Bagdad: Katholische Pfarrer spenden Gehälter für Corona-Betroffene

Chaldäischer Kardinal-Patriarch Mar Louis Raphael Sako betont „Hilfe und Solidarität zwischen Christen und Muslimen“ in der Zeit der Corona-Pandemie

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Foto ©: Mar Louis Raphael I Sako / Facebook

Bagdad, 27.04.20 (poi) Die katholischen Pfarrer von Bagdad haben beschlossen, ihre aktuellen Gehälter für die am meisten von der Corona-Pandemie Betroffenen zu spenden. Der Beschluss wurde bei einer Versammlung der Pfarrer mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, und dessen Auxiliarbischöfen Shlemon Warduni und Basilios Yaldo getroffen. Bereits zuvor hatte der Kardinal-Patriarch seitens der Kirchenleitung 90.000 US-Dollar für die Hilfe an die „am meisten Betroffenen“ zur Verfügung gestellt. Bei der Versammlung mit den Pfarrern unterstrich der Kardinal-Patriarch die Notwendigkeit, die Vorsichtsmaßnahmen – Minimalabstand, sanitäre Vorschriften, von den Behörden angeordnete Schließungen – penibel einzuhalten. Daher seien auch der Katechismus-Unterricht und alle Jugendaktivitäten ausgesetzt. Mar Louis Raphael Sako unterstrich die Notwendigkeit, noch mehr als bisher die „Social media“ einzusetzen, um den Kontakt mit den Gläubigen aufrecht zu erhalten. Zugleich müsse aber auch auf die materiellen Bedürfnisse der in Not geratenen Familien geachtet werden.

In diesem „historischen und schicksalsschweren“ Augenblick müssten die Katholiken wie alle anderen Iraker „interne Kämpfe und persönliche Interessen“ beiseitelassen, stellte der Kardinal-Patriarch fest. Es gehe darum, die Solidarität zu verstärken, um „dem gemeinsamen Feind“ zu widerstehen, der „Leben, Wirtschaft, gesellschaftliche und religiöse Beziehungen bedroht“.

Seit Beginn der Krise gebe es im Irak „große Ereignisse der Hilfe und Solidarität zwischen Christen und Muslimen“, eine „menschliche und gesellschaftliche Solidarität“, die sich in vielfacher Weise ausdrücke, betonte Mar Louis Raphael Sako in einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“. So gebe es wohlhabende Personen, die in ihrem Wohnbezirk Nahrungsmittel an die Notleidenden verteilen. Es gebe auch Moscheegemeinden und einzelne Muslime, die Christen ihre Hilfsmaßnahmen zugute kommen lassen. In der Notsituation der Pandemie würden keine konfessionellen Unterschiede gemacht. Es gebe auch eine Rückkehr zur Religion, „oder besser gesagt zum Glauben“, sagte der Kardinal-Patriarch: „Es gibt die Sehnsucht nach Gott, nach einem Sinn des Lebens und der Welt. Das führt auch zu einer Bekehrung, zu einer Rückkehr zu den spirituellen Werten“.

Obwohl einige Maßnahmen der Ausgangssperre gemildert worden seien, hätten immer noch viele Menschen Angst, aus dem Haus zu gehen, berichtete Mar Louis Raphael Sako: “Die Leute bleiben zu Hause und nützen das Internet und das Smartphone, um Kontakt zu halten, Nachrichten zu erfahren, die Liturgie mitzufeiern“. Das chaldäische Patriarchat übertrage deshalb die tägliche Messfeier auf Facebook.  Es gebe tausende Familien, die Abend für Abend die Heilige Messe mitfeiern. Die Wohnungen seien wahrhafte „Hauskirchen“ geworden, die Spiritualität habe sich vertieft, auch der Kontakt mit den Chaldäern in der Diaspora.

Zu Ostern habe es der massive Einsatz der „Social media“ erlaubt, in einer Zeit der Abriegelung die Beziehungen mit der chaldäischen Gemeinschaft aufrecht zu erhalten, unterstrich der Kardinal-Patriarch. Es habe auch zahlreiche Osterglückwünsche von Politikern und muslimischen religiösen Führungspersönlichkeiten gegeben. Ein Glückwunsch habe ihn besonders beeindruckt, stellte Mar Louis Raphael Sako fest: Eine muslimische religiöse Persönlichkeit habe das Wort „Fest der Auferstehung“ und die übliche ostkirchliche Formulierung „Christus ist wahrhaft auferstanden“ verwendet.

Der chaldäische Patriarch betonte seine Hoffnung, dass die Corona-Krise „die Wirklichkeit verändern wird“. Es gehe darum, eine neue Ordnung zu schaffen, „die Solidarität zu stärken und das Leben zu respektieren, Schluss mit Krieg und Waffen, setzen wir uns ein für die Schöpfung, hüten wir das gemeinsame Haus“. In Zukunft bestehe die Gefahr vermehrter wirtschaftlicher Konflikte, umso mehr sei es notwendig, mehr soziale Gerechtigkeit herzustellen, auch „Gleichheit unter den Nationen“.

Abschließend übermittelte Mar Louis Raphael Sako seine Wünsche an die Muslime zum Beginn ihres Fastenmonats Ramadan: „Die Religion hat eine Botschaft, sie kommt von Gott, ihr Herz ist der Mensch, der in Respekt und Würde lebt. Schluss mit der Gewalt und den konfessionellen Auseinandersetzungen, man muss eine würdige Gesellschaft für alle aufbauen“. Heute sei eine Zeit der „Nächstenliebe und der Barmherzigkeit, nicht der Gewalt“. Die Botschaft der Religion gelte allen, Christen, Juden, Muslimen.

Nach offiziellen Angaben gibt es im Irak derzeit 1.700 Corona-Infizierte, es seien 83 Todesopfer zu beklagen.