Am 19. Mai wird des Völkermords an den Pontus-Griechen gedacht

Orthodoxer Erzbischof Makarios von Australien fordert als Voraussetzung für ehrliche Versöhnung ein Schuldeingeständnis im Hinblick auf die Verantwortung der ittihadistischen und kemalistischen türkischen Politiker

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Foto: © Unknown author, http://www.pappaspost.com/asia-minor-catastrophe-us-newspaper-headlines/ (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Canberra-Ankara,  17.05.20 (poi) In der weltweiten griechischen Diaspora wird am 19. Mai der Verfolgung und Vertreibung der orthodoxen Einwohner des Pontus – der Landschaft am Schwarzen Meer mit der Metropole Trapezunt (Trabzon) – in den Jahren 1915-1923 gedacht. In Australien ist die Präsenz der Nachfahren der Opfer des „pontischen Genozids“ besonders stark. Erzbischof Makarios (Griniezakis) von Australien betonte in einer Erklärung zum „Gedenktag des pontischen Genozids“, es sei wichtig, nichts zu vergessen: „Wenn wir nicht vergessen, wissen wir, wer wir sind. Wenn wir nicht vergessen, haben wir die Kraft, unseren Weg durch die Geschichte fortzusetzen“.

Die pontischen Griechen seien „durch ihren christlichen Glauben imstande gewesen, das Trauma in eine das Leben verändernde Herausforderung zu verwandeln“, stellte Erzbischof Makarios fest. Die Gnade Gottes habe ihnen die Kraft gegeben, ein neues Leben zu beginnen. Umso notwendiger sei es, dass die Verantwortung für den Genozid – die bei den ittihadistischen und kemalistischen türkischen Politikern lag – anerkannt wird, dies sei die Voraussetzung für eine ehrliche Versöhnung. Zugleich müsse Toleranz, gegenseitiger Respekt und historisches Bewusstsein gefördert werden.

In seiner Botschaft stellte Erzbischof Makarios fest, dass die pontischen Griechen ein „wichtiger Teil“ der griechischen Geschichte und des „größeren Hellenismus“ seien. Die Tragödie des Genozids bedeute – parallel zum Völkermord an den Armeniern, den Christen der syrischen Tradition und den ägäischen und ost-thrazischen Griechen – ein Trauma für die orthodoxen Christen in aller Welt. Die Gedenkveranstaltungen der pontischen Vereinigungungen in Australien seien wichtig, unterstrich der Erzbischof: „Wir dürfen nichts vergessen, was während der Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach geschah: Die Todesmärsche, die Arbeitslager, den Feuersturm von Smyrna, die ermordeten Metropoliten und Bischöfe, das um des christlichen Glaubens willen vergossene Blut“.

Die Geschichte des Pontus unterschied sich von der des übrigen Kleinasien. Der Pontus blieb – obwohl nach der Eroberung des Kaisertums von Trapezunt im Jahre 1461 unter osmanischer Herrschaft – weitgehend christlich. Allerdings trat im späten 17. Jahrhundert ein großer Prozentsatz der Bevölkerung zum Islam über, wurde aber nicht „vertürkt“, sondern blieb der griechischen Sprache treu, die aber mit arabischen Buchstaben geschrieben wurde. Nach dem Vertrag von Lausanne 1923 durften nur diese islamisierten Pontusgriechen im Land bleiben. Auch heute noch spielen die griechische Sprache und die griechische Volkskultur im Pontus eine große Rolle, obwohl es kein „griechisches Bewusstsein“ gibt. Nur in der Diaspora – zum Beispiel in New York – sind christliche und islamisierte Pontusgriechen einander näher gekommen.

Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es im Pontus (und an der ganzen Schwarzmeerküste) im Zeichen der „Tanzimat“-Politik zu einer Renaissance des griechischen Elements; in manchen Tälern des Pontus entwickelte sich sogar eine Rückkehrbewegung der islamisierten Bevölkerung zum Christentum. Nach der Machtergreifung der jungtürkischen Bewegung „Ittihad ve Terakki“ (Einheit und Fortschritt) im Osmanischen Reich kam es ab Beginn des Ersten Weltkriegs auch im Pontus zu dramatischen Verfolgungsmaßnahmen gegen die christliche Bevölkerung. Bereits im Februar 1914 wurde der Auftrag für die „Einholung“ der patriotischen Kollekte zum Kauf von Kriegsschiffen vom Trapezunter Stadtkomitee der Ittihadisten an stadtbekannte Kriminelle übertragen. Griechische und armenische Geschäftsleute wurden erpresst, zahlreiche Unternehmen, die Christen gehörten, wurden geplündert. 1915 begann im Pontus die Deportation der armenischen Bevölkerung. Viele armenische Frauen und Kinder wurden auf Anweisung des Vali von Trapezunt, Cemal Azmi (der als „Schlächter von Trapezunt“ bekannt wurde), in Booten auf das offene Meer getrieben, wo sie kenterten. Der amerikanische Konsul in Trapezunt berichtete, dass vollbesetzte Boote hinausfuhren und wenige Stunden später leer zurückkehrten. Ein Haupträdelsführer der blutigen Verfolgung gegen Griechen und Armenier vor 1916, aber auch nach der Wiedereroberung des Pontus durch kemalistische Einheiten 1920 war Topal Osman, ein Offizier tscherkessischer Herkunft, der eine wichtige Funktion in der staatlichen Terrororganisation „Teskilat-i-Mahsusa“ („Spezialorganisation“) innehatte.

Die pontusgriechischen Diaspora-Organisationen verweisen auf Informationen, wonach es ab Beginn des Ersten Weltkriegs präzise Strategien für den Völkermord im Pontus gegeben habe. Diese Strategien hätten die sofortige Tötung aller männlichen Christen im Alter zwischen 16 und 60 vorgesehen, Frauen, Kinder und Senioren sollten in das Innere Anatoliens deportiert und durch Hunger dezimiert werden. Als Beweis für die geplante Ermordung der Christen werden von pontusgriechischer Seite die protokollierten Antworten des späteren Staatspräsidenten Ismet Inönü auf kritische Anfragen bei Sitzungen der Nationalversammlung im Mai 1922 angeführt: „Das Schlachten der Giauren passierte, als die Hellenen den Aufstand übten, viele Türken töteten, ihre Haremsdamen entweihten, sich ihre Besitztümer aneigneten. Dann erst gab die Zentrale den Befehl zum Schlachten an Topal Osman Aga“.

Die Gräuel hörten erst auf, als die russischen Truppen im April 1916 Trapezunt besetzen konnten. Gemäß den Vereinbarungen der Entente sollte der Pontus entweder direkt an das russische Kaiserreich angeschlossen oder Teil eines armenischen Vasallenstaates werden. Als die russische Front im Zug der beiden Revolutionen von 1917 zusammenbrach, wurde in Trapezunt eine „Pontische Republik“ proklamiert, eine interimistische Regierung wurde gebildet, die bis 1920 standhielt, obwohl bereits im Frühjahr 1918 wieder osmanische Einheiten in das Gebiet eingesickert waren. 1919 besetzten armenische Truppen das Gebiet, im Friedensvertrag von Sevres wurde der Pontus  Armenien zugesprochen. Am 19. Mai 1919 landete der später als „Atatürk“ bekannt gewordene General Mustafa Kemal in Samsun und wäre um ein Haar in die Gefangenschaft von Truppen der „Pontischen Republik“ geraten. Im April 1920 brachten die Kemalisten die einstige Kaiserstadt Trapezunt unter ihre Kontrolle. Nach der kemalistischen Machtergreifung wurde die gesamte christliche Bevölkerung vertrieben, viele Zeugnisse der christlichen Vergangenheit wurden vernichtet. Wissenschaftliche Untersuchungen besagen, dass zwischen 1915 und 1923 insgesamt rund 300.000 christliche Pontus-Griechen ermordet wurden. Hunderttausende mussten fliehen, teils im Windschatten der auf dem Rückzug befindlichen russischen Truppen nach Georgien und auf die Krim, teils nach Griechenland oder nach Übersee.

Symptomatisch für das Schicksal der Pontus-Griechen war das Leben von Metropolit Chrysanthos (Philippidis), von 1913 bis 1923 Erzbischof von Trapezunt, später von 1938 bis 1941 Erzbischof von Athen. Philippidis wurde 1881 in Komotini im damals noch osmanischen Thrakien geboren, schon als junger Priester war er in Trapezunt tätig, wo er für christlich-islamische Verständigung eintrat. Seine Studienjahre führten ihn u.a. nach Wien, Leipzig und Lausanne. Im Mai 1913 wurde er zum Metropoliten von Trapezunt ernannt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde auch in der Schwarzmeer-Metropole der Druck auf die christliche Bevölkerung spürbar. Metropolit Chrysanthos verhandelte pausenlos mit den türkischen Behörden, um sie von der Loyalität der Griechen zu überzeugen, es gelang ihm, Hunderte Personen vor der Deportation oder vor der Einziehung in die sogenannten Arbeitsbataillone („Amele taburlari“) zu bewahren, er setzte die Freistellung von Lehrern und kirchlichen Mitarbeitern vom Militärdienst durch.

Als die osmanischen Behörden in Trapezunt 1916 vor dem russischen Vormarsch flüchteten, übertrugen sie Metropolit Chrysanthos die Verwaltung der Stadt. Die russischen Militärbehörden behielten diese Regelung bei, weil sie die administrativen und diplomatischen Fähigkeiten des Metropoliten schätzen lernten und ihn als Garanten der harmonischen Koexistenz zwischen griechischer und türkischer (bzw. islamisierter) Stadtbevölkerung betrachteten.

Als die bolschewistische Revolution ausbrach, war der Metropolit in Kaukasien aktiv: In Tiflis half er den georgischen Bischöfen bei der Wiederherstellung der Autokephalie der georgisch-orthodoxen Kirche, in Jerewan verhandelte er über die Bildung einer pontisch-armenischen Föderation. Bei der Friedenskonferenz in Paris trat er für die Anerkennung der „Pontischen Republik“ ein. In Trapezunt wurde bald klar, dass er auf der geheimen Todesliste der Kemalisten stand; im September 1921 wurde er von einem der selbsternannten „Unabhängigkeitsgerichte“ des Mustafa Kemal zum Tod verurteilt (die „Gerichte“ hatten zu diesem Zeitpunkt bereits 69 griechisch-pontische Vertreter des öffentlichen Lebens ermordet). Dem Metropoliten blieb nichts anderes übrig als nach Konstantinopel zu fliehen, das zu diesem Zeitpunkt von den Alliierten besetzt war. Als die Alliierten vom Bosporus 1922 abzogen, musste auch Metropolit Chrysanthos nach Griechenland übersiedeln. In den 1920er- und 1930er-Jahren übernahm der Metropolit heikle kirchendiplomatische Missionen in Tirana, Belgrad, Bukarest, Warschau und Nicosia. Im Dezember 1938 wurde er zum Erzbischof von Athen und ganz Griechenland gewählt. 1941 weigerte sich der Erzbischof, dem von der deutschen und italienischen Besatzungsmacht als Ministerpräsidenten eingesetzten General Georgios Tsolakoglou den Treueid abzunehmen. Erzbischof Chrysanthos wurde abgesetzt, er zog sich in ein kleines Haus im Athener Bezirk Kypseli zurück, das er während der ganzen Kriegszeit kein einziges Mal verließ. Nach Kriegsende bemühte er sich nicht, in sein Amt zurückzukehren und starb 1949.