Assaad Elias Kattan über die Folgen des Bruchs zwischen Moskau und Konstantinopel

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Foto: © Korennaya (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

02. November 2018 (NÖK) Der Hl. Synod der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) hat beschlossen, dass es aufgrund der jüngsten Entscheidungen des Ökumenischen Patriarchats in der ukrainischen Kirchenfrage „unmöglich ist, die eucharistische Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel fortzusetzen“. Was bedeutet dieser Entscheid für die Weltorthodoxie?
Für die Weltorthodoxie bedeutet dieses Ereignis natürlich einen tiefen Bruch, zumal es meinem Ermessen nach noch keine Perspektive bzw. road map gibt, wie diese Krise überwunden werden könnte. Dieser Bruch ist aber nicht vom Himmel gefallen. Die Erfahrung des orthodoxen Konzils auf Kreta 2016, vor allem die Tatsache, dass es von vier orthodoxen Kirchen, darunter die ROK, boykottiert wurde, zeigt, dass die Synodalität, von der die orthodoxen Kirchen früher geschwärmt hatten, nicht mehr funktionierte (dysfunktional). Diese Synodalität leidet vor allem seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion an einem latenten Konkurrenzverhältnis zwischen den Patriarchaten Konstantinopel und Moskau. Die orthodoxen Kirchen sind also dazu aufgerufen, Mechanismen zu entwickeln, um ihre Synodalität zu retten und ihr Glaubwürdigkeit zu verschaffen.

Zugleich hat die ROK die anderen orthodoxen Lokalkirchen dazu aufgerufen, gemeinsam nach einem „Weg aus der schweren Krise“ zu suchen. Wie positionieren sich die anderen orthodoxen Kirchen im Streit zwischen Moskau und Konstantinopel?
Selbstverständlich gibt es orthodoxe Kirchen, die mit der ROK sympathisieren, andere, die dem Patriarchat von Konstantinopel nahestehen. Die ersten Reaktionen zeigen aber, dass die meisten orthodoxen Kirchen versuchen werden, ein gewisses Gleichgewicht beizubehalten, indem sie sich weder mit Konstantinopel noch mit Moskau identifizieren. Dementsprechend werden sie meiner Einschätzung nach der ROK im Blick auf die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel keine Folge leisten. Ich halte es deshalb für unwahrscheinlich, dass eine weitere orthodoxe Kirche dem Patriarchat von Konstantinopel diese Gemeinschaft aufkündigt.

Hat der Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Moskau und Konstantinopel auch Auswirkungen auf die orthodoxen Christen und deren Institutionen in der Diaspora (z. B. Bischofskonferenzen, Bildungseinrichtungen, etc.)?
Selbstverständlich. Die orthodoxen Institutionen in der Diaspora, vor allem die Bischofskonferenzen, leben von der Harmonie zwischen den orthodoxen Kirchen und ihrer Bereitschaft zusammen zu arbeiten. Gerade in Deutschland ist die Arbeit der orthodoxen Bischofskonferenz (OBKD) vielgefächert und umfasst eine theologische Kommission, eine Übersetzungskommission, Dialoge bzw. Kontaktgespräche mit der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Hinzu kommen andere Aufgabenbereiche wie der Religionsunterricht und die Öffentlichkeitsarbeit. All das setzt ein gutes Auskommen zwischen den Mutterkirchen voraus, so dass das gemeinsame Zeugnis in den Diaspora-Ländern nicht beeinträchtigt bzw. geblockt wird. Vor dem Hintergrund des Konflikts über die Ukraine ist es für mich heute eine offene Frage, wie die Zusammenarbeit in der Diaspora weitergehen soll, in welcher Form und unter welchen Bedingungen.

Assaad Elias Kattan, Dr., Professor für orthodoxe Theologie am Centrum für religionsbezogene Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.