Artsach: Moskau greift ein

Russischer Außenminister konferierte mit seinen armenischen und azerbaidschanischen Amtskollegen – Katholikos-Patriarch Karekin II. appelliert an die weltweite armenische Diaspora – Österreichische Armenier bitten Bundesregierung um Friedensinitiative

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Foto: © Diego Delso, delso.photo, License CC-BY-SA (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Moskau-Jerewan-Wien, 30.09.20 (poi)  Moskau ist bereit, zu einer Lösung im aktuellen Konflikt zwischen Armenien und Azerbaidschan  beizutragen: Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte am Mittwoch, dass Moskau Gespräche zwischen den Außenministern Armeniens und Azerbaidschans ermöglichen wolle. Zuvor hatte Lawrow getrennte Telefongespräche mit dem armenischen Außenminister Zohrab Mnatsakanian und dessen azerbaidschanischem Amtskollegen Dscheyhun Bayrarmow geführt. Lawrow betonte, dass Moskau mit den beiden Außenministern aus dem Kaukasus weiterhin getrennt verhandeln, zugleich aber auch die anderen vorsitzenden Mächte der „Minsk-Gruppe“ der OSZE (Frankreich, USA) einschalten würde. Ziel der russischen Bemühungen sei es, die Bedingungen für eine Lösung des Artsach (Berg-Karabach)-Konflikts durch „politische und diplomatische Mittel“ zu finden.

Im Hinblick auf die Zuspitzung des Konflikts um Artsach hat der oberste Katholikos-Patriarch der armenisch-apostolischen Kirche, Karekin II., an die Diözesen seiner Kirche in aller Welt appelliert und zur Hilfe für das bedrängte Artsach und Armenien aufgerufen. Insbesondere sollten die Anstrengungen des allarmenischen Fonds „Hayastan“ unterstützt werden. Die Diözesen in Armenien bat der Katholikos-Patriarch, der armenischen Armee beizustehen und dem Volk von Artsach zu Hilfe zu kommen. Am 29. September hielt der Katholikos-Patriarch im St. Gayane-Kloster in Etschmiadzin ein „Gebet für die Republik“, das „Frieden und Standfestigkeit des Heimatlandes“ galt. Im Anschluss an das Gebet wandte sich Karekin II. an die Armenier in aller Welt: „In diesem entscheidenden Moment unserer modernen Geschichte kämpfen wir wieder für Freiheit und Unabhängigkeit von Artsach, für sein friedliches und kreatives Leben, für die Verteidigung unserer heiligen Werte“. Das Recht, unabhängig und frei zu leben, sei ein „unverletzliches göttliches Geschenk“. Wie so oft in der Geschichte habe das armenische Volk auch heute keine andere Alternative als sein Leben und seine Freiheit mit Würde durch bewaffnete Konfrontation zu verteidigen. Zusammen mit dem Volk verurteile er die von Azerbaidschan an der Grenze zu Artsach, aber auch an den armenischen Grenzen ausgelösten Feindseligkeiten, betonte Karekin II. : „Meine Lieben, Wahrheit und Gerechtigkeit sind auf unserer Seite, wir werden das Werk der Verteidigung der Heimat dank Gottes Hilfe mit der Einheit aller Armenier verteidigen“. Der Katholikos-Patriarch verwies auf die patriotische Tradition der Armenier und betonte, es gelte, das nationale Potenzial zur Verteidigung der Heimat, zur Überwindung der Verletzung der nationalen Würde, zur Wahrung der „Freiheit und Unabhängigkeit“ des armenischen Volkes, die um einen hohen Preis erkauft worden sei, einzusetzen..

Karekin II. teilte mit, dass er sich an zahlreiche Staatschefs und Oberhäupter von Schwesterkirchen, an die leitenden Persönlichkeiten zwischenkirchlicher Organisationen gewandt habe. Die zivilisierte Welt müsse die Situation in der Region stabilisieren, den Frieden wiederherstellen und „gegen das diktatorische und aggressive Regime in Azerbaidschan“ ein „kreatives und sicheres Leben“ ermöglichen. Das menschliche Leben sei heilig, jeder Übergriff auf dieses Prinzip sei gottlos, so der Katholikos-Patriarch.

Bereits am Sonntag, 27. September, äußerte sich der Obmann der armenisch-apostolischen Gemeinschaft in Österreich (AAKG), Vahagn Amirjanyan, in tiefer Sorge über die azerbaidschanischen Angriffe entlang der Grenze zu Artsach einschließlich der Attacken auf die Hauptstadt Stepanakert.  Die AAKG forderte die Armenier in Österreich auf, in dieser schwierigen Zeit „gemeinsam zu handeln und die Feindseligkeiten Azerbaidschans zu verurteilen“. Der AAKG-Vorstand und die armenische Gemeinschaft in Österreich bekundeten einstimmig ihre Bereitschaft, das unabhängige Artsach und die Republik Armenien mit materiellen und personellen Ressourcen zu unterstützen, den Feind abzuwehren und ihn aus den angestammten armenischen Gebieten zurückzudrängen.

Am 30. September veröffentlichte die armenisch-apostolische Gemeinde einen Appell an das offizielle Österreich: Die österreichische Bundesregierung muss dazu beitragen, den neuerlichen und brandgefährlichen Konflikt um Artsach (Berg-Karabach) zu entschärfen“. Die durch Azerbaidschan begonnenen kriegerischen Auseinandersetzungen seien allein durch Diplomatie zu stoppen – es könne nur „eine politische Lösung“ geben. Das innenpolitische Kalkül des azerbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev ziele darauf ab, sein Amt um jeden Preis halten zu können, so die Wiener Armenier. Durch den „äußeren Feind“ solle von den inneren Problemen eines autoritären Präsidenten abgelenkt werden. Dieses Ziel verfolge er auf Kosten der armenischen Zivilbevölkerung von Artsach und Armenien. Gleichzeitig werde jede Form der friedlichen Beilegung des Konflikts durch Verhandlungen oder durch die ablehnende Haltung gegenüber OSZE-Beobachtern verweigert.

In den letzten Wochen sei die azerbaidschanische Kriegsrhetorik zunehmend durch die Türkei und deren Präsidenten gestärkt worden, bedauert die AAKG. Der türkische Präsident Erdogan leugne nicht nur den Genozid an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich ab 1915, sondern stelle auch obszöne Ansprüche an das Nachbarland Griechenland. Die Europäische Union und auch die österreichische Bundesregierung müssten jetzt Druck auf den „schwierigen Partner Türkei“ auszuüben, der mitten in der Corona-Pandemie mehrere Kriege in der Region antreibt und zunehmend zur Instabilität in Europa beiträgt.

Die armenisch-apostolische Kirchengemeinde in Österreich verurteilt den „Angriffskrieg Azerbaidschans auf das Nachbarland“ aufs Schärfste und appelliert an die österreichische Bundesregierung, alles in ihrer Macht stehende zu tun, „um diesen Krieg mit all den verheerenden Folgen zu stoppen und die Zivilbevölkerung zu schützen“. Die Bundesregierung, aber auch alle im Nationalrat vertretenen Parteien seien gebeten, zu einer sofortigen Beilegung der aktuellen Kampfhandlungen sowie einer Rückkehr Azerbaidschans an den Verhandlungstisch beizutragen. Eine weitere Verschärfung der aktuellen Flüchtlingskrise könne niemand in Europa wollen.

Die Europäische Union stehe auf dem Wertefundament von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und Freiheit, erinnert die armenische Gemeinde. Diese Grundfreiheiten und Rechte hätten sich auch die Armenier in Berg-Karabach hart erkämpft. Die Zivilbevölkerung in dieser seit jeher christlichen Gegend wolle in Frieden und Freiheit leben. Österreich und die EU seien deshalb gefordert, diesen Angriff Azerbaidschans klar zu verurteilen und sich für Frieden und Freiheit in der Region einzusetzen. Die Menschen in Artsach und Armenien seien keinesfalls bereit,  ihr Recht „auf ein Leben in Freiheit“ in die Hände „der zwei Diktatoren in Baku und Ankara“ zu legen. Die Bürgerinnen und Bürger des freien Österreich seien gefordert,  die Schwestern und Brüder in  Artsach zu unterstützen. 0

In Österreich leben seit dem 17. Jahrhundert Angehörige der armenisch-apostolischen Kirche. Derzeit gibt es in Österreich an die 10.000  armenischen Christen, davon 3.000 in Wien. Armenische Gemeinden sind auch in Linz, Graz, Bregenz, Klagenfurt und Salzburg tätig. Wien ist Sitz eines armenisch-apostolischen Bischofs. Seit 2019 hat Tiran Petrosyan dieses Amt inne. Er ist auch für die armenischen Gemeinden in der Tschechischen Republik, in der Slowakei, in Skandinavien zuständig.

 

„Es ist viel ernster“

„Zufällig“ befindet sich derzeit auch die Leiterin des „ZECO“ (Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens) der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, Doz. Jasmine Dum-Tragut, die führende Armenologin Österreichs, in Jerewan. Sie gehört gemeinsam mit der armenische Religionsanthropologin Julia Antonyan (Staatliche Universität Jerewan) zu den Siegern eines internationalen Forschungswettbewerbs in Armenien.

Das armenisch-österreichische Forschungsprojekt „Religiöse Verschiedenheit in Armenien. Eine Analyse der soziokulturellen Veränderungen in der Sowjetzeit und in der postsowjetischen Epoche“ der beiden Wissenschaftlerinnen wurde vom Wissenschaftsministerium der Republik Armenien als eines der Siegerprojekte ausgewählt. In diesem dreijährigen Projekt wird ein Team aus Forschern der Staatlichen Universität Jerewan gemeinsam mit Jasmine Dum-Tragut in Feldforschungskampagnen die aktuelle Situation, Geschichte und Traditionen der armenischen Religionsgemeinschaften und deren Beziehungen zur armenisch-apostolischen Kirche erforschen, gemeinsame Workshops und Vorlesungen organisieren, aber auch gemeinsame Lehrveranstaltungen an der Universität in Jerewan abhalten.

Doz. Dum-Tragut traf am Wochenanfang gemeinsam mit dem Dissertanten Michael Gassner in Jerewan ein. Coronabedingt mussten die beiden zunächst in Selbstisolation gehen und das Ergebnis des PCR-Tests abwarten. Nach negativem Testergebnis konnten sie am Dienstag das Hotel verlassen und das aktuelle Jerewan erkunden. Jasmine Dum-Tragut berichtet auf „Facebook“ über ihre Eindrücke:  „Jerewan erscheint mir relativ menschenleer – und ruhiger – zu sein als sonst. Ein Großteil der Menschen trägt Mundnasen-Schutz, die Restaurants und Cafes sind relativ wenig frequentiert. Es herrscht eine seltsame, fast etwas bedrückende Ruhe. Die Auseinandersetzungen an der Grenze und in Artsach haben ernste Ausmaße angenommen, es gibt schon viele Opfer und auf den Straßen wird für Soldaten Geld, Essen und ähnliches gesammelt. Das Gesprächsthema aller ist natürlich der Krieg. Und was passieren wird, man weiß es nicht, nur dass es diesmal viel ernster, viel bedrohlicher ist als die letzten Male. Es wird viel über die Rolle der Türkei in diesem Konflikt diskutiert. Wir versuchen, unsere geplanten Arbeiten auszuführen, müssen aber die geplante Feldforschung etwas nach hinten verschieben und zunächst die vorbereitenden Arbeiten zu neuen Projekten in Jerewan, Etchmiadzin und Tavush vorziehen – sowie einige wichtige Treffen“.