Assyrischer Patriarch Mar Gewargis III. tritt vom Amt zurück

Ausschlaggebend sind gesundheitliche Gründe – Neuwahl eines Katholikos-Patriarchen erfolgt Ende April in Erbil – Die Apostolische Kirche des Ostens hat eine große Tradition

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Foto: © jan kurdistani (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Bagdad-Erbil, 21.02.20 (poi) Der Katholikos-Patriarch der Apostolischen Kirche des Ostens (Assyrische Kirche), Mar Gewargis (Georg) III. Sliwa, hat seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen angekündigt und die Bischöfe im kommenden April zu einer Sondersitzung des Heiligen Synods nach Erbil einberufen, wo sie seinen Nachfolger wählen sollen. In einer von Mar Awa Royel, dem Generalsekretär des Heiligen Synods, unterzeichneten Erklärung wurde der Rücktritt des Patriarchen am Mittwoch öffentlich gemacht. Die Sondersitzung des Heiligen Synods wird laut katholischer Nachrichtenagentur „Fides“ von 22. bis 27. April in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region des Irak, stattfinden. Bischof Mar Awa Royel hat die Christen der assyrischen Kirche aufgerufen, in der vorösterlichen Fastenzeit besonders dafür zu beten, dass die Bischöfe „das neue Oberhaupt der Kirche, den Katholikos-Patriarchen, nach dem Willen Gottes wählen“.

In seinem Brief an die Bischöfe vom 3. Februar hatte Mar Gewargis III. bestätigt, dass sich sein Gesundheitszustand nach den schwerwiegenden Problemen, die im vergangenen Dezember während seines Aufenthalts in Deutschland aufgetreten waren, zunächst wieder verbessert hatte. Doch eine nachfolgende allgemeine Verschlechterung seiner körperlichen Verfassung habe ihm klargemacht, dass er die ihm anvertrauten Funktionen im Zusammenhang mit der „erhabenen Aufgabe“ als Katholikos-Patriarch nicht mehr angemessen erfüllen könne. Nach gründlicher Überlegung und im Gebet habe er beschlossen, auf das Patriarchenamt und die damit verbundenen Pflichten zu verzichten, so Mar Gewargis III.

Gewargis Sliwa wurde am 23. November 1941 in Habbaniya, Irak, geboren. Er studierte zunächst in Bagdad, dann in den USA. Im Juni 1980 wurde er zum Priester und schon ein Jahr später, 1981, zum Erzbischof geweiht und zum Metropoliten des Irak bestimmt. Mar Gewargis entfaltete eine rege missionarische Tätigkeit, so gründete er im Irak ein erzbischöfliches Seminar, aus dem viele Priester hervorgingen. 1994 baute er die assyrische Seelsorge in der Russischen Föderation auf (bereits ab dem späten 19. Jahrhundert waren viele Gläubige der Apostolischen Kirche auf russisches Gebiet geflüchtet, um frei als Christen leben zu können). Um deren Nachfahren hatte sich dann auf Grund der politischen Lage jahrzehntelang niemand gekümmert. 1998 reiste er nach China, wo die Apostolische Kirche einst sehr stark verankert war und besichtigte die Zeugnisse der Präsenz der Kirche. Ebenso stattete er einstigen Brennpunkten des Lebens der Apostolischen Kirche in der heutigen Türkei – wie etwa Mardin oder Hakkari – historische Besuche war. Von besonderer Bedeutung war auch die Gründung einer Bibliothek in der Metropolitan-Residenz in Bagdad, in der hunderte von kostbaren ostsyrischen Bibelhandschriften und theologischen Texten aufbewahrt werden.

Der Heilige Synod der Assyrischen Kirche wählte ihn am 18. September 2015 zum neuen Katholikos-Patriarchen. Mar Gewargis III. war Nachfolger von Patriarch Mar Dinkha IV., der im März 2015 in den USA nach einer 39-jährigen Amtszeit als Patriarch verstorben war. Mar Gewargis III. verlegte den Sitz des Patriarchen wieder nach Mesopotamien und knüpfte damit an eine fast 2.000jährige Tradition an.

Die Apostolische Kirche des Ostens ist die Kirche des alten Perserreiches. Ihr Patriarchalsitz war ursprünglich die sassanidische Hauptstadt, die Doppelstadt Seleukia-Ktesiphon. Nach der islamischen Eroberung wurde dieser Sitz in das neugegründete Bagdad verlegt. Obwohl die Apostolische Kirche immer wieder von den staatlichen Autoritäten verfolgte wurde – zunächst auf Antrieb des zoroastrischen Klerus im alten Perserreich, später auf Betreiben der muslimischen Autoritäten im islamischen Herrschaftsbereich – entfaltete sie eine umfassende Missionstätigkeit, vor allem in Mesopotamien, Arabien, Persien, Zentralasien, Indien, China, Japan, aber teilweise auch in Afrika, etwa auf der Insel Socotra. Über viele Jahrhunderte hinweg war die Apostolische Kirche die flächenmäßig größte christliche Kirche mit Dutzenden Millionen von Gläubigen. Erst die planmäßige Verfolgung unter Timur Lenk im 14. Jahrhundert führte zu einer Beschränkung auf Mesopotamien, wo dann bis zum Ende des Ersten Weltkriegs der Patriarch in Kotschannes im kurdischen Bergland residierte. Nach den traumatischen Ereignissen des Völkermords im Ersten Weltkriegs und des britischen Verrats an den Assyrern in der Zwischenkriegszeit gab es Überlegungen einer kollektiven Auswanderung des Volkes nach Brasilien mit Hilfe des Völkerbunds. Die Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis, der damalige Katholikos-Patriarch entschloss sich aber zur Verlegung seines Sitzes nach Chicago, wo es eine große Diasporagemeinde der assyrischen Kirche gibt.

Mar Gewargis III. war nach seiner Wahl zum Patriarchen um die Intensivierung der ökumenischen Kontakte bemüht, sowohl mit den internationalen ökumenischen Gremien als auch insbesondere mit der römisch-katholischen Kirche. Der theologische Dialog zwischen der assyrischen Kirche und der katholischen Kirche begann 1984 offiziell und führte zur Gemeinsamen Christologischen Erklärung von 1994, in der Papst Johannes Paul II. und Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV. die gemeinsame Glaubensüberzeugung bekräftigten. Bei seinem ersten Treffen mit Papst Franziskus, das im November 2016 in Rom stattfand, schlug Gewargis III. dem Bischof von Rom vor, ein Treffen der Patriarchen und Oberhäupter der Ostkirchen einzuberufen, um „die Lage im Nahen Osten zu erörtern, gemeinsam zu beten“ und nach Lösungen für die Probleme zu suchen. Der Vorschlag des assyrischen Patriarchen wurde dann mit dem ökumenischen Treffen über den Nahen Osten Wirklichkeit, das von Papst Franziskus am 7. Juli 2018 nach Bari einberufen wurde. Im November 2018 fand ein weiteres Treffen zwischen Papst Franziskus und Katholikos-Patriarch Gewargis III. statt.

2001 erfolgte eine Vereinbarung zwischen assyrischer und katholischer Kirche, derzufolge Gläubige der chaldäisch-katholischen Kirche bzw. der Apostolischen Kirche des Ostens in der jeweils anderen Kirche die Kommunion empfangen können, wenn sie keinen Zugang zu einer Liturgie der eigenen Kirche haben.