„Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche – Ökumenische Perspektiven“

PRO ORIENTE lädt am 8. Juni zu prominent besetzter Online-Tagung

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Foto: © Klearchos Kapoutsis from Santorini (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Wien, 04.06.21 (poi) „Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche – Ökumenische Perspektiven“ lautet der Titel einer Veranstaltung, zu der die Stiftung PRO ORIENTE am 8. Juni einlädt. Im Mittelpunkt steht das Dokument „Für das Leben der Welt“, das das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel 2020 veröffentlichte und das weltweit für Aufsehen sorgte. Die Fribourger Ökumene-Expertin Prof. Barbara Hallensleben wird einige Entstehungshintergründe des Dokuments, das sie auch ins Deutsche übersetzt hat, vorstellen. Weitere Vortragende sind der Wiener rumänisch-orthodoxe Theologe Assoz. Prof. Ioan Moga und die Wiener katholische Sozialethikerin Prof. em. Ingeborg Gabriel. Der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios (Kardamakis) wird ein Grußwort sprechen. Die Veranstaltung am 8. Juni von 17 bis 19 Uhr findet online statt. Eine Anmeldung ist notwendig (bis 6. Juni).

Dem Thema der Veranstaltung ist auch die aktuellen Ausgabe des PRO ORIENTE-Magazins gewidmet. In diesem setzt sich Georgios Vlantis, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Akademie von Volos (Griechenland) mit dem Dokument „Für das Leben der Welt“ auseinander. Das Erscheinen des Dokuments sei das wichtigste theologische Ereignis des vergangenen Jahres für die Ostkirche gewesen, befindet Vlantis. Mitten in den innerorthodoxen Spannungen und gleichzeitig am Beginn der pandemiebedingten weltweiten Unsicherheit hätten die Impulse des Textes vielen Menschen Trost und Mut geschenkt: „Die Orthodoxie will und kann am anspruchsvollen Dialog mit der modernen Welt teilnehmen“, bringt Vlantis die Intention des Dokuments auf den Punkt.

„Für das Leben der Welt“ sei kein offizieller Text des Ökumenischen Patriarchats im Sinne einer kirchenrechtlich verbindlichen Lehre. Es gehe aber doch um einen gewichtigen theologischen Impuls, „der die Rückendeckung der Kirche von Konstantinopel als Anregung für eine weitere sozialethische Diskussion genießt“.

Einige Aspekte bzw. inhaltliche Wegmarken des Dokuments, die Vlantis hervorhebt: Christen dürfen „echte Dankbarkeit für das besondere demokratische Genie der Moderne“ empfinden. Das sei keine selbstverständliche Aussage für orthodoxe Kontexte, „wo immer noch Sehnsucht für imperiale politische Paradigmen kultiviert wird“. Weiters werde der Nationalismus in aller Schärfe verurteilt, „da diese Versuchung die Orthodoxie seit Jahrhunderten plagt“, wie Vlantis anfügt.

Auch die Kindermissbrauchsthematik werde angesprochen. Und auch wenn für viele Orthodoxe Homosexualität ein Tabuthema bleibe, finde das Dokument deutliche Worte gegen eine Kultur des Hasses, zollt Vlantis dem Schreiben Respekt. Selbstkritisch rege der Text zudem die Überwindung alter Vorurteile über die Reinheit des weiblichen Körpers an und ermutige zum Wiederaufleben des Frauendiakonats und zu einer stärkeren Beteiligung der Frauen im Leben der Kirche überhaupt.

Im Dokument würden die Menschenrechte mit sehr positiven Worten gewürdigt, die Ökologie finde auch einen gewichtigen Platz. Weitere Themen würden ebenfalls „in mutiger Weise“ besprochen, befindet Vlantis: das Leben als Single, Armut, Friedensethik, die Todesstrafe oder der Dialog mit der Wissenschaft. Sehr harte Worte fänden die Verfasser des Dokuments auch im Blick auf die Migrationspolitik westlicher Länder und der Vereinigten Staaten (noch in der Zeit der Präsidentschaft von Donald Trump).

Vlantis‘ Resümee: Das Dokument „hinterfragt Stereotypen über die vermeintlich archaisch denkenden, starrsinnigen Orthodoxen Kirchen und weist auf eine Theologie hin, die auch in der heutigen Welt sprachfähig sein kann, ohne ihre Verbindung zur Tradition zu verlieren.“

 

Russische Positionen

Vladimir Khulap, Prorektor der Theologischen Akademie St. Petersburg, setzt sich im PRO ORIENTE-Magazin mit russisch-orthodoxen Sozialdokumenten auseinander. Sozialethische Fragen standen nach der Oktoberrevolution 1917 nicht auf der russischen kirchlichen Agenda, so Khulap. Nach der politischen Wende sei aber offensichtlich geworden, dass man eine klare Stellungnahme zu verschiedenen gesellschaftlichen Realitäten dringend brauchte; „die Debatten zwischen liberalen und konservativen orthodoxen Kreisen führten nicht selten zu innerkirchlichen Konflikten“, erläutert der Theologe.

Die gemäßigte offizielle Position sei schließlich in den „Grundlagen der Sozialdoktrin der Russischen Orthodoxen Kirche“ (2000) geäußert worden, die eine Kirche darstellten, „die sich aktiv am öffentlichen Leben beteiligt und bereit für den Dialog mit verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Gruppen ist“, wie Khulap betont. Der Text verstehe sich nicht als der endgültige lehramtliche Standpunkt, sondern in vielerlei Hinsicht als eine Einladung zur weiteren Reflexion und theologischen Arbeit.

Eine solches Ergebnis weiterer Reflexionen sei etwa der im Jahr 2008 erschienene Text „Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über Würde, Freiheit und Menschenrechte“ gewesen. Seither gebe es in verschiedenen Gremien eine intensive Diskussion ethischer Fragen.

Dabei sei der Kirchenleitung klar, dass ein breiter Dialog der einzig mögliche Zugang zur sozialethischen Problematik in der postmodernen pluralistischen Gesellschaft sei, wo niemand einen Alleinvertretungsanspruch erheben könne.

Khulap zitiert Patriarch Kyrill: „Der ethische Konsens ist die einzig mögliche universelle Basis für das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen und Nationen in der modernen Welt.“ Nur in einem solchen Rahmen könne die Russische Orthodoxe Kirche Gehör für ihre gesellschaftlichen Stellungnahmen finden, so Khulap; andernfalls werde ihre Position nur als eine „Belehrung“ oder ein System der Verbote empfunden.

 

130 Jahre Katholische Soziallehre

Prof. Ingeborg Gabriel – sie wird bei der Online-Veranstaltung am 8. Juni zu Wort kommen – gibt schließlich im PRO ORIENTE-Magazin einen Ein- und Überblick über 130 Jahre Katholische Soziallehre, die mit der Enzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. 1891 ihren Ausgang nahm. Gabriel: „Die katholische Soziallehre sucht seitdem, zentrale Einsichten für diese dramatisch neue Weltentwicklung, die die globalisierte Moderne weiterhin prägt, zu vermitteln. Sie wendet sich – knapp gefasst – gegen die Verletzung menschlicher Würde durch soziale und politische Verhältnisse und ermahnt zur Überwindung von Unrecht, wo immer möglich. Die Aufgabe von Politik ist es, sich am nationalen wie internationalen Gemeinwohl zu orientieren, wobei hier die europäische Ebene zwischenzuschalten ist.“

Eine derartige ethische Sicht verpflichte dazu, jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, zu unterstützen, damit sie ihren Anteil an den materiellen Gütern, aber auch an gesellschaftlicher Teilhabe, z.B. durch Bildung, erhalten, der es ihnen erlaubt, sich in Freiheit zu verantwortlichen Personen zu entwickeln.

Jener Laissez-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, der ausschließlich auf den Mechanismus des Markes gesetzt und dazu geführt habe, dass „wenige Reiche einer Masse von Besitzlosen ein nahezu sklavisches Joch auferlegen“, so Gabriel unter Verwendung eines Zitats aus „Rerum novarum“, sei auch heute nicht wirklich überwunden.

Neben einem Überblick über die zentralen päpstlichen Sozialennzykliken geht Prof. Gabriel auch auf die Religionsfreiheit ein. Nach den verheerenden Erfahrungen mit totalitären Systemen in Europa seien die Menschenrechte als Freiheitsrechte, vor allem das Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit, zu einem zentralen Inhalt katholischer Sozialverkündigung geworden.

Die globale Durchsetzung des Rechts bedürfe freilich ebensolcher politischer Institutionen. Eine Verwirklichung einer derartigen Friedensordnung und ihrer moralischen Basis sei das zentrale Anliegen der Sozialenzykliken von Papst Franziskus, Laudato si‘ (2015) und Fratelli tutti (2020). Während erstere die ökologische Frage mit der sozialen verzahne, gehe es in letzterer darum, die interkulturelle wie interreligiöse Zusammenarbeit zu intensivieren, um jene Geschwisterlichkeit zu realisieren, die den dritten programmatischen Pfeiler der Moderne bilde. Der Papst habe hier vor allem die Kontakte mit der muslimischen Welt im Blick.

Gabriels Resümee: „Der Kampf gegen Gewalt und Krieg, gegen Entrechtung und Diskriminierung, gegen Armut und Unterdrückung sowie gegen ökologische Zerstörung aus der lebensspendenden Kraft des Evangeliums kann zudem Brücken bauen zur modernen Welt und ihren Humanismen ebenso wie zu anderen Religionen.“