Armenische Christen beteten am Sonntag weltweit für Frieden im Kaukasus

Papst Franziskus begrüßt den in Moskau zwischen Armenien und Azerbaidschan geschlossenen Waffenstillstand – Davor bildete azerbaidschanischer Angriff auf die Erlöserkathedrale in Shusha dramatischen Höhepunkt der militärischen Auseinandersetzung – In Armenien wurde Erinnerung an das Pogrom von Shusha im März 1920 wach

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Foto: © Ліонкінг (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Moskau-Jerewan-Baku, 11.10.20 (poi) In den armenisch-apostolischen Gotteshäusern in aller Welt erklang am Sonntag bei der Göttlichen Liturgie ein besonderes Gebet für den Frieden „und für die armenische Nation und das geliebte Heimatland“; in der Kathedrale in Etschmiadzin sprach Katholikos-Patriarch Karekin II. selbst dieses Gebet. In Rom sagte Papst Franziskus beim Angelus-Gebet, er schätze es sehr, dass in Moskau zwischen Armenien und Azerbaidschan aus humanitären Motiven „im Hinblick auf eine substanzielle Friedensübereinkunft“ ein Waffenstillstand vereinbart worden sei. Obwohl der Waffenstillstand sehr fragil ist, ermutigte der Papst dazu, ihn fortzuführen. Der Papst brachte sein Mitgefühl im Hinblick auf die Todesopfer in Berg-Karabach, „die erlittenen Leiden“ und die Zerstörung von Wohnhäusern und Gotteshäusern zum Ausdruck. Er lade zum Gebet für die Opfer und für alle ein, die durch den Konflikt in Gefahr sind. Schätzungen gehen davon aus, dass seit Beginn der azerbaidschanischen Attacken auf Artsach in den Morgenstunden des 27. Septembers rund 400 Tote zu beklagen sind, darunter nicht wenige Zivilisten, auch Frauen und Kinder. Rund 70.000 Einwohner von Artsach sind geflohen .

Auf dringende Einladung des russischen Außenministers Sergej Lawrow haben der armenische Außenminister Zohrab Mnatsakanian und dessen azerbaidschanischer Amtskollege Dscheyhun Bayramow in der Nacht von Freitag auf Samstag nach zehnstündigen Verhandlungen eine Waffenruhe vereinbart, die am Samstag, 10. Oktober, um 12 Uhr Moskauer Zeit offiziell in Kraft trat. Im Waffenstillstandsdokument wurde ein Gefangenenaustausch mit Hilfe des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz vereinbart, zugleich verpflichteten sich die Unterzeichner, über die OSZE „konkrete“ Diskussionen für ein Friedensabkommen zu beginnen. Die Ko-Vorsitzenden der „Minsk-Gruppe“ der OSZE – Igor Popow  (Russische Föderation), Stephane Visconti (Frankreich) und Andrew Schofer (USA) – begrüßten den „humanitären Waffenstillstand“ und appellierten an die Beteiligten, die „eingegangenen Verpflichtungen voll zu respektieren“. Zugleich teilten sie mit, dass sie gemeinsam mit dem persönlichen Vertreter des OSZE-Vorsitzenden, Andrzej Kasprzyk, sofort Gespräche mit dem Roten Kreuz über die Modalitäten des Gefangenenaustauschs aufgenommen hätten. Die „Minsk-Gruppe“ werde sich aktiv für die Umsetzung des Waffenstillstands einsetzen. Der armenische Präsident Armen Sarkissian dankte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Außenminister Lawrow und den Ko-Vorsitzenden der „Minsk-Gruppe“ für ihre Vermittlungsbemühungen. Er hoffe, dass der Waffenstillstand der Beginn des Prozesses „der Rückkehr zum Frieden“ sei, stellte Sarkissian fest. Der azerbaidschanische Präsident Ilham Alijew sagte, es könne „schon morgen“ zu Friedensverhandlungen zwischen Baku und Jerewan unter den Auspizien der OSZE kommen. „Der militärische Teil, gewissermaßen der erste Teil, ist beendet“, erklärte Alijew, jetzt sei die Zeit für eine politische Regelung gekommen, die es Baku ermöglichen werde, „das zu  bekommen, was ihm zu Recht gehört“.

Allerdings kam es nach dem offiziellen Beginn der Waffenruhe sofort wieder zu Scharmützeln. So berichtete der Sprecher des armenischen Verteidigungsministeriums, dass es am Samstag um 12.05 Uhr Moskauer Zeit zu einem azerbaidschanischen Angriff auf das Städtchen Hadrut gekommen sei. Das azerbaidschanische Verteidigungsministerium berichtete seinerseits von „armenischen Attacken“ auf das azerbaidschanische Städtchen Terter, was von Jerewan umgehend zurückgewiesen wurde. Nach Angaben russischer Journalisten kam es am Samstagabend zu azerbaidschanischen Angriffen auf die Hauptstadt von Artsach, Stepanakert.

Die militärischen Auseinandersetzungen hatten am Donnerstag einen dramatischen Höhepunkt erreicht, als die Erlöserkathedrale in Shusha, die Bischofskirche von Erzbischof Pargev Martirossian, zwei Mal von azerbaidschanischer Artillerie beschossen wurde. Das Dach der Kathedrale wurde teilweise zerstört, zahllose Fenster und Kirchenbänke gingen in Trümmer, auch sakrale Kunstwerke wurden beschädigt. Die Erlöserkathedrale hat für die armenischen Bewohner von Artsach – und für ganz Armenien – höchsten spirituellen Wert.  Die zwischen 1868 und 1887 erbaute Erlöserkathedrale gilt als einer der wichtigsten armenischen Kirchenbauten des 19. Jahrhunderts. Während des Krieges von Berg-Karabach gegen die Zentralregierung in Baku in den frühen 1990er-Jahren wurde die Kathedrale von der azerbaidschanischen Amee als Waffendepot missbraucht, die Inneneinrichtung wurde völlig devastiert. Erst nach der Wiedereroberung von Shusha durch Truppen von Artsach am 8./9. Mai 1992 konnte mit der Restaurierung des Gotteshauses begonnen werden. Die Kathedrale gilt als Symbol der Wiedergeburt des armenischen Volkes in Artsach.

Die azerbaidschanische Armee leugnete am Donnerstag nach dem ersten Angriff, die Kathedrale beschossen zu haben. Später erfolgte eine hochoffizielle Erklärung des Außenministeriums in Baku, wonach die azerbaidschanische Armee nur gegen militärische Ziele vorgehe. In der Erklärung hieß es außerdem u.a., anders als Armenien, das „Moscheen in den besetzten Gebieten zerstört und entweiht“ habe, schreibe Azerbaidschan der Bewahrung der „Tradition der Toleranz“ große Bedeutung zu, was sich etwa darin zeige, dass die armenische Surp Krikor-Kirche im Zentrum von Baku restauriert worden sei und unter staatlichem Schutz stehe.

Wenig später erfolgte ein zweiter Angriff auf die Kathedrale, dabei wurde auch ein russischer Journalist verletzt. Der Präsident von Artsach, Araik Arutyunian, hat inzwischen angekündigt, dass die Kathedrale umgehend restauriert werde. Die Angriffe auf die Erlöserkathedrale stellten eine „Manifestation des Vandalismus“ dar, die sich gegen die „Gesetze Gottes und der Menschheit“ richte.

In einer in Etschmiadzin veröffentlichten offiziellen Erklärung der armenisch-apostolischen Kirche wurde darauf verwiesen, dass Azerbaidschan unter Missachtung seiner internationalen Verantwortung Heiligtümer, „das historische und kulturelle Erbe der Region Artsach“, angegriffen habe. Damit werde die zu verurteilende traditionelle azerbaidschanische Politik sichtbar, die darauf abziele, die Armenier aus Artsach zu vertreiben und die Zeugnisse der armenischen kulturellen Präsenz zu zerstören. Wörtlich heißt es in der Erklärung: „Etschmiadzin verurteilt die Bombardierung der Erlöserkathedrale, dieser Zwischenfall ist als Folge extremer religiöser Intoleranz zu betrachten“. Zugleich appelliert die armenische Kirche an die „internationale Gemeinschaft, die ökumenischen und interreligiösen Organisationen“ eine starke Stimme für „ein Ende des Blutvergießens, den Schutz des Rechtes des Volkes von Artsach auf ein freies und unabhängiges Leben und die Bewahrung des kulturellen Erbes und seiner Zeugnisse“ zu erheben.

Noch vor der Eskalation in Shusha hatte Katholikos-Patriarch Karekin II. in einem Interview mit „Armenpress“ am 7. Oktober alle Vermutungen zurückgewiesen, dass die armenische Seite im Kontext der militärischen Auseinandersetzung einen religiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen provozieren wolle. Seit dem Mittelalter – und noch mehr nach dem Völkermord im Osmanischen Reich ab 1915 – hätten sich die Armenier über die ganze Welt verbreitet; auch viele islamische Länder hätten den Kindern des armenischen Volkes, die den Genozid überlebten, eine brüderliche Hand geboten und sie willkommen geheißen: „Diese armenischen Gemeinschaften in islamischen Ländern bestehen auch heute. Unsere Kirche hat Diözesen und Pfarrgemeinden in einem Dutzend mehrheitlich islamischer Länder, wo die Armenier als exemplarische Bürger leben, zur Prosperität dieser Nationen beitragen und sich der freundlichen Haltung der örtlichen Behörden erfreuen“.

Karekin II. erinnerte aber auch daran, dass es seit dem Beginn des Konflikts um Berg-Karabach „dank der Vermittlung des Moskauer Patriarchen“  eine Plattform des „trilateralen Dialogs“ unter Beteiligung des azerbaidschanischen Scheich-ul-Islam und des armenischen Katholikos-Patriarchen gibt. Bei den Treffen dieser Plattform sei immer wieder hervorgehoben worden, dass der Konflikt um Berg-Karabach keine religiösen Wurzeln hat. Ebenso sei stets die Notwendigkeit der friedlichen und harmonischen Koexistenz  zwischen den christlichen und muslimischen Bevölkerungsgruppen der Region betont worden. Leider sei heute zu spüren, wie der azerbaidschanische Präsident Alijew versuche, dem Konflikt um Berg-Karabach einen religiösen Aspekt zu verleihen. Karekin II. wörtlich: „Das ist eine Provokation, die leider schreckliche Konsequenzen haben kann“.  Der Katholikos-Patriarch wies auch die azerbaidschanische Beschuldigung zurück, dass die islamischen Monumente in Artsach zerstört worden seien. Im Gegenteil hätten die Behörden von Artsach die notwendigen Finanzmittel für die Erhaltung und Restaurierung von Moscheen und anderer islamischer Monumente in Shusha, Aghdam und anderen Orten zur Verfügung gestellt. Dagegen seien in Azerbaidschan – vor allem in der Exklave Nachitschewan – kostbare christliche Monumente, Tausende von Kreuzen (Khatschkare) und Grabstätten mutwillig zerstört worden.

In Armenien sind nach dem Beschuss der Erlöserkathedrale sofort die Erinnerungen an das Pogrom von Shusha im März 1920 wach geworden. Im russischen Transkaukasien war es nach der Oktoberrevolution von 1917 zu einem Kampf aller gegen alle gekommen; die neu proklamierten Republiken von Georgien, Armenien und Azerbaidschan rangen erbittert um einzelne Gebiete. Die zuvor schon weit nach Anatolien zurückgedrängten Osmanen marschierten mit ihren deutschen und österreichisch-ungarischen Bundesgenossen wieder vor. Von Süden rückten die Briten an. Artsach bildete auch damals einen Zankapfel zwischen Armenien und Azerbaidschan, dessen neue „demokratische“ Regierung von panturanistisch eingestellten Nationalisten gestellt wurde, die bei Bedarf auch die islamistische Karte spielten. Shusha war im Frieden eine blühende Handelsstadt gewesen, die 1916 laut russischer Statistik 43.869 Einwohner hatte, davon 23.396 Armenier (53 Prozent) und 19.121 Kaukasus-Tartaren (wie die Azerbaidschaner damals genannt wurden, 44 Prozent). Anfang 1919 proklamierte die Regierung in Baku die Annexion von Berg-Karabach, als Gouverneur wurde der extremistische Nationalist Khosrow-b. Sultanow entsandt. In Shusha, damals die wichtigste Stadt in Berg-Karabach, entwickelte sich ein von Gewalttaten befeuertes Tauziehen zwischen den azerbaidschanischen Nationalisten und den freiheitsbewussten Armeniern. Es endete in einer Katastrophe.  Am 22. März 1920 brach ein schüchterner armenischer Aufstandsversuch gegen die azerbaidschanischen Machthaber zusammen, die winzige britische Besatzungsgarnison suchte nur ihre eigene Haut zu retten, Sultanow rief zum Dschihad, zum Heiligen Krieg gegen die Armenier, auf, das islamische Stadtproletariat witterte Beute; das Pogrom dauerte bis zum 26. März. Bis zu 18.000 armenische Kinder, Frauen und Männer wurden ermordet, die ganze armenische Stadthälfte, Kirchen, Schulen, Bibliotheken, die prachtvollen Fin-de-Siecle-Villen der großen Kaufmannsfamilien gingen in Flammen auf. Bischof Vahan Ter-Grigorian, der stets für den Ausgleich mit Baku eingetreten war, wurde barbarisch niedergemetzelt: Bevor man ihm den Kopf abschnitt, wurde ihm die Zunge herausgerissen. Die armenische Hälfte von Shusha blieb 40 Jahre ein Ruinenfeld.