Belarus: Kommt es zu einer kirchenpolitischen Auseinandersetzung?

Bestrebungen für einen „Tomos“, der die weißrussische Kirche autokephal machen könnte, lösen Unbehagen aus – „Alte marxistisch-leninistische Technik“

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Foto: © Dmitrij M (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Minsk, 19.08.20 (poi) Es kam, wie es kommen musste: Im Windschatten der politischen Auseinandersetzung in Weißrussland bahnt sich auch eine kirchenpolitische Problematik an. Der umstrittene Präsident Aleksandr Lukaschenko verwies am Dienstag in einer Rede vor dem Nationalen Sicherheitsrat darauf, dass es der Opposition darum gehe, die russische Präsenz im „wirtschaftlichen, militärischen, linguistischen und kirchlichen Bereich“ zurückzudrängen. Die Opposition wolle den Gebrauch der russischen Sprache In Weißrussland (wo sie Umgangssprache der Mehrheit ist) „einschränken, wenn nicht verbieten“, so der Präsident. Im kirchlichen Bereich wolle die Opposition eine „autokephale“ orthodoxe Kirche als Gegengewicht zum russisch-orthodoxen Exarchat schaffen. Lukaschenko betonte, dass man in Weißrussland immer auf den „interreligiösen Frieden“ stolz gewesen sei, „weder Orthodoxe noch Katholiken haben einander gestört, Muslime und Juden leben hier glücklich miteinander“. Es bestehe die Gefahr, dass Weißrussland jetzt in eine interkonfessionelle Auseinandersetzung hineingezogen werde, deren Ziel es sei, „die Dinge auszuradieren, auf die wir stolz sind“.

Die düstere Perspektive Lukaschenkos wurde vom Pressesprecher des (von Patriarch Kyrill I. geleiteten) „Weltrates des Russischen Volkes“, Jurij Kot, vertieft. Er stellte im Gespräch mit „Interfax“ fest: „Das prowestliche Projekt für Weißrussland braucht die weißrussische Wirtschaft nicht, dieses Projekt braucht das Volk von Belarus nicht, und vor allem nicht die weißrussischen orthodoxen Gläubigen“. Wer noch Zweifel habe, solle auf das noch andauernde prowestliche ukrainische Projekt schauen und werde verstehen, dass es „in Belarus noch schlimmer kommen wird, viel schlimmer“. In der Ukraine sei man irgendwie vorbereitet gewesen, daher sei der Zusammenbruch nicht so schmerzhaft ausgefallen. Auf die Frage, was er von der Idee einer „autokephalen“ weißrussischen orthodoxen Kirche, eines „Tomos für Belarus“, halte, sagte Kot: „Der teuflische Trick mit dem ‚Tomos‘ ist eine alte marxistisch-leninistische Technik. Der Zweck ist, auf allen Ebenen Spaltungen zu erzeugen, vor allem im spirituellen Bereich“. Im Grunde werde bei den „Farb-Revolutionen“ die Methode der sogenannten „Oktober-Revolution“ des Jahres 1917 kopiert, vor allem anderen die „Besetzung des Informationsbereichs“. Es sei eine „gewisse Ironie der Geschichte“, dass jetzt Belarus – „wo man so lange sowjetische Vergangenheit und kommunistische Ideale glorifiziert und idealisiert hat“ – mit „bolschewistischem Know-how“ erschüttert wird, so der Pressesprecher des „Weltrates des Russischen Volkes“.

Die scharfen Formulierungen aus Minsk und Moskau sind auf eine Erklärung des Oberhaupts der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, Metropolit Epifanij (Dumenko), zurückzuführen, in der es u.a. hieß, die „orthodoxe Kirche von Belarus“ habe die gleiche Situation wie die orthodoxe Kirche der Ukraine und das gleiche Recht, von der „Mutterkirche von Konstantinopel“ einen „Tomos“ zu erbitten, der ihre Autokephalie bestätige. Metropolit Epifanij publizierte seine Erklärung – in ukrainischer und weißrussischer Transskription – am 13. August auf Facebook. Im Hinblick auf die ukrainische Erfahrung meinte der Metropolit, seine Kirche könne nicht gleichgültig bleiben, wenn es um die „Zukunft des Volkes von Belarus“ gehe, die „Unabhängigkeit des Staates, Freiheit und Sicherheit der Bürger, deren Leben in Gefahr ist“.  Abschließend schloss sich Metropolit Epifanij den vielfältigen Forderungen nach dem Ende der Gewalt in Belarus, nach Freilassung der Gefangenen und einem „konstruktiven Dialog zwischen der Staatsführung und der Zivilgesellschaft mit dem Ziel eines friedlichen Weges aus der Krise“ an.

In russischen orthodoxen Blogs werden inzwischen Parallelen zwischen dem ukrainischen “Maidan“ von 2013/14 und den aktuellen Vorgängen in Minsk gezogen: Wenn in einem Konflikt die eine Seite idealisiert (in Kiew war von „ukrainischem Golgotha“ und den „himmlischen Hundert“ die Rede) und die andere „dehumanisiert“ werde, lande man in einer pseudosakralen Sphäre. In den Blogs wird auf den früheren Pressesprecher der ukrainischen orthodoxen Kirche (der sich inzwischen der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ angeschlossen hat), Georgij Kowalenko, verwiesen. Kowalenko habe am 10. August erklärt, dass dank der Proteste in Minsk und anderen weißrussischen Städten „analog zur Orthodoxen Kirche der Ukraine“ eine neue „orthodoxe Kirche von Belarus“ bereits tatsächlich tätig sei,  sie sei „eine Realität, obwohl noch unbewusst und unorganisíert“.

Aus der Ukraine äußerte sich der Kanzler der ukrainischen orthodoxen Kirche (des Moskauer Patriarchats), Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol, überaus zurückhaltend. Angesichts der politischen Krise im brüderlichen Nachbarland gebe es in der Ukraine unterschiedliche Stimmen, die „die eine oder andere Gruppierung unterstützen“ und ihre „mitunter herrischen Bewertungen“ und ihre „unpassenden Ratschläge“ abgeben. Wörtlich sagte der Metropolit: „Mir scheint, dass wir am besten schweigen sollten. Nicht nur deshalb, weil auch bei uns die Situation fern von Harmonie und Frieden ist, sondern auch deshalb, weil sich gläubige Christen nicht in die Konflikte von anderen einmischen sollen, um sie – trotz bester Absichten – zu verschlimmern“. Das einzige und wichtigste, was die ukrainischen Christen für die weißrussischen Geschwister tun können, sei es, von Christus zu erflehen, dass es nicht zur Zunahme von Hass und Zorn, zur Verschlimmerung des Konflikts oder gar zu Blutvergießen kommt.