taufbrunnen im Dnjepr verzichten, dessen Tradition auf den Heiligen Apostelgleichen Großfürsten Wladimir zurückgeht“: Dies betonte der Moskauer Patriarch Kyrill I. am Freitag bei einer Begegnung mit den Repräsentanten jener zehn autokephalen orthodoxen Kirchen, die aus Anlass der 1.030-Jahr-Feiern nach Moskau gekommen waren. Für das Moskauer Patriarchat sei Kiew die „Mutter der russischen Städte“ und der „Geburtsort“ der russisch-orthodoxen Kirche“, sagte der Patriarch: „Fürs uns ist Kiew so heilig wie Jerusalem oder Konstantinopel für die ganze Orthodoxie oder wie der Kosovo und die Metochie für die serbisch-orthodoxe Kirche“. Derzeit versuchten die „unserer Religion fernstehenden Kräfte“ die Einheit der russisch-orthodoxen Kirche zu zerstören. Auf die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche, auf deren Oberhaupt, Metropolit Onufrij von Kiew, auf die Bischöfe, den Klerus und das gläubige Volk in der Ukraine werde massiver Druck ausgeübt.

In diesem Zusammenhang erinnerte Patriarch Kyrill an die immer wieder vorkommenden Fälle von gewaltsamer „Übernahme“ von orthodoxen Gotteshäusern in der Ukraine durch schismatische Gruppierungen, an die Drohungen gegen das Kiewer Höhlenkloster und die Lawra von Potschajew sowie an die „allgegenwärtige Diskriminierung“ der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche. Jetzt seien ukrainische Politiker mit der Initiative hervorgetreten, aus den schismatischen Gruppierungen eine „Ortskirche“ zu bilden, die mit der Autokephalie ausgestattet werden soll. Dies könne zu einer „panorthodoxen Katastrophe“ führen. Im „dramatischen Gesamtbild“ sei die Unterstützung der anderen autokephalen Kirchen für das Moskauer Patriarchat besonders kostbar. Patriarch Kyrill bat die anwesenden Repräsentanten der autokephalen Kirchen, ihren Oberen, den Heiligen Synoden und allen Hierarchen die „aufrichtige und tiefe Dankbarkeit“ der russisch-orthodoxen Kirche zu übermitteln.

Abschließend sagte der Moskauer Patriarch, „nichtökumenische Kräfte“ versuchten, die globale orthodoxe Einheit durch Beeinflussung „bestimmter Hierarchen“ in Gefahr zu bringen. Der kirchliche Friede sei aber auch durch die derzeit „extrem komplizierte internationale politische Situation“ bedroht. Die Kirche habe in ihrer Geschichte aber schon schwierigere Phasen erlebt. Den Vorfahren sei es durch harte Arbeit gelungen, die orthodoxe Einheit bis heute zu erhalten, sagte Patriarch Kyrill und fügte hinzu: „Wir haben die Verantwortung vor Gott, diesen Schatz zu bewahren und ihn unseren Nachfahren zu übergeben“.

Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Paris weilt im Auftrag des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. als Gast von Metropolit Onufrij von Kiew bei den 1.030-Jahr-Feiern. Am Freitagnachmittag traf der Metropolit mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zusammen und übergab ihm einen Brief von Bartholomaios I. Über die Begegnung wurde von Seiten des Ökumenischen Patriarchats nichts berichtet, derzeit liegt nur eine Mitteilung der ukrainischen Präsidentschaftskanzlei vor. In dieser Mitteilung hieß es u.a., die Botschaft des Ökumenischen Patriarchen signalisiere die „Unterstützung für Kiew“ durch die „Mutterkirche von Konstantinopel“. Metropolit Emmanuel habe dem Präsidenten berichtet, dass Delegationen des Ökumenischen Patriarchats die anderen autokephalen Kirchen über die Entscheidung des Heiligen Synods von Konstantinopel vom 20. April unterrichtet hätten, sich mit der Frage einer ukrainischen Autokephalie zu beschäftigen. „Wir heißen jeden willkommen, der Bartholomaios I. besucht, um über die nächsten Schritte zu diskutieren“, habe der Pariser Metropolit festgestellt. Metropolit Emmanuel habe Poroschenko für dessen Bemühungen um die Einheit der orthodoxen Kirche in der Ukraine gedankt, dieser Einheit würden auch die Anstrengungen der Kirche von Konstantinopel als der „Mutterkirche“ gelten.

Auf der Website des ukrainischen Präsidenten war zu lesen, dass die Botschaft des Ökumenischen Patriarchen vom ukrainisch-orthodoxen Bischof Hilarion (Rudnyk) von Edmonton in Kanada, der unter dem Omophorion von Konstantinopel steht, verlesen wurde. Bartholomaios I. habe auf die Bedeutung der Tatsache verwiesen, dass der Heilige Wladimir persönlich in der Metropolie Chersones auf der Krim getauft wurde, die damals noch zum oströmischen Reich gehörte. Durch die Gründung der Metropolie von Kiew und der ganzen Rus sei die in Kiew neugetaufte Nation unter die spirituelle Führung, die Obsorge und die Hut der Kirche von Konstantinopel gekommen. Die Metropolie von Kiew sei die 60. Metropolie des Ökumenischen Patriarchats gewesen (das zu diesem Zeitpunkt noch von Sizilien bis Mesopotamien reichte). Konstantinopel habe nie „illegale und unkanonische Situationen“ akzeptiert, die das normale Funktionieren der orthodoxen Kirche beeinträchtigt hätten, deshalb sei jetzt die Initiative erfolgt, die Einheit der orthodoxen Gläubigen in der Ukraine wiederherzustellen – „mit dem letzten Ziel der Zuerkennung der Autokephalie für die ukrainische Kirche“.

 

Präsident Poroschenko (der aus der Umgebung der bessarabischen Stadt Reni stammt, die 1945 der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen wurde), ist formal nach wie vor Angehöriger der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Am Freitag beteiligte er sich jedoch an der Kreuzprozession des umstrittenen „Kiewer Patriarchats“. Wenige Tage zuvor hatte Poroschenko in Tarnopol (Ternopyl) erklärt, die Autokephalie sei „eine der Säulen des ukrainischen Staates, der ukrainischen Nation, der ukrainischen nationalen Sicherheit und schlussendlich der globalen Geopolitik“. Zugleich räumte er ein, dass die Situation im Hinblick auf den von ihm angestrebten „Tomos“ aus Konstantinopel für eine autokephale ukrainische Kirche „nicht leicht“ sei. Wörtlich meinte er „Die Opposition ist groß und handelt systematisch. Es gibt keinen Grund, um anzunehmen, dass wir den ‚Tomos‘ in der Tasche haben. Wir müssen weiterhin beten und kämpfen“. Es gebe „scharfen Widerstand“ aus Moskau und von dessen „fünfter Kolonne“ in der Ukraine, wo es Politiker gebe, die „normalerweise“ als pro-ukrainisch angesehen würden, „jetzt aber Signale aussenden, dass man in Sachen Autokephalie nichts überhasten soll“.

Bei seinen Ausführungen in Tarnopol berief sich der ukrainische Präsident auf – allerdings in Frage gestellte – Auffassungen, wonach die Unterstellung der Metropolie Kiew unter Moskau im 17. Jahrhundert unter Verletzung der kanonischen Regeln erfolgt sei und dass nur Konstantinopel das Recht zur Verleihung der Autokephalie habe. Moskau, das sich als Mutter der Kirche von Kiew betrachte, sei in Wahrheit die „Tochter von Kiew“, so Poroschenko.

Im Hinblick auf seine kirchenpolitischen Ambitionen sagte der Präsident, es gehe nicht um die Etablierung einer „Staatskirche“. Die Kirchen würden in Zukunft – wie in der Vergangenheit – unabhängig vom Staat sein, wie es die Verfassung vorsehe. Die Kirche in der Ukraine müsse unabhängig vom Staat sein, „vor allem von einem ausländischen Staat“, formulierte Poroschenko mit einem Seitenhieb auf das von ihm als staatshörig betrachtete Moskauer Patriarchat.

„Ein wunderbar freudiges Ereignis“

Mittlerweile fand in Kiew aus Anlass der 1.030-Jahr-Feier eine „Abstimmung mit den Füßen“ statt. Mehr als 250.000 Gläubige aus allen Teilen der Ukraine beteiligten sich am Freitag an der Kreuzprozession mit Metropolit Onufrij vom Wladimirhügel zum Kiewer Höhlenkloster. „Es war ein wunderbar freudiges Ereignis“, sagte der Sprecher der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, P. Wasilij Anisimow, vor Journalisten.

An der Spitze der Prozession wurden acht wundertätige Ikonen und Reliquien aus verschiedenen Teilen der Ukraine getragen – u.a. Reliquien des Heiligen Wladimir, des Apostels Andreas, der im Mündungsgebiet des Dnjestr das Evangelium gepredigt haben soll, von Papst Clemens, der in der Verbannung auf der Krim gestorben war, die Ikone der Gottesmutter (Zimnenskaja) und Reliquien des von den ukrainischen Bolschewiken 1918 ermordeten Kiewer Metropoliten Wladimir (Bogoslawenskij). Im Verlauf der Prozession wurde eine Andacht für die Seelenruhe der Opfer des Majdan 2014 gehalten.

Wegen der großen Zahl der Teilnehmenden zog sich die Prozession über drei Kilometer hin und dauerte mehr als drei Stunden. Trotz der Versuche von Aktivisten der nationalistischen sogenannten „Swoboda“-Partei, Gläubige aus verschiedenen Landesteilen an der Fahrt nach Kiew zu hindern, ließen sich die orthodoxen Christen nicht einschüchtern.