5.000 Gläubige kamen zum Fest des Bischofs Gabriel ins anatolische Kloster Mor Gabriel

Für die syrisch-orthodoxe Gemeinschaft ist das Kloster im Tur Abdin gleichsam „ein zweites Jerusalem“ – Seit 2008 laufen vor türkischen Gerichten und europäischen Instanzen die Prozesse um den Klosterbesitz, den sich benachbarte Dörfer aneignen wollen

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany)

Antakije (Antiochien), 05.09.19 (poi) Mehr als 5.000 syrisch-orthodoxe Gläubige aus aller Welt pilgerten am 31. August, dem Fest des Heiligen Bischofs Gabriel (594 n.Chr.-667 n.Chr.), in das berühmte Kloster im Tur Abdin (heutige südöstliche Türkei), das den Namen des Heiligen trägt. Bischof Gabriel, der einer der großen Wundertäter des Nahen Ostens war, hatte von 634 n.Chr. bis 667 n.Chr. in dem Kloster residiert. Der für den Tur Abdin zuständige syrisch-orthodoxe Metropolit Mor Timotheos Aktas war Hauptzelebrant der Liturgie. Der Pfarrer  von Beth Qustan (dem Geburtsort des Heiligen Bischofs Gabriel), Gabriel Aktas, würdigte im Gespräch mit der türkischen Zeitung „Daily Sabah“ die „dichte religiöse Atmosphäre“, die bei den Feiern in Mor Gabriel herrschte. Die Gläubigen aus der europäischen, amerikanischen und australischen Diaspora hätten sich in vorbildlicher Weise an den Feiern beteiligt, die am Vorabend begannen und die ganze Nacht über mit Bibellesungen und Psalmengesängen andauerten. Abt Daniel Savci sagte, für die syrisch-orthodoxe Gemeinschaft sei das Kloster Mor Gabriel gleichsam „ein zweites Jerusalem“.

Das in die Spätantike zurückreichende Kloster Mor Gabriel liegt zirka 20 Kilometer südöstlich der Stadt Midyat in der kargen Berglandschaft des Tur Abdin. Im 7. Jahrhundert bekam das Kloster seinen noch heute üblichen Namen nach dem Heiligen Bischof Gabriel. Das Kloster wird auch als Kloster von Qartmin bezeichnet, Qartmin ist der Name des benachbarten Dorfes. Die Ursprünge des Klosters liegen in der Spätantike. Gegründet wurde es im Jahre 397 von Samuel und seinem Schüler Simon. Seine Bedeutung wuchs schnell, und im 6. Jahrhundert lebten hier bereits bis zu 1.000 Mönche aus dem ganzen nahöstlichen Raum. Zwischen 615 und 1049 befand sich hier der Bischofssitz des Tur Abdin. Das Kloster unterhielt eine sehr bedeutende Bibliothek, von der heute jedoch fast nichts mehr erhalten ist (einige Manuskripte werden unter anderem in der British Library verwahrt); die Hochschule des Klosters spielte eine wichtige Rolle für die theologische Ausbildung in der Region und in der gesamten syrischen Kirche. Sie bildete viele hochrangige Kleriker und Gelehrte aus, unter anderem vier Patriarchen und 84 Bischöfe.

Das Kloster war bis 1915 eine selbständige Eparchie. In diesem Jahr wurde auch Mor Gabriel ein Opfer der von den Funktionären der jungtürkischen Bewegung für Einheit und Fortschritt (Ittihad ve Terakki), die damals die osmanische Regierung stellten, bürokratisch durchgeplanten Vernichtungskampagne gegen die Christen. Erst 1919 – während der vorübergehenden französischen Besetzung – konnten wieder syrisch-orthodoxe Mönche in das Kloster zurückkehren. In den 1950er-Jahren wurde mit Renovierungs- und Erweiterungsvorhaben begonnen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Wasser- und Stromversorgung eingerichtet und eine Straße zum Kloster gebaut sowie ein Garten zur Selbstversorgung angelegt. Zum Schutz der ausgedehnten Klostergärten und der für die Autarkie des Klosters wichtigen Flächen vor einfallenden Viehherden wurde vor einigen Jahren eine Mauer um das Kloster gebaut. Heute ist das Kloster soziales und religiöses Zentrum der Eparchie Tur Abdin und Wallfahrtsort. Mit der Weihe des Abtes Mor Timotheos Samuel Aktaş zum Erzbischof wurde es 1995 faktischer Bischofssitz des Tur Abdin (anstelle von Midyat).

2008 wurde das Kloster Mor Gabriel von drei kurdischen Dörfern wegen „rechtswidriger Ansiedlung“ verklagt. Die Kläger bestritten den Anspruch der Mönche auf das von diesen seit Jahrhunderten bearbeitete Land. Seither laufen Prozesse zwischen der Klosterstiftung (wie alle kirchlichen Einrichtungen in der Türkei wird auch Mor Gabriel von einer geistlichen Stiftung nach islamischem Vorbild, „vakif“, getragen), den Dörfern sowie der staatlichen Finanzverwaltung und der Forstverwaltung sowohl vor türkischen Gerichten als auch vor europäischen Instanzen. Das Kloster hat zwar juridische Teilerfolge erzielt, aber noch keine endgültige Absicherung seines Besitzes gegen ungerechtfertigte Ansprüche neidischer Nachbarn oder staatlicher Stellen.