Armenische Kirche in tiefer Sorge über die azebaidschanische Offensive in Artsach

Katholikos-Patriarch Karekin II. brach seinen Italien-Besuch vorzeitig ab, auch die vorgesehene private Begegnung mit Papst Franziskus fand nicht statt – Papst Franziskus rief beim Angelus-Gebet am Sonntag zum Gebet für den Frieden im Kaukasus auf

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Foto: © Tzolag Hovsepian (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Jerewan-Rom, 28.09.20 (poi) In der weltweit verbreiteten armenisch-apostolischen Kirche herrscht größte Besorgnis wegen der Zuspitzung des Konflikts zwischen Armenien und Azerbaidschan um Artsach (Berg-Karabach). Azerbaidschanische Luftangriffe auf Artsach haben am Sonntag mindestens 30 Todesopfer gefordert, die Truppen von Artsach haben zwei Helikopter und 14 Kampfdronen der Azeris abgeschossen. Nach armenischen Angaben wurden in Artsach bisher insgesamt 100 Zivilisten getötet, bei den Luftangriffen wurden auch Schulen und Spitäler getroffen. Papst Franziskus hat am Sonntag beim Angelus-Gebet auf die Situation Bezug genommen: „Aus dem Kaukasus-Gebiet kommen Besorgnis erregende Nachrichten über bewaffnete Auseinandersetzungen. Ich bete für den Frieden im Kaukasus und ersuche die Konfliktparteien, konkrete Gesten des guten Willens und der Geschwisterlichkeit zu setzen, die dazu führen können, die Probleme nicht durch Waffengewalt, sondern durch Dialog und Verhandlungen zu lösen. Beten wir gemeinsam im Schweigen um den Frieden im Kaukasus“.

Der oberste Katholikos-Patriarch der armenisch-apostolischen Kirche, Karekin II., hat seinen Italien-Besuch abgebrochen und ist wegen der dramatischen Zuspitzung der Situation vorzeitig in die Heimat zurückgekehrt. Am Montag war eine private Begegnung Karekins II. mit Papst Franziskus vorgesehen, die wegen der Abreise des Katholikos-Patriarchen nicht zustande kam. Am Montag hätte Karekin II. auch dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen einen Besuch abstatten sollen. Ein wichtiges Thema bei den römischen Begegnungen des Katholikos-Patriarchen sollte die Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen in Europa sein. Die orientalisch-orthodoxen Kirchen wollen für ihre wachsende Diaspora in Europa eine gemeinsame Plattform bilden.

Die Pressestelle der armenisch-apostolischen Kirche veröffentlichte am Sonntag eine Botschaft von Karekin II. „an die armenische Nation“: „Söhne und Töchter des armenischen Volkes, am heutigen frühen Morgen haben die azerbaidschanischen Streitkräfte wieder den Waffenstillstand und die damit verbundenen Verpflichtungen gebrochen und auf der ganzen Grenzlinie eine Offensive begonnen. Unbewaffnete Zentren in Artsach – darunter auch die Hauptstadt Stepanakert – wurden bombardiert. Artsach, ein Teil unserer Heimat, ruft uns wieder zur Verteidigung der Rechte unserer Nation, unserer Zukunft und der nationalen Ehre auf. Wir appellieren an unser Volk und die politischen Kräfte, sich zusammenzuschließen, und alle Auseinandersetzungen im Namen der Verteidigung des Vaterlandes beiseite zu lassen. In diesem Augenblick, da ich mich in Italien befinde, wo ich unseren geliebten Bruder, Papst Franziskus, treffen sollte, beende ich sofort den Besuch, um in die Heimat zurückzukehren. Möge Gott Artsach behüten und unsere tapferen Soldaten und ihre Kommandanten schützen“.

Sowohl in Armenien als auch in Artsach wurden der Ausnahmezustand und die Generalmobilmachung proklamiert, um der „azerischen Aggression“ entgegenzutreten. Tausende Freiwillige meldeten sich in den Kasernen, Ministerpräsident Nikol Pashinian erklärte, „der Sieg wird unser sein“. Zugleich appellierte der Ministerpräsident an die Armenier, keine „unsicheren Nachrichten“ über die „Social media“ zu verbreiten. Pashinian stellte fest, der Krieg im Kaukasus bedrohe – wenn er nicht sofort eingebremst werde – nicht nur die Stabilität der Region, sondern auch den Weltfrieden. Jerewan ist überzeugt, dass es jetzt zu den Auseinandersetzungen kommt, weil die internationale Gemeinschaft 2016 beim sogenannten „Vier-Tage-Krieg“, bei dem das von der Türkei unterstützte Azerbaidschan auch IS-Terroristen einsetzte, „nur so schwach auf die Aggression aus Baku reagiert hat“.

Der Präsident der Republik Artsach, Araik Arutyunian, stellte fest: „Wir beten um den Frieden und wollen keinen Krieg. Aber sie drängen uns den Krieg auf.  Und weil sie den Krieg wollen, werden sie ihn auch spüren“. Arutyunian betonte gleichzeitig, dass es für Artsach und Armenien um die Existenz gehe: „Wir können uns den Luxus nicht leisten, zu unterliegen. Das ist unsere Heimat, wir haben keine andere. Wir werden siegen, weil wir um unsere Existenz kämpfen. Den Azeris und ihren türkischen Verbündeten geht es um Expansionismus und ihre antiarmenischen Rassenhass-Phantasien“.

Artsach, das armenisch besiedelt ist und wo einige der ältesten armenischen Klöster zu finden sind, war in den 1920er-Jahren von den Kommunisten Azerbaidschan zugeschlagen worden (die azerbaidschanische Hauptstadt Baku war einer der Brennpunkte der Mehrheitsfraktion – „Bolschewiki“ – in der sozialistischen Partei). Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es 1991-1993 zu einem blutigen Krieg um Artsach, in dessen Verlauf die Armenier auch den Korridor von Latschin besetzten, um eine Landverbindung von der Exklave Artsach mit Armenien herzustellen. Es kam schließlich 1994 zu einem Waffenstillstand, der aber immer wieder gefährdet ist. 2016 wurden unter den azerbaidschanischen „Kämpfern“ auch IS-Terroristen festgestellt, die aus Syrien und dem Irak eingesickert waren. Auf das Konto der Terroristen gingen erschreckende Bluttaten in armenischen Dörfern auf dem Territorium von Artsach.

Am Montag veröffentlichte die angesehene italienische katholische Nachrichtenagentur „AsiaNews“ eine dramatische Nachricht, derzufolge von türkischer Seite 4.000 islamistische Milizionäre aus dem türkisch besetzten Afrin nach Baku transportiert wurden, um sie dort als Söldner für die Attacken auf Artsach und Armenien zur Verfügung zu stellen. Die Söldner würden auf drei Monate verpflichtet und mit 1.800 US-Dollar pro Monat entlohnt. „AsiaNews“ gelangte auch in den Besitz der Aufzeichnung eines Appells der „Sultan Murad-Brigade“ (einer der islamistischen Milizen, die in Syrien von der türkischen Armee unterstützt und benützt werden). In dem Appell heißt es u.a.: „Die Freiwilligen aus Syrien werden in vorderster Linie an der armenisch-azerbaidschanischen Grenze eingesetzt werden“.

„AsiaNews“ zitiert eine Talkshow des Senders „Orient“ der syrischen Islamisten, wo Kritik daran geübt wurde, dass die „Kämpfer“ jetzt an der armenischen Grenze gegen die „christlichen Kreuzritter“ eingesetzt werden sollen „anstatt Assad in Idlib zu bekämpfen“. In den Äußerungen der „Kämpfer“, die „AsiaNews“ aus verschiedenen Quellen vorliegen, ist offen vom „Heiligen Krieg der Muslime gegen die Christen“ die Rede, die Attacken auf Artsach und Armenien seien Teil dieses „Heiligen Krieges“.  Mittlerweile sei in Azerbaidschan der berüchtigte Terrorist Abu Amsha aus dem syrischen Hama eingetroffen, der sich in Libyen „ausgezeichnet“ hat. Seine Leute würden als die schlimmsten „Mörder und Söldner“ gelten, die von extremem Hass gegen die „ungläubigen Christen“ angetrieben seien.

 

Moskauer Patriarch betet für Frieden zwischen Armenien und Azerbaidschan

Russisch-orthodoxe Kirche will sich für Aufrechterhaltung des Dialogs zwischen Katholikos-Patriarch Karekin II. und dem Scheich-ul-Islam Allahshukur Paschazade einsetzen

Moskau-Jerewan, 28.09.20 (poi) Der Moskauer Patriarch Kyrill I. betet für die „ehestmögliche friedliche Lösung des Konflikts um Berg-Karabach (Artsach)“. Dies teilte der amtsführende Leiter der Pressestelle des Patriarchen, Wladimir Legojda, am Montag vor Journalisten mit. Der Patriarch sei überzeugt, dass die Rolle der spirituellen Führungspersönlichkeiten der beiden Länder Armenien und Azerbaidschan – Katholikos-Patriarch Karekin II. und Scheich-ul-Islam Allahshukur Paschazade – von großer Bedeutung sei, fügte Legojda hinzu. Der Katholikos-Patriarch und der Scheich-ul-Islam müssten alle Anstrengungen unternehmen, um den Frieden wiederherzustellen. Die russisch-orthodoxe Kirche habe immer zur Aufrechterhaltung des Dialogs zwischen den Religionsgemeinschaften Armeniens und Azerbaidschans beigetragen, sie sei bereit, weiterhin diese Aufgabe zu erfüllen, stellte der Leiter der Pressestelle fest.