Abrahamitische Religionen sagen gemeinsam nein zu Euthanasie und assistiertem Suizid

Papst Franziskus empfing am Montag die Unterzeichner des gemeinsamen Dokuments, das auf eine Initiative von Rabbi Steinberg, dem Ko-Präsidenten des Israelischen Ethik-Rates, zurückgeht – „Unmoralisch und religiös verwerflich“

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain/ United States public domain/e GNU Free Documentation License)

Vatikanstadt, 28.10.19 (poi) Im Vatikan wurde am Montag ein christlich-jüdisch-muslimisches Dokument unterzeichnet, das dezidiert gegen jede Form der Euthanasie (auch des „assistierten Suizids und der aktiven Sterbehilfe“) Stellung nimmt. Das menschliche Leben sei eine Gabe Gottes und müsse bis zu seinem natürlichen Ende der Verfügungsgewalt der Menschen entzogen bleiben. Initiator der Erklärung mit ihrem „unmissverständlichen Nein zur Euthanasie und dem entschlossenen Ja zum Wert jedes menschlichen Lebens“ war der Ko-Präsident des Israelischen Ethik-Rates, Rabbi Avraham Steinberg, der Papst Franziskus einen entsprechenden Vorschlag übermittelt hatte. Erarbeitet wurde das christlich-jüdisch-muslimische Konsensdokument von einer interreligiösen Arbeitsgruppe unter Federführung der „Päpstlichen Akademie für das Leben“. Papst Franziskus empfing am Montag die Unterzeichner des „historischen Dokuments“ aus allen drei abrahamitischen Religionen.

  1. Norbert Hofmann, der Sekretär der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, betonte am Montag im Gespräch mit „Radio Vatikan“, dass die gemeinsame Erklärung den assistierten Suizid und die aktive Sterbehilfe als „unmoralisch und religiös verwerflich“ verurteilt. Auf die medizinischen Institutionen dürfe kein Druck ausgeübt werden, menschliches Leben künstlich zu beenden. Vielmehr sollten die jeweiligen religiösen Grundüberzeugungen der Betroffenen geachtet und die palliative Fürsorge gestärkt werden.

Was das Gespräch mit dem Judentum betrifft, habe man sich im Dialog zwischen der „Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“ und dem israelischen Oberrabbinat Israel bereits im Februar 2006 mit diesem Thema beschäftigt und folgende gemeinsamen Grundüberzeugung zum Ausdruck gebracht: „Wir bestätigen die Prinzipien unserer jeweiligen Tradition, dass Gott der Schöpfer und Herr alles Lebens, und deswegen das menschliche Leben heilig ist, wie es die Bibel lehrt: die menschliche Person ist nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen (vgl. Gen 1,26-27). Weil das Leben ein Geschenk Gottes ist, sollte es respektiert und erhalten werden. Wir verwerfen klar die Idee, dass das Leben Eigentum des Menschen ist, sowie das Recht jeder menschlicher Partei, über dessen Wert oder Länge zu entscheiden. Daher weisen wir das Konzept einer aktiven Euthanasie als eine illegale menschliche Anmaßung zurück. Es gibt eine exklusive göttliche Autorität, die Zeit des Todes einer Person zu bestimmen“. Dass eine muslimische Organisation wie die indonesische „Nahdat ul Ulema“ dieser Grundüberzeugung zustimmen kann, zeuge davon, dass die drei „abrahamitischen Religionen“ mit Blick auf den Lebensschutz am Ende des Lebens gemeinsame Werte vertreten.

Am Montag hatten sich in der vatikanischen „Casina Pio IV“, dem Sitz der Päpstlichen Akademie für die Sozialwissenschaften, christliche, jüdische und muslimische Repräsentanten versammelt, um das gemeinsame Dokument gegen die Euthanasie zu unterschreiben. In dem Dokument heißt es wörtlich: „Wir wenden uns gegen jede Form der Euthanasie“. Denn Euthanasie bedeute einen „absichtlichen Akt, das Leben zu nehmen“, ebenso wie der „assistierte Suizid“ direkte Beihilfe zum Selbstmord sei. Beide Handlungsweisen stünden im Gegensatz zum Wert des menschlichen Lebens. Vom moralischen wie vom religiösen Standpunkt aus handle es sich um „verfehlte Aktionen“, die ausnahmslos zu verbieten seien. Zweck des gemeinsamen Dokuments ist es, die Position der monotheistischen Religionen  zu präsentieren und dem Gesundheitspersonal zu helfen, gläubige Sterbende und deren Familienangehörige zu verstehen, ihnen zu helfen und sie zu trösten. Zugleich wolle man das von Überzeugungen, Werten und Verhaltensweisen geprägte gegenseitige Verständnis zwischen den monotheistischen Traditionen und der laizistischen Ethik im Hinblick auf terminale Patienten fördern.

Die Unterzeichnungszeremonien wurde von Erzbischof Vincenzo Paglia, dem Präsidenten der „Päpstlichen Akademie für das Leben“ , geleitet. Ihm zur Seite standen sein Sekretär, Msgr. Riccardo Mensuali, und Rabbi David Rosen, der von jüdischer Seite führend im interreligiösen Dialog tätig ist. Mit Erzbischof Paglia waren auch die Kardinäle Miguel Angel Ayuso Guixot (Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog) und Kurt Koch (Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen) sowie Erzbischof Marcelo Sanchez Sorondo, der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, anwesend. Von orthodoxer Seite war das Patriarchat von Moskau vertreten, nicht aber das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel. Aus Israel kamen zustimmende Botschaften sowohl des sowohl des aschkenasischen als auch des sepharditischen Oberrabbinats. Die islamische Seite wurde u.a. durch den in Dschidda lehrenden mauretanischen Gelehrten Scheich Abdallah Bin Bayah und den Repräsentanten der indonesischen „Nahdat ul Ulema“, Marsuidi Syuhud, vertreten. Der medizinisch-technische Fortschritt wird anerkannt, jegliche therapeutische Übertreibung wird verworfen, das Dokument tritt für eine „ganzheitliche und respektvolle Haltung“ gegenüber den Sterbenden ein, die die „spirituelle und religiöse Dimension“ ernst nimmt. Ein solcher Zugang verlange vom medizinischen und pflegerischen Personal „Mitgefühl, Empathie und Professionalität“. Der „spirituelle und religiöse Beistand“ sei ein Grundrecht sowohl des Pazienten wie auch der religiösen Gemeinschaft, der er angehört.

Eindringlich wird in dem Dokument betont, dass alles getan werden müsse, damit Patienten nicht aus Sorge um die finanzielle Belastung ihrer Angehörigen dazu veranlasst werden, sich für den Tod zu entscheiden statt jene Behandlung zu akzeptieren, die es ihnen ermöglichen würde, noch eine restliche Lebenszeit in Würde zu verbringen. Jeglicher Druck auf Todkranke, ihr Leben durch aktives und vorsätzliches Handeln zu beenden, sei kategorisch abzulehnen. Die Unterzeichner treten auch für das Recht auf „Verweigerung aus Gewissensgründen“ ein, wenn Angehörige des medizinischen oder pflegerischen Personals unter Druck gesetzt werden sollen, um sich an direkten oder indirekten Euthanasie-Maßnahmen zu beteiligen. Ausdrücklich wird in dem Dokument für Gesetze und eine politische Praxis eingetreten, die „das Recht und die Würde des terminalen Patienten“ schützen, die Euthanasie vermeiden und die schmerzlindernde Palliativbehandlung fördern. Die Politiker und die Repräsentanten der Gesundheitsberufe werden eingeladen, sich mit den Perspektiven und Lehren der abrahamitischen Religionen vertraut zu machen, um Sterbenden und ihren Familien, die sich an religiösen Normen und Traditionen orientieren, einen noch besseren Beistand leisten zu können.