Bartholomaios I. zelebrierte in der Ägäis-Stadt Cesme

Wenige Tage zuvor hatte er beim Photios-Fest auf Chalki die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass das Priesterseminar und die Theologische Hochschule auf der Marmara-Insel „demnächst“ wieder geöffnet werden

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Konstantinopel, 10.02.20 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat am Sonntag, 9. Februar, in der St. Charalampos-Kirche in der ägäischen Küstenstadt Cesme (griechisch: Kysos) die Göttliche Liturgie gefeiert. Der Sonntag war der Vorabend des Festes des Heiligen Charalampos, Bischof von Magnesia (heute: Manisa) in frühchristlicher Zeit (2./3. Jahrhundert). Cesme hat für die kollektive griechische Erinnerung besondere Bedeutung, weil die Stadt während der „anatolischen Katastrophe“ noch bis zum 16. September 1922 aushielt: Tausende orthodoxe Christen konnten nach der Eroberung von Smyrna durch die kemalistischen Truppen am 9. September 1922 nach Cesme flüchten, das direkt gegenüber der Insel Chios liegt, und sich mit Schiffen und Booten in Sicherheit bringen.

Die St. Charalampos-Kirche in Cesme spiegelt die dramatische Geschichte der Städte an der Ägäisküste. Die eindrucksvolle dreischiffige Kirche wurde 1832 erbaut – wie bei unzähligen anderen Kirchenbauten im ganzen Osmanischen Reich war die Errichtung durch die liberale Gesetzgebung der „Tanzimat“-Epoche möglich geworden. 1903 wurde Cesme mit den umliegenden Dörfern zu einer eigenen orthodoxen Metropolie erhoben, die Kirche wurde zur Kathedrale. Nach dem September 1922 und der Flucht bzw. Vertreibung aller Christen wurde am 10. Februar 2016 zum ersten Mal wieder eine Liturgie in der Kirche gefeiert. Das Gotteshaus gilt aber nach wie vor als Kulturdenkmal und wird von der Stadtverwaltung als Veranstaltungszentrum genutzt. Für die von Bartholomaios I. zelebrierte Liturgie bedurfte es einer eigenen Genehmigung der zuständigen Behörden.

Die „goldene Zeit“ Cesmes betraf das 14.-16. Jahrhundert, als die Gegend teils von der Republik Genua, teils von den Aydiniden beherrscht wurde und der Fernhandel von Asien nach Europa über die ägäische Stadt lief. Nach den Balkankriegen siedelte die osmanische Regierung bosniakische muslimische Flüchtlinge aus den neuerworbenen Gebieten Montenegros in der Gegend von Cesme an; nach dem von den Großmächten erzwungenen Bevölkerungsaustausch kamen in die entleerte Stadt ab 1924 graecophone Muslime aus Veria im griechischen Makedonien.

Mit der Göttlichen Liturgie in der St. Charalampos-Kirche in Cesme setzte Bartholomaios I. seine Initiative zum Wiederaufbau der orthodoxen Kirchenstruktur in Ost-Thrakien und Anatolien (und sei es auch nur durch die Sichtbarmachung der Erinnerung) fort. Erst vor wenigen Tagen – am 6. Februar – hatte der Patriarch auf Chalki seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass die seit 49 Jahren geschlossene Theologische Hochschule auf der Marmara-Insel „demnächst“ wieder geöffnet werden wird und das Ökumenische Patriarchat damit seine „theologische Kraft“ zurückerhält. Dann könnten wieder fähige junge Leute ausgebildet werden, um „die vielfältigen Verantwortlichkeiten der Mutterkirche wahrzunehmen“. Bartholomaios I. äußerte sich im Festsaal der Hochschule bei einer Feier zu Ehren des Heiligen Photios, der von 858 bis 867 und dann wieder von 878 bis 886 Patriarch von Konstantinopel war. Er gilt als einer der gelehrtesten Theologen seiner Zeit und war der Initiator der Slawenmission von Kyrillos und Methodios. Photios war auch der Gründer des Dreifaltigkeitsklosters auf Chalki, der Vorgängerinstitution der Theologischen Hochschule und des angeschlossenen Priesterseminars. Wörtlich sagte Bartholomaios I. bei der Feier: „Der Tag wird kommen, an dem die Glocke des Seminars wieder läuten wird“. Die Schließung der Theologischen Hochschule sei „ungerecht und erzwungen“ gewesen: „Wir kämpfen hartnäckig um die Wiederöffnung des Seminars und der Hochschule, unsere Anstrengungen verstärken sich“. Zugleich verwies der Patriarch darauf, dass eine gründliche Renovierung von Chalki notwendig sei. Alle Gebäude, außer dem Katholikon, wurden durch ein Erdbeben im Juni 1894 zerstört und später durch den Architekten Perikles Fotiadis neu errichtet, um im Oktober 1896 eingeweiht zu werden. Die letzte größere Renovierung fand in den 1950er-Jahren statt. Abschließend dankte Bartholomaios I. der Mönchsgemeinschaft und ihrem neuen Abt, Bischof Kyrillos von Erythres, der dem früheren Metropoliten von Bursa (Broussa) und nunmehrigem Erzbischof von Amerika, Elpidophoros (Lambriniadis), nachgefolgt ist.

Vor dem Festakt hatte der Patriarch im Katholikon des Klosters die Göttliche Liturgie zelebriert. An Liturgie und Festakt nahm auch der orthodoxe Erzbischof von Australien, Makarios(Grienizakis), mit einer Delegation teil.

 

„Wir werden diese Stadt nie verlassen“

Sein Konzept für die Bewahrung des oströmischen Erbes hat Bartholomaios I. am 1. Februar bei der Wiedereinweihung der Kapelle über der Heiligen Quelle im Bereich der Mariä-Geburt-Kirche beim Belgradkapi (Belgrader Tor) dargelegt. Die Kapelle war bei den Ausschreitungen in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 schwer in Mitleidenschaft gezogen worden (das gegen Griechen und Armenier gerichtete Pogrom hing mit dem Zypern-Problem zusammen, die Polizei griff nicht ein). Dort waren aber auch Ikonen und Kultgegenstände vor dem Zugriff der Plünderer verborgen worden. Der Ökumenische Patriarch appellierte an die versammelten Gläubigen: „Bewahrt weiterhin die Ikonen, Kirchen, Ikonostasen, Grabmäler, all das, was uns mit den Vorfahren verbindet, die in jener Nacht des Jahres 1955 so tiefe Wunden erlitten haben und stellt die ursprüngliche Schönheit dieser Zeugnisse des Glaubens wieder her“. Das gelte auch für all das, was in den folgenden Jahrzehnten „aus Geldmangel, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit“ zerstört oder beschädigt wurde: „Solange es Interesse, Liebe und Zuneigung zu diesen Zeugnissen gibt, kann man auch finanzielle Ressourcen finden und alles wiederherstellen“.  Der Patriarch dankte sowohl dem zuständigen Bischof, Metropolit Maximos (Ugenopoulos) von Silivri (Selymbria), als auch dem Vorsitzenden des Kirchenrates, Athanasios Mirankos, für ihren Einsatz: „Gehen wir weiter gemeinsam auf dem Weg der Romanität, mit den jungen Leuten aus Griechenland, die hierher kommen und sich langsam in unsere Gemeinschaft integrieren werden, bewahren wir die heiligen Orte unserer Nation in der Stadt unserer Väter, in dieser Stadt, die wir auf keinen Fall verlassen wollen. Genauso wenig wird das Ökumenische Patriarchat von hier weg gehen und es steht auch außer Frage, dass die Gegner des Patriarchats nicht triumphieren werden. Die Wahrheit und das Recht werden die Oberhand behalten, Wahrheit und Recht stehen auf der Seite des Patriarchats“.

Zuvor hatte Metropolit Maximos an die tragischen Ereignisse in der Nacht von 6. Auf 7. September 1955 erinnert; damals sei auch eine altehrwürdige Ikone der Gottesmutter verbrannt, eine andere Ikone aber auf wunderbare Weise gerettet worden. Die orthodoxen Gläubigen würden die Fürbitte der Gottesmutter anrufen, damit die Kirche, die Stadt, der „Patriarch der Nation“ beschützt werde. Der Patriarch sei Tag und Nacht mit „väterlicher Verantwortung“ für die Bewahrung der Rechte und Privilegien des Patriarchats im Einsatz. Die Fürbitte der Gottesmutter werde auch den Patriarchen in seinem Kampf gegen jene unterstützen, „die Rolle und Funktion des Ökumenischen Patriarchats als des ‚ersten bischöflichen Throns‘ der Kirche in Frage stellen“.