Armenischer Katholikos-Patriarch und Papst Franziskus für Solidarität im Nahen Osten

Karekin II. traf zum Abschluss seines Italien-Besuchs auch mit den Kardinälen Leonardo Sandri und Kurt Koch zusammen – „Herzliche Beziehungen zwischen römisch-katholischer und armenisch-apostolischer Kirche auf allen Ebenen“ – Erzbischof Barsamian jetzt ständiger Repräsentant der armenischen Kirche beim Heiligen Stuhl

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Foto: © Tzolag Hovsepian (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Vatikanstadt-Rom, 25.10.18 (poi) Die Situation der christlichen Kirchen im Nahen Osten – einschließlich der Rechte der Kirchen in Jerusalem – standen im Mittelpunkt des Gesprächs zwischen Papst Franziskus und dem armenisch-apostolischen Katholikos-Patriarchen Karekin II. im Vatikan am 24. Oktober. Wie armenische Medien berichteten, ging es auch um die Intensivierung der Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst von „Frieden und Solidarität“. Der Katholikos-Patriarch habe dem Papst auch seine Sicht der innenpolitischen Entwicklung in Armenien erläutert. Karekin II. traf auch mit den Kardinälen Leonardo Sandri (Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation) und Kurt Koch (Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen) zusammen. Im Gespräch mit den Kardinälen ging es vor allem um Fragen des ökumenischen Dialogs, auch im Dreieck zwischen römisch-katholischer Kirche, der orthodoxen und der orientalisch-orthodoxen Kirchenfamilie.

Die Begegnung mit Papst Franziskus und den Kardinälen bildete den Höhepunkt des Italien-Besuchs von Karekin II. Anlass des Besuchs war das 60-Jahr-Jubiläum der armenisch-apostolischen Gemeinde in Mailand; insgesamt zählt die armenisch-apostolische Kirche in Italien rund 7.000 bis 8.000 Gläubige, vor allem in Mailand, Rom, Bologna, Venedig und Florenz. In Mailand traf der Katholikos-Patriarch mit dem Erzbischof der lombardischen Hauptstadt, Mario Delpini, zusammen. Dabei betonte der Katholikos-Patriarch die herzlichen Beziehungen zwischen katholischer und armenisch-apostolischer Kirche sowohl auf institutioneller wie auch auf persönlicher Ebene und erwähnte seine Begegnungen mit den Päpsten Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus. Wenn er jetzt mit Papst Franziskus zusammentreffe, sei das eine Begegnung „geistlicher Brüder“. Die Beziehungen der Kirchen im Geist der Nächstenliebe und Jüngerschaft seien angesichts der Herausforderungen für Frieden und Gemeinwohl im Weltmaßstab besonders wichtig.

Der Katholikos-Patriarch machte deutlich, dass für die Armenier das Gedenken an den „Metz Yeghern“, das „große Übel“ in Gestalt des von der jungtürkischen Regierung ab 1915 angezettelten Völkermords an den armenischen Christen, auch heute von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Erzbischof Delpini versicherte dem Katholikos-Patriarchen „Compassion und Solidarität“ im Hinblick auf das Gedenken an den Völkermord.

In Rom traf Karekin II. in der Kirche San Vito in Begleitung von Erzbischof Khajak S. Barsamian mit der örtlichen armenischen Gemeinde zusammen. Barsamian war früher als Primas für die armenisch-apostolische Kirche in den östlichen USA zuständig und ist jetzt Legat des Katholikos-Patriarchen für Westeuropa. Zugleich fungiert er seit wenigen Wochen auch als Repräsentant der armenisch-apostolischen Kirche beim Heiligen Stuhl. In San Vito waren auch der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Bischof Brian Farrell, und P. Hyacinthe Destivelle anwesend. Vor den Armeniern Roms erinnerte der Katholikos-Patriarch daran, dass das armenische Volk „Jahrhunderte der Prüfungen und Versuchungen“ zu bewältigen hatte, aber Genozid und Zerstreuung in der Diaspora überlebt habe. Trotz aller Drangsale sei das Volk immer und überall dem Glauben an Christus treu geblieben.

„Kaum Auffassungsunterschiede“

In einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ betonte Erzbischof Barsamian, dass es im theologischen Dialog zwischen armenisch-apostolischer und römisch-katholischer Kirche – mit Ausnahme der Primatsfrage – kaum Auffassungsunterschiede gebe. In früheren Zeiten hätte „einige katholische Theologen“ die Armenier als „Monophysiten“ bezeichnet, aber wenn man die Texte der Kirchenväter und die Hymnendichtung aus dem 5. Jahrhunderte aufmerksam studiere, könne man sehen, dass die Armenier – ebenso wie die Kirche im Römischen Reich – überzeugt waren, dass Jesus Christus „wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch“ sei.

Heute gebe es auch im pastoralen Bereich einen intensiven Dialog. Barsamian zitierte in diesem Zusammenhang die Erfahrungen aus seinem früheren nordamerikanischen Jurisdiktionsbereich, wo gemischtkonfessionelle Eheschließungen kein Problem seien.

Die armenisch-apostolische Kirche verstehe sich als eine Kirche des Volkes, eine „nationale Kirche, aber keine nationalistische“, betonte der Erzbischof. Der christliche Glaube sei Teil der armenischen Identität. Als der persische Shahan-Shah im 5. Jahrhundert die Armenier zur Konversion vom Christentum zum Zoroastrismus zwingen wollte, habe ihm der armenische Heerführer Vartan Mamikonian geantwortet: „Der christliche Glaube ist Bestandteil unserer Haut, wir können sie nicht wechseln“. Die Armenier hätten das Martyrium dem Glaubensabfall vorgezogen. Die ganze armenische Kultur, die Architektur, die Musik und alles andere beruhe auf dem Glauben an Christus.

Wenn es keine politische Führung gebe, müsse die Kirche die geistige Führung des armenischen Volkes übernehmen, betonte Barsamian. Das habe sie auch immer getan, auch in der Diaspora. Der Genozid der Jahre 1915 bis 1923 habe aber einen ungeheuren Aderlass im Klerus bewirkt. Während der vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) in Gang gesetzten Christenverfolgung seien bis zu 4.000 armenische Priester und Mönche (auch Bischöfe) ermordet worden. Während der bolschewistischen Kirchenverfolgung in Armenien ab 1921 seien 2.000 weitere Priester und Mönche ums Leben gekommen. Heute gibt es weltweit nach Angaben von Erzbischof Barsamian nur 815 armenisch-apostolische Priester, „viel zu wenige“. Daher seien in Armenien neue Seminare eröffnet worden. Karekin II. entsende junge Priester zum Studium vor allem an katholischen Universitäten in Rom, Paris sowie in anderen europäischen und nordamerikanischen Städten. Nicht wenige dieser Priester seien bereits zurückgekehrt „und unterrichten jetzt an den Seminaren in Armenien“. Wie in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion gebe es auch in Armenien keinen Religionsunterricht im eigentlichen Sinn, aber der Katholikos-Patriarch habe eine Übereinkunft mit der Regierung erzielt, wonach in den staatlichen Schulen Armeniens die Geschichte der armenischen Kirche unterrichtet werden kann, damit die neuen Generationen etwas vom Glauben hören.

Evangelisierung wichtigste Herausforderung

Die Evangelisierung bezeichnete der Erzbischof als die wichtigsten Herausforderung für die armenische Kirche. Die jungen Leute in Armenien hätten heute eine offene Mentalität, bei den Älteren überwiege noch die sowjetische Mentalität. In der kommunistischen Zeit sei es den Priestern nicht erlaubt gewesen, hinauszugehen und die „gute Nachricht“ zu verkünden. Daher hätten sie in der Kirche gewartet, „dass die Leute kommen und nach Taufe, Eheschließung usw. fragen“. Heute sei das anders, „die Priester gehen unter die Leute“, aber es sei ein Prozess, der längere Zeit brauchen werde. Als sehr wichtig bezeichnete Barsamian auch die Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien, er sei es auch seiner Zeit in den USA gewöhnt, dass die Priester nicht alles machen müssen. Der Katholikos-Patriarch dränge sehr in Richtung der Mitbeteiligung der Laien in der Kirche.

Barsamian schilderte in dem Interview sein eigenes Erleben. Er wurde 1951 in Arapgir, einer bis 1915 bedeutenden armenisch dominierten Textilindustriestadt in der Provinz Malatya, geboren (die in Ruinen liegende armenische Kathedrale wurde 1957 gesprengt, als die Türkei bereits NATO-Mitglied war). Seine Großmutter war im dritten Monat schwanger, als im April 1915 eines Nachts die Gendarmen und Leute der „Spezialeinheiten“ kamen, um alle armenischen Männer zu verschleppen und zu ermorden. Als Barsamians Vater geboren wurde, war keine einzige der sieben schönen Kirchen Arabkirs mehr offen. Die Großmutter sorgte für die Weitergabe des christlichen Glaubens an ihren Sohn und dann auch an die Enkelkinder. Der armenische Erzbischof sagt heute: „Die Familie war unsere Kirche. Daher war es selbstverständlich, dass wir eifrige Kirchgänger wurden, als wir nach Istanbul übersiedelten, wo die armenischen Kirchen ja offen sind. Ich bin dank meiner Großmutter Priester geworden“. Barsamian ist es ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass in Armenien die religiösen und nationalen Minderheiten frei und unbehindert leben können.

Als er noch in den USA war, hatte der Erzbischof nach der Unabhängigkeitserklärung Armeniens ein großes Hilfswerk für das verarmte Land in Gang gesetzt. Der 1991 begründete Hilfsfonds habe viele Projekte vor allem im medizinischen, landwirtschaftlichen, Bildungs- und Sozialbereich finanziert. Barsamian versuchte auch, mit der offiziellen Türkei ins Gespräch zu kommen, weil die Sperre der Grenzen mit der Türkei und Azerbaidschan die Entwicklung Armeniens schwer behindert. Unter Präsident Abdullah Gül habe es viele Möglichkeiten gegeben, mit Recep T. Erdogan sei es anders, aber es gebe „kleine Schritte“. Barsamian erzählte in dem Interview, wie er bei der Vorbereitung des Papstbesuchs 2016 Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin den Vorschlag unterbreitete, dass Papst Franziskus die gesperrte Grenze überqueren und zum Beispiel die Ruinen der einstigen armenischen Hauptstadt Ani mit ihren großartigen Kirchenbauten besuchen sollte. Aber die türkischen Gesprächspartner hätten leider nicht gewollt.

Im Hinblick auf die innenpolitischen Veränderungen in Armenien in den letzten Monaten sagte der Erzbischof, das seien „gute Signale“. Es bedeute, dass die frühere Regierung mit all ihren Problemen immerhin den neuen Generationen die Freiheit gewährt habe, Initiativen zu entfalten und frei zu denken. Da sei positiv „und nicht automatisch“, wenn man etwa an die Situation im Nachbarland Azerbaidschan denke.