Ägypten: „In jeder Stadt und jedem Dorf nebeneinander eine Kirche und eine Moschee“

Koptischer Papst-Patriarch Tawadros II. würdigt den Bau der koptischen Kathedrale in der künftigen administrativen Hauptstadt Neu-Kairo als „Ausdruck der neuen Gleichberechtigung“ – Neumärtyrer: Was den Kopten die Kraft zur Vergebung gibt

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Foto: © Dragan TATIC Österreichische Außenministerium (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Kairo, 30.03.18 (poi) Der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II. hat im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR den Bau der Geburt-Christi-Kathedrale und der benachbarten Hauptmoschee in der künftigen ägyptischen administrativen Hauptstadt Neu-Kairo als „Ausdruck der neuen Gleichberechtigung zwischen Christen und Muslimen“ im Nil-Land bezeichnet. Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi habe zum koptischen Weihnachtsfest 2017 den Bau der Kathedrale angekündigt, ein Jahr später sei die (noch nicht zur Gänze fertig gestellte) Kathedrale geweiht worden und er habe dort die erste Heilige Messe gefeiert, unterstrich Tawadros II. Das in Neu-Kairo verwirklichte Prinzip der Nachbarschaft von Kirche und Moschee werde in Zukunft „in jeder Stadt und in jedem Dorf“ Ägyptens verwirklicht werden.

Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen – deren offizielles Ergebnis am 2. April bekanntgegeben werden soll – betonte der Papst-Patriarch, dass Präsident al-Sisi überaus populär sei; in der Bevölkerung habe es den starken Wunsch gegeben, ihn wiederzuwählen, um ihm Gelegenheit zu geben, „zwei entscheidende Vorhaben für das moderne Ägypten zu vollenden“. Einmal gehe es um den Kampf gegen den Terrorismus und die Gewalt, diesen Kampf führe Ägypten im Interesse der Weltgemeinschaft. Zum anderen gehe es um die Entwicklung und den Aufbau des Landes, auch das sei im Interesse der Weltgemeinschaft, weil ein stabiles Ägypten dem Frieden diene.

Ausführlich ging Tawadros II. in dem Interview auf die Neumärtyrer der koptischen Kirche ein, wobei er betonte: „Wir haben die Hoffnung, dass die Märtyrer, die bei den Attentaten getötet wurden, im Himmel sind. Das Kreuz ist die Brücke zwischen Erde und Himmel. Wir glauben, dass die Märtyrer an das Ufer des Lebens ohne Ende gegangen sind, aber nicht die Beziehung zu uns verloren haben. Das gibt uns einen tiefen Frieden und auch Freude“.

Im Hinblick auf die Täter stellte der Patriarch fest: „Wir lieben alle Menschen. Wir tun das, was Jesus Christus getan hat. Wenn wir einen Menschen lieben, wie es Gott tut, dann müssen wir auch für alle beten. Im Vaterunser sagen wir, vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Wenn wir im Herzen eine solche Liebe haben, wenn unser Gebet ehrlich ist, wenn wir an die Vergebung des Herrn glauben, dann erhalten wir die Kraft, auch jenen zu vergeben, die uns Böses angetan haben, auch jenen, die Attentate verübt haben“.

Bei den bevorstehenden Festlichkeiten zum Osterfest (die Kopten feiern am 1. April den Palmsonntag, am 8. April Ostern) werde sich die koptische Gemeinschaft wieder ganz den Händen Gottes anvertrauen, sagte Tawadros II. auf die Frage nach der Angst vor neuerlichen islamistischen Attentaten (im Vorjahr hatte es am Palmsonntag Attentate in der Markuskathedrale in Alexandrien und in der Georgskirche in Tanta gegeben). „Was wir tun können, ist beten und für den Frieden arbeiten“, betonte der Patriarch.

Tawadros II. ist vor kurzem auch mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman („MbS“) zusammengetroffen. Im SIR-Interview unterstrich der Patriarch seine Überzeugung, dass der „permanente und ständige Dialog“ zwischen den politischen und religiösen Führungspersönlichkeiten, die Teilnahme an gemeinsamen Initiativen „auf der Basis von Respekt und Nächstenliebe“, für die „Erbauung des Friedens“ essenziell seien.

Auch der ökumenische Dialog unter den getrennten Christen sei von großer Bedeutung, so Tawadros II. So sei der Ägypten-Besuch von Papst Franziskus im Vorjahr nicht nur für die Beziehungen zwischen koptischer und katholischer Kirche, sondern auch für das ganze Land sehr wichtig gewesen. Das gemeinsame Gebet im Gedenken an die koptischen Neumärtyrer betrachte er als den „wichtigsten Abschnitt des Papstbesuchs“, ein „spiritueller und symbolischer Schritt“ zur Verwirklichung des Gebets Jesu um die Einheit. Es gebe einen ständigen Kontakt mit Papst Franziskus („wir telefonieren immer wieder“) sowohl im Hinblick auf den offiziellen theologischen Dialog als auch auf die Teilnahme an Initiativen des Heiligen Stuhls wie etwa heuer der Jugendsynode.