Bartholomaios I. hofft weiter auf Wiedereröffnung von Chalki

Gerücht über Rückumwandlung der Erlöser-Kirche von Chora mit ihren weltberühmten Mosaiken und Fresken in eine Moschee bedeutet neue Belastungsprobe für das Ökumenische Patriarchat

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Foto: © (Quelle: WIkimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Konstantinopel, 31.07.20 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat im Juli mehrfach seine Entschlossenheit bekundet, die orthodoxe Position in der Türkei zu verteidigen. Am 5. Juli führte er den neuernannten Abt des Dreifaltigkeitsklosters auf der Insel Chalki, Bischof Kassianos (Notis), in sein Amt ein. Im Dreifaltigkeitskloster sind auch das Priesterseminar des Ökumenischen Patriarchats und die Theologische Hochschule beheimatet, die 1971 auf Anordnung der Regierung in Ankara geschlossen wurden. Bei der Feier am 5. Juli sagte Bartholomaios I. wörtlich: „Heuer ist der 49. Jahrestag der erzwungenen Still-Legung der Hochschule. Leider haben die Anstrengungen des Ökumenischen Patriarchats und die Aufrufe hochrangiger politischer und gesellschaftlicher Persönlichkeiten aus aller Welt im Hinblick auf die Wiedereröffnung der Hochschule bisher – trotz gelegentlicher positiver Signale – kein Ergebnis gebracht.  Aber wir werden weiter hoffen und kämpfen“. Das Gebet gelte dem Tag, an dem der Klang der Glocke die neuen Studenten zum Studium der Theologie einladen wird, „in einer Welt, in der die Theologie den Dialog führen muss und die Kirche Zeugnis zu geben hat, um zur Umformung der Welt beizutragen“.

Der Ökumenische Patriarch dankte auch dem Vorgänger  von Bischof Kassianos, dem neuen Metropoliten Kyrillos von Imbros und Tenedos, der sich als Bischof von Erythres und Abt des Dreifaltigkeitsklosters vor allem für die bauliche Sanierung des Gebäudekomplexes der Theologischen Hochschule eingesetzt hatte (alle Gebäude, außer dem Katholikon, der Hauptkirche, waren durch ein Erdbeben im Juni 1894 zerstört und durch den Architekten Perikles Fotiadis neu errichtet worden, um im Oktober 1896 eingeweiht zu werden; die letzte größere Renovierung fand in den 1950er-Jahren statt). Metropolit Kyrillos hatte nur kurz, ab Mai 2019, als Nachfolger des zum griechisch-orthodoxen Erzbischof von Amerika ernannten Bischofs Elpidophoros (Lambriniadis), die Verantwortung für Chalki getragen. Kyrollos wurde im März vom Heiligen Synod zum Nachfolger des gleichnamigen Metropoliten Kyrillos (Dragounis) erwählt, der im Jänner einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Die Amtseinführung des neuen Metropoliten fand coronabedingt erst am 19. Juli statt – und zwar durch Patriarch Bartholomaios I., dessen Heimatinsel Imbros ist (die beiden Inseln Imbros und Tenedos am Ausgang der Dardanellen sind die einzigen Ägäisinseln unter türkischer Oberhoheit).  In seiner Predigt erinnerte Bartholomaios I. auch daran, dass 1964 Imbros durch behördliche Maßnahmen verwüstet worden sei, „aber wir Menschen von Imbros sind dadurch nur stärker geworden“. Die Leute von Imbros seien mit ihrer Insel verbunden „wie ein ungeborenes Kind mit seiner Mutter“: „Wir teilen gemeinsame Erfahrungen, Bräuche und Traditionen, Sorgen und Hoffnungen“. Der Patriarch fügte hinzu: „Wir gehören zu diesem Land. Gottes Vorsehung hat uns hierher gesetzt“. Bartholomaios I. legte dem neuen Metropoliten vor allem die wiedererrichteten griechischen Schulen auf der Insel und die Jugendlichen ans Herz.

Auch der neue Metropolit war in seiner Ansprache deutlich. Er bezeichnete die Hagia Sophia als eine Idee, die man nicht isoliert betrachten dürfe: „Sie ist in unserem Herzen, in unserer Seele. Die historische Kathedrale der Hagia Sophia war und ist in den Herzen der Griechen in aller Welt und sie wird es immer bleiben“. Die enge Verbundenheit des Patriarchen mit dem neuen Metropoliten von Imbros und Tenedos hatte sich bereits am 11. Juli gezeigt, als der Metropolit Konzelebrant des Patriarchen bei den Gottesdiensten zum Fest der Heiligen Euphemia in der Georgskathedrale im Phanar war.

Mittlerweile zeichnet sich für das Ökumenische Patriarchat nach der Auseinandersetzung um die Rückumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee eine neuerliche Belastungsprobe ab. Am Bosporus kursiert das Gerücht, dass die Erlöser-Kirche von Chora (unter ihrem Moschee-Namen Kariye Camii seit 1958 ein Museum) mit ihren weltberühmten Mosaiken und Fresken – ebenfalls wieder in eine Moschee umgewandelt werden soll.  Die Mosaiken und Fresken im Stil der paläologischen Renaissance zählen zu den bedeutendsten und aufwändigsten Zyklen der christlichen Kunst weltweit. Die Kirche wurde unter den Osmanen im frühen 16. Jahrhundert in eine Moschee umgewandelt, nach 1948 restauriert und zum Museum erklärt.

Schon im 5. Jahrhundert stand außerhalb der Mauern, die Konstantin der Große um seine neue Hauptstadt errichtet hatte, eine Kirche, deren Name Chora darauf verwies, dass sie „auf dem Land“ war. Als Theodosius II. die Verteidigungsmauer, die so genannte Theodosianische Landmauer, weiter nach Westen verlegte, blieb der Name bestehen, obwohl der Gebäudekomplex nun in das eigentliche Stadtgebiet einbezogen wurde.

1077 bis 1081 stiftete die Schwiegermutter von Kaiser Alexios I. eine neue Kirche. Nach einem partiellen Einsturz im frühen 12. Jahrhundert wurde die Kirche vom Enkel der Gründerin, Isaak Komnenos, grundlegend erneuert und aufwändig umgestaltet. Doch erst in der dritten Bauphase zwei Jahrhunderte später entstand die Chora-Kirche, wie sie heute bekannt ist. Theodoros Metochites, der Kanzler unter Andronikos II. Palaiologos, ließ in den Jahren 1315 bis 1321 die in Verfall begriffene Kirche von Grund auf restaurieren und mit umfangreichen Bilderzyklen ausschmücken.

Etwa ein halbes Jahrhundert nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen wurde die Chora-Kirche von Atik Ali Pascha, dem Großwesir von Bayezid II., in eine Moschee umgewandelt und in Kariye Camii umbenannt. Die Mosaiken kamen wegen des Bilderverbots im Islam unter Putz oder wurden übertüncht. Seit 1948 organisierten Thomas Whittemore (der auch die Restaurierung der Hagia Sophia betrieben hatte) und Paul A. Underwood ein zunächst vom „Byzantine Institute of America“ und später dem „Dumbarton Oaks Center for Byzantine Studies“ gesponsortes Restaurierungsprogramm.

Die Mosaiken und Fresken sind sowohl qualitativ als auch ihrer Anzahl nach die bedeutendsten erhaltenen byzantinischen Bildwerke. Bei Unterschieden im Detail weisen sie durch ihre Lebendigkeit und ihren Realismus auf italienische Fresken der frühen Renaissance voraus. Die sich anmutig bewegenden Personen verleihen den Darstellungen Leichtigkeit und Eleganz, die zusätzlich durch die frische Farbgebung unterstrichen wird. Auch die weit gespannte Vielfalt biblischer Themen gibt einen Eindruck von der künstlerischen Kompetenz der konstantinopolitanischen Maler und Mosaizisten. Leitmotive sind die Menschwerdung Gottes (die Inkarnation) und die Erlösung der Menschen.