Annexion im Jordan-Tal: Heiliger Stuhl ist besorgt

Kardinal-Staatssekretär Parolin lud am 30. Juni überraschend die Vatikan-Botschafter der USA und Israels, Callista Gingrich und Oren David, zum Gespräch ein

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Foto: © English Wikipedia user Daniel Case (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Vatikanstadt, 02.07.20 (poi) Der Heilige Stuhl hat in einer überraschenden Aktion seine Besorgnis über die Pläne zur Annexion des Jordan-Tals  durch Israel zum Ausdruck gebracht. Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin tat das am 30. Juni in getrennten Begegnungen mit der US-Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Callista Louise Gingrich, und dem israelischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Oren David. Im offiziellen  vatikanischen Kommunique vom 1. Juli heißt es, der Kardinal-Staatssekretär sei mit den beiden Botschaftern zusammengetroffen, um die „Besorgnis des Heiligen Stuhls im Hinblick auf mögliche einseitige Aktionen“ zum Ausdruck zu bringen, die „die Suche nach Frieden zwischen Israelis und Palästinensern sowie die heikle Situation im Nahen Osten zusätzlich in Gefahr bringen könnten“.

Weiters wird in dem Kommunique auf die Stellungnahmen des Heiligen Stuhls vom 20. November 2019 und vom 20. Mai 2020 verwiesen. In diesen Stellungnahmen habe der Heilige Stuhl bekräftigt, dass der Staat Israel und der Staat Palästina das Recht hätten, innerhalb von international anerkannten Grenzen zu existieren und in Frieden zu leben. Der Heilige Stuhl appelliere daher an die Beteiligten, den Weg der direkten Verhandlung auf der Basis der relevanten Resolutionen der Vereinten Nationen wieder zu eröffnen. Dieser Weg solle durch Maßnahmen erleichtert werden, die das „gegenseitige Vertrauen wiederherstellen“. In diesem Zusammenhang werden die Worte von Papst Franziskus bei der „Anrufung des Friedens“ mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas am 8. Juni 2014 in den vatikanischen Gärten zitiert: „Es braucht Mut, um Ja zu sagen zur Begegnung und Nein zur Auseinandersetzung; Ja zum Dialog und Nein zur Gewalt; Ja zur Verhandlung und Nein zu Feindseligkeiten; Ja zur Einhaltung der Abmachungen und Nein zu Provokationen; Ja zur Aufrichtigkeit und Nein zur Doppelzüngigkeit“.

Am heurigen 20. Mai hatte sich der palästinensische Chefverhandler (und Generalsekretär der PLO), Saeb Erekat, telefonisch an den vatikanischen „Außenminister“, Erzbischof Paul Richard Gallagher, gewandt, um den Heiligen Stuhl über die Möglichkeit zu informieren, dass die israelische Souveränität unilateral auf Teile des palästinensischen Territoriums ausgedehnt wird. Auch damals hatte der Heilige Stuhl bekräftigt, dass die Respektierung des Völkerrechts und der UN-Resolutionen ein unverzichtbares Element dafür seien, dass die beiden Völker Seite an Seite in zwei Staaten mit den international anerkannten Grenzen von vor 1967 leben können. Im vatikanischen Kommunique wurde damals die Sorge des Heiligen Stuhls über Akte zum Ausdruck gebracht, die den notwendigen Friedensdialog zusätzlich belasten würden.