Armenisch-apostolischer Katholikos-Patriarch gedachte der Märtyrer des Völkermords

Botschaft von Karekin II. aus Anlass des 105. Jahrestages des Beginns der Armenier-Verfolgung im Osmanischen Reich – „Unsere Märtyrer haben schrecklich gelitten, aber sie sind fest im Glauben geblieben“

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Foto: © Tzolag Hovsepian (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Jerewan, 24.04.20 (poi) Der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier, Karekin II., hat aus Anlass des 105. Jahrestages des Beginns der Armenier-Verfolgung im Osmanischen Reich die „heiligen Märtyrer des Völkermords an den Armeniern“ gewürdigt, die „aus Liebe zum christlichen Glauben und zur Heimat ihr Leben hingegeben haben“. Am 24. April 1915 hatte in Konstantinopel mit der Verhaftung von armenischen Parlamentariern, Priestern, Journalisten, Schriftstellern und Industriellen durch die osmanische Geheimpolizei die Verfolgung der Armenier durch die vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) gestellte osmanische Regierung begonnen. In seiner Botschaft an „das geliebte armenische Volk in der Heimat und in der Diaspora“ erinnerte Karekin II. an die Ermordung von 1,5 Millionen armenischen  Männern, Frauen und Kindern in den Jahren 1915-1923, an die „Zerstörung der nationalen und spirituellen Werte des armenischen Volkes“, seiner Heiligtümer, Kirchen und Klöster, seiner Dörfer und Städte. Unzählige Armenier hätten damals ihre historische Heimat verloren und seien zur Flucht ins Exil gezwungen worden.

Die in den frühen Morgenstunden des 24. April 1915 verhafteten Angehörigen der armenischen Elite wurden per Zug in Konzentrationslager im Inneren Anatoliens transportiert, die meisten kamen ums Leben. Unmittelbar danach wurden die Verfolgungsmaßnahmen auf die ganze armenische Bevölkerung ausgedehnt. Der Katholikos-Patriarch stellte am Freitag fest: „Unsere Märtyrer haben schrecklich gelitten, aber sie sind fest im Glauben geblieben, unerschütterlich im Geist, mutig im Angesicht des Todes. So haben sie die Krone der Heiligkeit erlangt“.

Wegen der Corona-Pandemie sei es heuer nicht möglich, am „Tsitsernakaberd“-Mahnmal in Jerewan, in den Kirchen und an den Gedenkstätten an die Märtyrer zu erinnern, bedauerte Karekin II. Umso mehr gelte es, in den Häusern und Wohnungen in „spiritueller Solidarität“ der Opfer der Armenier-Verfolgung zu gedenken. Das Gebet gelte zugleich der Existenz Armeniens „in Sicherheit, Freiheit und Unabhängigkeit“ und der Hoffnung auf „universale Anerkennung des Völkermords an den Armeniern“. Bisher haben 30 Staaten die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich ab 1915 als Völkermord anerkannt.

Papst Franziskus hatte 2016 am „Tsitsernakaberd“-Mahnmal der armenischen Märtyrer gedacht und im „Goldenen Buch“ des Mahnmals geschrieben: „Mit Schmerz in der Seele bete ich, dass sich nie mehr solche Tragödien ereignen, dass die Menschheit nicht vergisst und das Böse durch das Gute zu besiegen weiß; Gott möge dem geliebten armenischen Volk und der ganzen Welt Frieden und Trost gewähren und das Gedenken des armenischen Volkes bewahren“.

Bereits im Jahr zuvor hatte der Papst beim 100-Jahr-Gedenken des Beginns der Armenier-Verfolgung den Begriff „Völkermord“ gebraucht, indem er die „gemeinsame Erklärung“ von Papst Johannes Paul II. und Katholikos-Patriarch Karekin II. vom 27. September 2001 zitierte: „Die erste der großen Tragödien des vergangenen Jahrhunderts, die allgemein als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts betrachtet wird, hat das armenische Volk betroffen, die erste christliche Nation“.

 

Hinter verschlossenen Türen

Die Gedächtnis-Liturgie zum 24. April (mit dem anschließenden Fürbittgebet) konnte Katholikos-Patriarch Karekin II. wegen der Corona-Pandemie am Freitag in der Kathedrale von Etschmiadzin nur hinter verschlossenen Türen zelebrieren. Ebenso geschah es in den armenischen Kirchen in aller Welt. Um 12 Uhr Mittag läuteten in allen Kirchen Armeniens und der armenischen Diaspora die Glocken zum Gedenken an die Märtyrer der Jahre 1915 bis 1923. Die armenisch-apostolische Kirche hatte überall an die Gläubigen appelliert, sich in den Wohnungen geistlich mit den Liturgiefeiern in den Kirchen zu verbinden.