Äthiopien: Katholische Bischöfe warnen vor Bürgerkriegsgefahr

Unmittelbarer Anlass sind die Auseinandersetzungen im Bundesland Tigray, aber auch im Bundesland Oromia kommt es immer wieder zu blutigen Zwischenfällen – Kondolenzschreiben des Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche an den äthiopisch-orthodoxen Patriarchen Mathias I. nach dem Blutbad an Christen im Bezirk Vallega

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Foto: © Gyrofrog (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Addis Abeba, 06.11.20 (poi) „Wir fordern die Parteien nachdrücklich auf, ihre Differenzen im Geiste des Respekts, des Verständnisses und des gegenseitigen Vertrauens gütlich beizulegen“: Dies betonen die katholischen Bischöfe von Äthiopien in einer Erklärung zu den jüngsten Spannungen im Land. Es bestehe die Gefahr eines Bürgerkriegs. Am 4. November erklärte die äthiopische Regierung den Ausnahmezustand im Bundesstaat Tigray und ordnete eine Militäroffensive an, nachdem eine Militärbasis von ehemaligen Soldaten erobert worden war, die der früheren Regionalregierung von Tigray treu sind. Die Bischöfe hoffen und beten, „dass die Menschen im gegenseitigen Respekt, und im Rahmen des Dialogs gemeinsam für des Wohl des Landes arbeiten werden“. Trotz der Bemühungen von religiösen und zivilgesellschaftlichen Führungspersönlichkeiten um die Entschärfung des anhaltenden Konflikts zwischen der Zentralregierung und dem Bundesland Tigray seien die Spannungen eskaliert, heißt es in der Erklärung. Die Bischöfe warnen: „Wenn unsere Brüder sich gegenseitig töten, wird Äthiopien nichts gewinnen. Stattdessen wird dies das Land in den Bankrott führen und niemandem nützen“. Deshalb laden sie „alle Äthiopier“ ein, aktiv zur Sache der Versöhnung beizutragen, die nationale Einheit zu stärken und Frieden und Sicherheit zu unterstützen.
Die Spannungen in Tigray werden von den Massakern im Bundesland Oromia noch übertroffen, ganz zu schweigen von den Auseinandersetzungen im Bundesland Ogaden, wo zunehmend somalische Islamisten die Macht ergreifen und die örtlichen Christen bedrängen. Die äthiopisch-katholische Kirche verurteilt die anhaltende Vertreibung und Tötung schuldloser Menschen in verschiedenen Teilen des Landes nachdrücklich: „Die schrecklichen Massaker an unseren Brüdern und Schwestern haben unsere Kirche zutiefst traurig gemacht“. Die Bischöfe bitten die Katholiken in Äthiopien und in aller Welt, “die Situation in unserem Land genau zu beobachten und für Frieden und Versöhnung zu beten“. Die Auseinandersetzungen in Äthiopien haben seit der Föderalisierung des früher – sowohl in der Zeit des Negus als auch unter der kommunistischen Herrschaft des „Derg“ – zentralistisch verwalteten Landes drastisch zugenommen.
Auch die Salesianer-Schwester Laura Girotto, die in der Stadt Adua im Tigray das neue Gesundheitszentrum „Kidane Mehret“ (die äthiopische Bezeichnung der Gottesmutter: „Schleier der Barmherzigkeit“) aufbaut, betont die Gefährlichkeit der Situation. Der erste Trakt von „Kidane Mehret“ ist bereits in Betrieb, im Endausbau wird das Gesundheitszentrum 200 Betten haben. Sr. Laura geht es – vor allem mit Hilfe von Sponsoren aus Italien – um den Schutz von Kindern, Müttern und Armen. In einem Land, das periodisch von Konflikten, Dürre und jetzt von der Heuschreckenplage heimgesucht werde, würde eine militärische Auseinandersetzung im Tigray eine ernste Gefahr für die Bevölkerung bedeuten, so die Schwester. Die Ordensfrau hatte ihre Aktivität in Adua 1994 begonnen, als die Ortspolitiker der Stadt einen Hilferuf ausstießen. Seither haben die Ordensfrauen in Adua das Gesundheitszentrum, eine Schule und landwirtschaftliche Betriebe aufgebaut. Die Situation hat sich jetzt zugespitzt, weil Straßen- und Telekommunikationsverbindungen mit der Region Tigray von der Zentralregierung unterbrochen worden sind.
Der Moskauer Patriarch Kyrill I. hat angesichts des – auch vom Generalsekretär des Weltkirchenrats, Prof. Ioan Sauca, angeprangerten – Blutbads an äthiopisch-orthodoxen Christen im Bezirk Vallega des Bundeslands Oromia ein Kondolenzschreiben an den äthiopisch-orthodoxen Katholikos-Patriarchen Mathias I. gerichtet. Er habe die Nachricht über den Überfall bewaffneter Extremisten auf friedliche Christen in Oromia mit tiefer Sorge zur Kenntnis genommen, stellte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche fest. In Namen des Moskauer Patriarchats drücke er den Verwandten und Freunden der Opfer des schrecklichen Verbrechens sein Mitgefühl aus, so Kyrill I. Sein Gebet gelte auch der Wiederherstellung von Frieden und Eintracht im „altehrwürdigen Land Äthiopien“.