Auf den Spuren des Heiligen Apostels Thomas in Indien

Prof. Prokschi berichtete bei „Pro Oriente“-Veranstaltung über die aus unterschiedlichen Traditionsströmen zusammengeflossene Vielfalt des heutigen Christentums in Kerala, Goa und anderen indischen Bundesstaaten

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Foto: © Joachim Specht (Quelle: Wikimedia; Lizenz: CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Wien, 13.06.19 (poi) Das Christentum in Indien stand im Mittelpunkt eines Vortrags des Obmanns der „Pro Oriente“-Gesellschaft „zur wissenschaftlichen Erforschung der ökumenischen Beziehungen“, Prof. i.R. Rudolf Prokschi. Unter dem Titel „Auf den Spuren des Heiligen Apostels Thomas“ berichtete Prof. Prokschi bei einer „Pro Oriente“-Veranstaltung im Kapitelsaal der Wiener Innenstadt-Pfarre St. Michael über eine Studienreise der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, die Einblick in die Vielfalt der indischen Christenheit geboten hatte. Prof. Prokschi bereitete die Reise gemeinsam mit dem Liturgiewissenschaftler Prof. Hans-Jürgen Feulner und P. Thomas Prashob, dem Seelsorger der Wiener syro-malankarischen Gemeinde, vor.

Bei der vielbesuchten Veranstaltung, an der auch Gäste aus der Ökumene – so der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) und der anglikanische Kanonikus Patrick Curran – teilnahmen, zeichnete Prof. Prokschi das Bild der „Kinder des Heiligen Thomas“, wie sich die verschiedenen christlichen Kirchen in Indien gern bezeichnen an Hand der Bilder der vielen eindrucksvollen Gotteshäuser unterschiedlicher Konfession. Nach der lokalen Tradition kam der Heilige Thomas um das Jahr 52 nach Indien. Er soll das Evangelium zuerst an der Malabarküste im heutigen indischen Bundesstaat Kerala verkündet und schließlich in Madras an der Koromandelküste auf dem Mount St. Thomas den Märtyrertod erlitten haben. Die Pilger aus Wien besuchten auf der ersten Etappe ihrer Indien-Reise in Madras, der Hauptstadt des Bundesstaats Tamil Nadu, nicht nur den Mount St. Thomas, sondern auch die Thomaskathedrale der katholischen Kirche des lateinischen Ritus (wo das Grab des Apostels verehrt wird), dann die anglikanische St. Mary’s Church in der alten englischen Festung. Das 1680 geweihte Gotteshaus – das heute zur „Church of South India“ gehört – ist die älteste anglikanische Kirche „östlich von Suez“. In Madras (dem in den 1990er-Jahren der Name Chennai auferlegt wurde) sahen die Besucher von der Wiener Theologischen Fakultät aber auch die syro-malankarische Kirche St. Thomas mit dem angeschlossenen großen Schulzentrum und die armenische Marienkirche aus dem 18. Jahrhundert mit dem eindrucksvollen Glockenturm, die heute nur mehr historische Bedeutung hat, weil die früher wichtige armenische Gemeinde sehr zusammengeschmolzen ist. So wurde schon auf der ersten Station der Pilgerreise nach Indien die beeindruckende, aber auch spannungsreiche Vielfalt des indischen Christentums sichtbar und erlebbar.

 

Die verhängnisvolle Synode von Diamper

Auf den weiteren Etappen wurden – wie Prof. Prokschi an Hand der Bilder der Gotteshäuser eindrucksvoll erläuterte – die unterschiedlichen Traditionsströme sichtbar, die im indischen Christentum, vor allem im Süden des Landes, zusammengeflossen sind. Länger als ein Jahrtausend gehörte die Kirche in Indien zur Apostolischen Kirche des Ostens (in der westlichen Literatur oft fälschlich als „nestorianische Kirche“ qualifiziert), deren Katholikos-Patriarch zunächst in der Doppelstadt Seleukia-Ctesiphon, der Hauptstadt des alten Perserreichs, und dann im von den Muslimen neugegründeten Bagdad residierte. Die Kirche in Indien überlebte auch, als die einstigen zentralen Provinzen der Apostolischen Kirche des Ostens – Arabien, Mesopotamien, Persien, Zentralasien – bereits islamisiert waren. Als die Portugiesen 1498 nach Indien kamen, waren sie zunächst erfreut, dass sie von den Thomaschristen als Brüder begrüßt wurden. Nach wenigen glücklichen Jahrzehnten wollten die Portugiesen – unter Berufung auf das Konzil von Trient – die Latinisierung von Gottesdienst und Frömmigkeitsformen durchsetzen. Aleixo de Menezes (15591617), Erzbischof von Goa (später wurde er Erzbischof von Braga und spanischer Vizekönig von Portugal, als die beiden Nachbarländer vereint waren), berief eine Synode nach Diamper ein. Die Gäste aus Wien konnten die Kirche besichtigen, wo sie stattgefunden hat. In Diamper wurden 1599 an die 200 Beschlüsse gefasst, u.a. Abschaffung aller Bräuche, die auf hinduistische Einflüsse deuteten (Vegetarismus, Befragung von Astrologen, Teilnahme an Hindu-Festen usw.), Einführung des Zölibats für die Priester, Lösung aller Kontakte mit dem in Bagdad residierenden Patriarchen von Babylon, Abschwören aller „Häresien“, vor allem des „Nestorianismus“, Ablieferung aller Bücher der alten Kirche zum Korrigieren oder Verbrennen, Anerkennung des Papstes als oberste Instanz der ganzen Kirche, Anerkennung des Erzbischofs von Goa als oberste kirchliche Instanz in Indien.

De Menezes hatte gemeint, die Kirche in Indien einen zu können, tatsächlich sollte die Synode von Diamper zur Quelle aller bis heute andauernden Spaltungen werden. Nach dem Tod des Metropoliten Mar Abraham im Jahr 1597 sorgten die portugiesischen Kirchenverantwortlichen dafür, dass für den Metropolitansitz der Thomaschristen in Angamaly nur mehr lateinische Erzbischöfe ernannt wurden. Unter Erzbischof Francisco Garcia kam es zu einer Revolte der Thomaschristen, weil er u.a. einen Generalvikar des lateinischen statt des syrischen Ritus bestellte. Sie schworen 1653 am „Schiefen Kreuz“ in Mattacherry, einem Stadtteil von Cochin, nie wieder den lateinischen Erzbischof von Angamaly oder die Jesuiten über sich zu dulden. Ausdrücklich vermied man es dabei, sich von Rom loszusagen, man verlangte lediglich Bischöfe des eigenen Ritus und dachte an eine Erneuerung der historischen Zuständigkeit des Patriarchen von Babylon. Der überwiegende Teil der Thomaschristen schloss sich dem Aufstand an. Beide Seiten blieben unnachgiebig und der Erzdiakon Thomas Parambil ließ sich einige Monate später zum „Gegenerzbischof“ ausrufen und in einer „Not-Zeremonie“ ersatzweise von zwölf einfachen Priestern die Hände auflegen, mit dem Versprechen die Bischofsweihe nachzuholen. Als sich abzeichnete, dass es zu einem endgültigen Bruch mit der katholischen Kirche kommen würde, schreckten viele davor zurück und fielen von der revoltierenden Gruppe ab. Rom entsandte umgehend Karmeliten nach Indien, um das drohende Schisma einzudämmen. Die lateinischen Bischöfe regierten die katholischen Thomaschristen bis 1896 durch Generalvikare des chaldäischen Ritus, ohne Bischofsweihe, wovon einer, Kuriakose Elias Chavara (1805–1871), seliggesprochen wurde. Danach folgten Weihbischöfe, die den lateinischen Bischöfen unterstellt blieben; erst am Thomastag, dem 21. Dezember 1923, stellte Papst Pius XI. die ordentliche Hierarchie der katholischen Thomaschristen Indiens nach über 300 Jahren wieder her, die heutige syro-malabarische Kirche entstand.

Der kleinere Teil der Thomaschristen erklärte sich für autokephal und der Erzdiakon Thomas Parambil ließ sich 1665 vom Jerusalemer syrisch-orthodoxen Metropoliten Mar Gregorios als Mar Thomas I. nachträglich zum Bischof weihen. Seine Anhänger mussten ihren angestammten chaldäischen (ost-syrischen) Ritus gegen den antiochenischen (west-syrischen) des weihenden Jerusalemer Metropoliten eintauschen. 1930 kehrte ein Teil dieser Christen in die katholische Kirche zurück, sie bildeten die heutige syro-malankarische Kirche.

Prof. Prokschi hatte mit seiner Gruppe Gelegenheit, mehrere der verantwortlichen Hierarchen zu treffen, so auch das Oberhaupt der syro-malankarischen Kirche, Kardinal Mar Basilios Cleemis Thottunkal, Großerzbischof von Trivandrum (er hat im Oktober 2018 die Wiener Pfarre Breitenfeld besucht, wo die syro-malankarische Gemeinde der Bundeshauptstadt die Liturgie feiert). Auch mit dem Oberhaupt der autokephalen indisch-orthodoxen (malankara syrisch-orthodoxen Kirche), Katholikos Mar Basilios Marthoma Paulos II., gab es eine Begegnung (der Katholikos war ebenfalls vor einigen Jahren in Wien zu Gast, wobei er mit Kardinal Christoph Schönborn zusammentraf).

Großen Eindruck machten die Kathedralen und Kirchen von Goa, eines der dramatischesten Ensembles der kirchlichen Architektur der Renaissance- und Barockzeit; Goa als Hauptstadt des portugiesischen Estado da India war vom 16. bis zum 18. Jahrhundert eine der glanzvollsten Metropolen der Christenheit. Erzbischof Filipe do Rosario Ferrao (der den Ehrentitel Patriarch trägt, was aber – ebenso wie in Lissabon oder Venedig – keine praktischen Auswirkungen hat) führte mit den Besuchern aus Wien ein angeregtes Gespräch.

Mit der Vielfalt Indiens wurden die Teilnehmenden der Studienreise der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät zum Abschluss auch in New Delhi (nachdem sie zuvor noch das Tadj Mahal, einen der Symbolbauten Indiens, gesehen hatten) konfrontiert. In Alt-Delhi besuchten sie die Jamia Masjid, die größte Moschee Indiens, die zugleich deutlich macht, dass der Islam in Indien seit rund 1.000 Jahren präsent ist. Für die Einordnung der Eindrücke nicht nur aus der religiösen, sondern auch aus der politischen und wirtschaftlich-sozialen Szene sorgte die Begegnung Prof. Prokschis und seiner Delegation mit der österreichischen Botschafterin Brigtte Öppinger-Walchshofer.