Aleppo: Rückgabe des „Holy Land College“ an die Franziskaner

Die nordsyrische Metropole ist auch durch die Corona-Pandemie schwer betroffen – Bischof Abou Khazen sieht in den internationalen Sanktionen eine wesentliche Ursache der Mängel in der medizinischen Versorgung

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© KIRCHE IN NOT

Damaskus, 20.09.20 (poi)  Das frühere „Holy Land College“ der Franziskaner-Kustodie des Heiligen Landes in Aleppo wurde vom syrischen Staat offiziell an die Ordensleute zurückgegeben. Dies berichtete P. Firas Lutfi, Kustos der für Syrien, Libanon und Jordanien zuständigen Franziskanerprovinz, in einem Brief an das katholische Ordinariat des lateinischen Ritus in Aleppo.  P. Firas erinnerte daran, dass der Gebäudekomplex seit seiner Gründung als weiterführende Schule „eine wichtige Rolle“ gespielt hat habe, als eine Bildungseinrichtung, an der „viele Ärzte, Ingenieure und öffentliche Persönlichkeiten ihren Schulabschluss gemacht haben“. Auch nach der Verstaatlichung der Schulen sei das „Holy Land College“ ein „wichtiger Ort für die christliche Präsenz in Aleppo“ geblieben, vor allem dank der Aktivitäten des „christlichen Bildungszentrums“. „Seit Beginn der verheerenden Krise, die unser geliebtes Land heimgesucht hat“, fügte Pater Firas hinzu, „haben die Franziskaner Familien aufgenommen, die dringend einen Zufluchtsort brauchten, der ein wenig Stabilität und Hoffnung für ihr Land und in ihr kulturelles Erbe bietet. Täglich strömten Hunderte von Kindern aus Aleppo ins Kloster, das Tag für Tag immer mehr zu einer Oase der Liebe, Begegnung und des Friedens geworden ist.“ Dank der Rückgabe, „die wir der Fürbitte der Jungfrau Maria zuschreiben“, heißt es in dem Brief weiter, seien die Franziskaner in der Lage, ihre Mission im Dienste des syrischen Volkes, das „von Krieg, Epidemien und Leiden aller Art betroffen ist“, besser zu erfüllen. Bei einem Treffen mit Präsident Bashar Assad am 23. Dezember 2019 hatten die Franziskaner gebeten, dass ihnen das Grundstück und der Gebäudekomplex zurückgegeben wird. Der syrische Präsident versprach damals, „sich dafür einzusetzen“. P. Firas dankte jetzt dem Staatschef für die Rückgabe.

Derzeit leben in Syrien insgesamt 15 Franziskaner. Auch die von Franziskanern betreuten Pfarrgemeinden in den katholischen Dörfern am Orontes sind aktiv, obwohl das Gebiet in der Hand islamistischer Milizen ist, die die Demontage aller Kreuze und Marienbilder forderten. Erst vor kurzem sind in Syrien zwei Franziskaner – Pater Edward Tamer (83) und Pater Firas Hejazin (49) – an den Folgen einer Covid 19-Erkrankung gestorben. Der lateinische Apostolische Vikar für Aleppo, Bischof Georges Abou Khazen, bezeichnete den Tod der beiden Franziskaner als „eine Tragödie“. Damit seien von den ursprünglich fünf Franziskanern in Aleppo nur mehr drei im Einsatz.  Auf ihrem Höhepunkt habe die Pandemie in der lateinischen Gemeinschaft der Stadt zehn Tote pro Tag gefordert. Mittlerweile habe sich die Pandemie abgeschwächt, aber die Situation sei wegen des Mangels an Krankenbetten, Medikamenten, Ärzten und Pflegekräften nach wie vor „prekär“, wie Pfarrer P. Ibrahim Alsabagh schreibt, der sich als einziger unter den Aleppiner Franziskanern nicht angesteckt hat. Die Kirche habe versucht, in allen Bevölkerungsschichten das Abstandhalten und den Gebrauch von Masken zu popularisieren, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern, betont der Franziskaner.

Die Lockdown-Massnahmen hätten sich auch in Aleppo positiv ausgewirkt. Aber man wisse nicht, welche Konsequenzen die am 13. September erfolgte Wiedereröffnung der Schulen haben wird. Die offizielle Bilanz der syrischen Regierung spricht von 3.700 Infektionen und 162 Todesopfern, aber Bischof Abou Khazen hält diese Zahlen für „bei weitem untertrieben“. Es fehle an allem und jedem. Erst vor kurzem seien in Aleppo und in Damaskus Zentren für die Testanalyse eröffnet worden. Der Bischof führt die Situation auf die internationalen Sanktionen zurück, durch die vor allem die schwächsten Sektoren der Bevölkerung am schwersten getroffen würden. Die schlimmste Zeit sei zwischen Juni und August gewesen. Seit vier Wochen gebe es wieder öffentliche Gottesdienste, „aber mit rigiden Vorsichtsmaßnahmen“. Unter den Christen in Aleppo gebe es viele Leute, die sagen, dass man „während des Krieges besser dran war als jetzt, wo wir gegen das Virus, gegen die Inflation und die Teuerung kämpfen müssen“. Um Brot zu kaufen, müsse man sich stundenlang anstellen, noch länger dauere es, wenn man tanken wolle. Der Bischof bedauerte, dass durch die internationalen Sanktionen auch die Hilfsmaßnahmen der Kirchen schwer betroffen seien: „Die Situation ist so, dass viele unserer Leute sagen, es sei ein Fehler gewesen, nicht gleich zu flüchten“.