Bartholomaios I. ruft zur Solidarität der Kirchen mit den leidenden Menschen auf

Ökumenischer Patriarch predigte in der Genfer reformierten Kathedrale Saint-Pierre beim Festgottesdienst zum 70-Jahr-Jubiläum des Weltkirchenrats

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Foto: © Geoff Livingston (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Genf, 17.06.18 (poi/örkö) Der Weltkirchenrat (ÖRK) müsse „noch aktiver“ werden im Hinblick auf die Begegnung mit den Menschen, „die heute aus so unterschiedlichen Gründen leiden“: Dies betonte das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I., am Sonntag in der Genfer reformierten Kathedrale Saint-Pierre bei einem ökumenischen Festgottesdienst aus Anlass des 70-Jahr-Jubiläums des Ökumenischen Rates der Kirchen. „Wir feiern eine lange gemeinsame Pilgerreise auf dem Weg hin zur Einheit, es ist ein Weg des christlichen Zeugnisses, des Engagements für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, unterstrich der Patriarch von Konstantinopel. Es sei unumgänglich, dass der Dialog einhergeht „mit gelebtem Zeugnis in der Welt“ und mit praktischem Handeln, das „alle konfessionelle Konkurrenz außer Acht lässt“. Die Christen, die sich „von den gemeinsamen Grundprinzipien des Evangeliums inspirieren lassen“, müssten versuchen, eine prompte und solidarische Antwort auf die dringendsten Probleme zu geben, vor denen die Welt heute steht. Das Engagement in der Welt müsse freilich gegründet sein auf dem „gemeinsamen Vorbild des neuen Menschen in Christus“.

Die Kirchen seien bisher nicht in der Lage gewesen, ihre Spaltung zu überwinden, um die angestrebte Einheit zu erreichen, bedauerte der Patriarch. Die konstruktive und geschwisterliche Zusammenarbeit im Weltkirchenrat bedeute aber eine Stärkung. Gleichwohl dürfe nie vergessen werden, dass „die Frucht der Einheit nicht ohne Gottes Gnade reifen kann“. Darauf habe auch das Heilige und Große Konzil auf Kreta vor zwei Jahren verwiesen. Im Vertrauen auf den Heiligen Geist wolle die orthodoxe Kirche vor der noch immer gespaltenen Christenheit und der von verschiedenen Krisen geprägten heutigen Welt Zeugnis ablegen für das Evangelium und für die Gaben Gottes wie Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, Hoffnung auf das ewige Leben. Wörtlich sagte der Ökumenische Patriarch: „Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die Bewegung, die die Einheit der Christen wiederherstellen will, neue Formen annimmt, um auf neue Situationen zu reagieren und um sich den neuen Herausforderungen der Welt zu stellen“.

Bei der Verwirklichung seiner Ziele sei der Ökumenische Rat der Kirchen auf viele „unvorhergesehene Gräben und Schwierigkeiten“ gestoßen, stellte der Patriarch fest. Aber der Dialog werde weitergeführt, um diese Schwierigkeiten zu überwinden, Missverständnisse aufzuklären, Vorurteile auszuräumen und ein authentisches Zeugnis für die Botschaft des Evangeliums abzulegen. „Dialog bedeutet nicht, der eigenen kirchlichen Tradition untreu zu werden“, unterstrich Bartholomaios I. Vielmehr gehe es um eine Haltungsänderung, die „Betrachtung der Dinge aus einer anderen Perspektive“. In diesem Sinn sei der Dialog der Beginn eines „langen Prozesses“ der gegenseitigen Verständigung, „der viel Geduld und Offenheit erfordert“. Gemeinsam könnten die Schwierigkeiten gemeistert werden, wobei der Patriarch darauf verwies, dass es auch zwischen dem von den orthodoxen und reformatorischen Kirchen geprägten Ökumenischen Rat der Kirchen und der römisch-katholischen Kirche „konstruktive Zusammenarbeit und gemeinsame Anstrengungen zur Bewältigung der großen Herausforderungen der Gegenwart“ gebe. Orthodoxe und reformatorische Kirchen müssten aber auch gemeinsam den Charakter des Weltkirchenrats neu definieren und die Grenzen bestimmen, innerhalb derer der ÖRK berufen sei, „Zeugnis abzulegen und zu dienen“.

Bartholomaios I. erinnerte an den orthodoxen Anteil an der Gründungsgeschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen. Insbesondere verwies er auf die 1920 veröffentlichte Enzyklika des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel an die Kirchen in aller Welt, in der die Gründung eines „Kirchenbundes“ nach dem Vorbild des Völkerbundes vorgeschlagen wurde, der im selben Jahr auf Initiative des US-Präsidenten Wilson in Genf entstanden war. Dieser von Konstantinopel vorgeschlagene „Kirchenbund“ sei 28 Jahre später – 1948 – mit dem Zusammenschluss der interchristlichen Bewegungen „Glaube und Kirchenverfassung“ und „Praktisches Christentum“ umgesetzt worden. Im Lauf seines bisher 70-jährigen Bestehens sei der Weltkirchenrat ein „gut strukturierter“ Ausdruck der ökumenischen Bewegung geworden, „ein von Christus gewählter Weg, um die Aufmerksamkeit der Menschheit auf das ‚neue Gebot der Nächstenliebe‘ zu lenken“. Das Konzil von Kreta habe bekräftigt, dass die orthodoxen Mitgliedskirchen voll und gleichberechtigt an der Struktur des Weltkirchenrats teilnehmen und „mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln“ zur Förderung eines friedlichen Zusammenlebens und der Zusammenarbeit bei den größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen beitragen.

Das 70-Jahr-Jubiläum der Gründung des ÖRK prägt derzeit die Sitzung des Zentralkomitees des Weltkirchenrats in Genf. Am kommenden Donnerstag, 21. Juni, wird Papst Franziskus nach Genf kommen. Der Papst versteht die Reise als „Dankwallfahrt“ für die außerordentlichen Verdienste des Weltkirchenrats um die ökumenische Annäherung der getrennten Kirchen.