Beirut: „Möge das Leid des Volkes zur Geburt einer neuen Heimat führen“

Kardinal-Patriarch Rai betete für die Opfer der Explosionskatastrophe – Papst und Italienische Bischofskonferenz leisten finanzielle Soforthilfe – Maronitischer Bischof: „Der Libanon steht immer wieder auf“

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 09.08.20 (poi) Der maronitische Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai hat der Opfer der Explosionskatastrophe in Beirut gedacht. „Das Blutzeugnis unseres Volkes in Beirut wird, so Gott will, uns zur Geburt einer neuen Heimat und eines neuen Menschen führen“, sagte er laut „Vatican News“ beim Rosenkranzgebet an seinem Sommersitz in Dimane. Der Kardinal-Patriarch betete insbesondere für die 158 Todesopfer und ihre Familien sowie für die mehr als 6.000 Verletzten, von denen sich 120 weiterhin in kritischem Zustand befinden, sowie für die noch vermissten Menschen.

Die Explosionskatastrophe verursachte im gesamten Nahen Osten Schmerz und Bestürzung. So lud der chaldäisch-katholische Patriarch, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, die  Gläubigen seiner Kirche ein, sich mit der Kirche im Libanon solidarisch zu zeigen und am Sonntag für die „Opfer der Katastrophe im Hafen von Beirut zu fasten und zu beten, damit die Bewohner der libanesischen Hauptstadt die Leiden überwinden und wieder aufbauen, was zerstört ist“. Der chaldäisch-katholische Kurialbischof Shlemon Warduni sagte im Gespräch mit „Radio Vatikan“, dieser Appell seines Patriarchen setze auf die Einheit unter allen Kindern Gottes und auf die Nähe zum leidenden libanesischen Volk: „Das erste, was zu berücksichtigen ist, ist das Wohl derjenigen, die arm sind und verwundet oder gar getötet wurden. Wir sind alle Gottes Kinder. Da ist das Bedürfnis nach Liebe, Nähe und Dienst unter den Menschen. Dieses Engagement ist besonders jetzt wichtig im Hinblick auf die Situation im Libanon, aber auch in Syrien und im Irak“.

Der orthodoxe Patriarch von Antiochien, Youhanna X., hat die orthodoxen Einrichtungen in Beirut besucht, um sich persönlich einen Überblick über die Auswirkungen der Katastrophe zu verschaffen. Im Gespräch mit Journalisten sagte der Patriarch: „Beirut ist in unserem Herzen. Mit dem örtlichen Metropoliten Elias (Awde) wünschen wir der Stadt und ihren Bewohnern Frieden. Wir sind eine Familie“. Youhanna X. dankte den autokephalen orthodoxen Kirchen in aller Welt, die ihr Mitgefühl mit der durch die Katastrophe von Beirut schwer in Mitleidenschaft gezogenen Kirche von Antiochien zum Ausdruck gebracht hätten. Auch die staatlichen Autoritäten von Griechenland und Russland hätten sofort Kontakt aufgenommen und praktische Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Beirut sei ein „Symbol von Frieden und Kultur“, betonte der Patriarch von Antiochien: „Wir sind hier so stark wie die Zedern des Libanon, wie viele Schwierigkeiten und Leiden da immer sein mögen. Wir sind an der Seite der Menschen und bleiben in diesem Land, wo wir immer waren“. Youhanna X. besuchte in Beirut u.a. das schwer beschädigte orthodoxe St. Georgskrankenhaus. Zudem stattete er dem maronitischen Erzbischof von Beirut, Paul Abd-ul-Sater, einen Solidaritätsbesuch ab.

Papst Franziskus hat 250.000 Euro für Soforthilfe im Libanon gespendet. Wie der Heilige Stuhl bekanntgab, hat der Papst die Spende über das vatikanische „Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“ an die Kirche im Libanon weitergeleitet. Die Spende sei ein „Zeichen der Fürsorge des Papstes für die Bevölkerung, die durch die Explosion am Hafen von Beirut in Mitleidenschaft gezogen wurde“. Er wolle seine väterliche Nähe zu denen zeigen, „die Schmerzen und große Not leiden“, so die vatikanische Presseerklärung.

Die Italienische Bischofskonferenz (CEI) hat eine Million Euro für die Hilfe an die Betroffenen der Explosionskatastrophe vom 4. August in Beirut bereitgestellt. Die von der CEI zur Verfügung gestellten Mittel werden in den nächsten zwölf Monaten den Hilfsmaßnahmen der „Caritas Libanon“ zugute kommen. Die dringendsten Maßnahmen betreffen die medizinische Versorgung, die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und Wasser, die Unterbringung der Obdachlosen und die psycho-soziale Unterstützung für die „besonders Verletzlichen“. In einer Erklärung der Italienischen Bischofskonferenz wird daran erinnert, dass der Libanon bereits vor der Katastrophe durch eine schwerwiegende finanzielle, wirtschaftliche und soziale Krise betroffen war, die sich im Verlauf des letzten Jahre zugespitzt habe, 25 Prozent der Bevölkerung müssten mit weniger als fünf Dollar pro Tag auskommen. Das Gebet der italienischen Katholiken gelte den Familienangehörigen der Todesopfer, den Verletzten und dem befreundeten Land, „damit der Libanon das Leid dieser Tage überwinden und sich wieder erheben kann“.

Weltweit hat sich eine große Welle der Solidarität für den Libanon entwickelt. Aus der Europäischen Union und weiteren Ländern sind zahlreiche Suchtrupps mit teils schwerem Gerät in die Region entsandt worden, um bei der Bergung von Verschütteten zu helfen. Die Explosionskatastrophe hat nahezu 160 Todesopfer und mehr als 6.000 Verletzte gefordert, die Wohnungen von 250.000 Menschen sind unbewohnbar geworden.

 

„Wir sind an Katastrophen gewöhnt“

Nach der verheerenden Explosionskatastrophe von Beirut kommt die Hilfe aus dem Ausland jetzt in Gang. Die „Caritas Libanon“ sorgt dafür, dass die Unterstützung zu den am meisten Betroffenen gelangt; am wichtigsten sind aus ihrer Sicht jetzt Notunterkünfte, Nahrungsmittel, Trinkwasser und Hygienematerial, wie „Vatican News“ berichtet. Die Katastrophe hat weite Teile des Beiruter Stadtgebietes verwüstet, auch viele Klöster und Kirchen. Auch das Gebäude der „Caritas Libanon“ wurde beschädigt.

„Wir organisieren uns jetzt, soweit das möglich ist“, sagte der emeritierte maronitische Kurialbischof Samir Mazloum, der vom Kardinal-Patriarchen mit der Organisation der Nothilfe der maronitischen Kirche beauftragt worden ist. Wörtlich sagte der Bischof im Gespräch mit der Zentralredaktion der französischen katholischen Radiosender: „Vom Staat ist leider nicht viel zu erwarten, er ist desorganisiert und hat keine Mittel mehr. Die Kirche bemüht sich nach Kräften, Hilfe zu leisten: Wir haben beschlossen, den Opfern unsere Klöster, Schulen, Zentren zur Verfügung zu stellen. Dort können jetzt Familien unterkommen, die ihr Zuhause bei der Explosion verloren haben und in den nächsten Wochen nirgendwo hingehen können. Wir sorgen auch für ihre Ernährung und Medikamente. Leider sind die Familien auseinandergerissen worden und jetzt über die Stadt verteilt…“ Die Lage sei ziemlich unübersichtlich, die Auswirkungen der Explosionen noch nicht völlig zu erfassen.

„Leider folgen bei uns die Katastrophen einander auf dem Fuß. Wir haben sehr schwerwiegende Probleme in wirtschaftlich-finanzieller Hinsicht und auch, was die Politik betrifft. Ein fast völliges Chaos. Wir haben außerdem die Corona-Pandemie mit allem, was das bedeutet – und jetzt diese weitere Katastrophe. Selbst diejenigen, die bis jetzt noch über einige Rücklagen verfügten, haben mittlerweile nichts mehr. Bei den Banken kann man kein Geld mehr abholen; die Mehrheit der Bevölkerung ist auf einmal mit Armut konfrontiert und braucht dringend Unterstützung. Die Pfarren und Diözesen, die Caritas und das Rote Kreuz versuchen ihr Bestes, um zu helfen“, sagte Bischof Mazloum. Mindestens zehn Kirchen liegen in Beirut in Trümmern: „Durch die Explosionskatastrophe wurde dem christlichen Viertel von Beirut mehr Schaden zugefügt als in den langen Jahren des Bürgerkriegs“.

„Wir sind im Libanon schon mehr oder weniger an Katastrophen gewöhnt, und jedes Mal kommt das Land wieder auf die Füße. Das hier ist jetzt vielleicht die zehnte Katastrophe in den letzten dreißig Jahren. Der vom Krieg zerstörte Libanon steht immer wieder auf. Wir setzen große Hoffnungen auf unsere jungen Leute, auf unsere Bevölkerung – und auch auf unsere Freunde im Ausland. Frankreich zum Beispiel hat uns noch nie im Stich gelassen“, so der maronitische Bischof.