Berg-Karabach: Der Waffenstillstand ist umstritten

Katholikos-Patriarch Karekin II. fordert Aufklärung der armenischen Bevölkerung über alle Details des Abkommens - „Wir müssen die Krise durch gemeinsame Anstrengungen der Verantwortlichen für die Außenpolitik Armeniens und Artsachs überwinden“

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Foto: © Tzolag Hovsepian (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Jerewan-Stepanakert, 10.11.20 (poi) Das auf Vermittlung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zustande gekommene Waffenstillstandsabkommen zwischen Jerewan und Baku im Berg-Karabach-Konflikt ist unter den Armeniern umstritten. Putin selbst stellte fest, der Waffenstillstand zeige, dass Russland und die Türkei eine gemeinsame Friedensmission haben: “Wir schaffen ein völlig neues Format für die Beziehungen in der Region“. In seiner TV-Ansprache sagte der russische Präsident, dass Aserbaidschan und Armenien „zunächst ihre Stellungen unter der eigenen Kontrolle behalten werden und auf die Ankunft russischer Friedenstruppen entlang der Front und entlang des Latschin-Korridors, der Berg-Karabach mit Armenien verbindet, warten“. Vertriebene und Binnenflüchtlinge würden unter der Kontrolle des Hohen UN-Flüchtlingskommissars in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren. Mit russischen Friedenstruppen (rund 2.000 Mann) werden auch türkische Einheiten die Einhaltung des Waffenstillstands kontrollieren.
Karekin II., der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier, hat am Dienstag die Regierung in Jerewan aufgefordert, das armenische Volk mit allen notwendigen Erklärungen im Hinblick auf das Waffenstillstandsabkommen zu versorgen. Wörtlich stellte der Katholikos-Patriarch fest: „Die Entscheidung hat die Seelen der Armenier aufgewühlt“. Er rufe die Behörden von Armenien und Artsach auf, die Entscheidung für den Waffenstillstand und dessen Auswirkungen auf die Zukunft des Landes „umfassend und vollständig“ darzulegen, stellte Karekin II. in seiner schriftlichen Erklärung fest. Die Handlungsweise Armeniens müsse „sachlich und weise“ sein: „Wir müssen die Krise durch gemeinsame Anstrengungen der Verantwortlichen für die Außenpolitik Armeniens und Artsachs überwinden“.
Der Katholikos-Patriarch rief dazu auf, die Ruhe zu bewahren, keine überflüssigen Demonstrationen zu veranstalten und sich von Gewalt und Revolte fernzuhalten. In diesem Augenblick seien alle aufgerufen, „gemeinsam Lösungen für das Wohl von Artsach und Armenien zu finden, für das Wohl unseres Volkes“.
Mit dem Waffenstillstandsabkommen, das am Dienstag um 0 Uhr Moskauer Zeit in Kraft trat, wurden die mehrwöchigen Kämpfe beendet, die in den Morgenstunden des 27. September mit dem Überfall azerbaidschanischer Einheiten an der Grenze mit Artsach begonnen hatten. Die Kämpfe haben hunderte Menschenleben gefordert und große Zerstörungen in Artsach, aber auch in armenischen und azerbaidschanischen Grenzzonen angerichtet. Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinian gab am späten Montagabend als erster über „Facebook“ die Unterzeichnung des Abkommens bekannt, wobei er den Waffenstillstand als „schmerzhaft“ bezeichnete, die armenische Seite sei aber nicht „besiegt“. Zuvor war es zu einer dramatischen Verschlechterung der militärischen Lage auf Seiten Artsachs gekommen. In Baku wurde am Sonntag behauptet, azerbaidschanische Truppen hätten die Stadt Shusha erobert, der azerbaidschanische Präsident Ilham Alijew proklamierte einen „glorreichen Sieg“ und erklärte, die Azeris würde weiterkämpfen, bis die ganze Region wieder in ihrer Hand sei. Shusha hat für die armenische Seite eine doppelte Bedeutung: Einerseits kontrolliert die Stadt die Straßenverbindung zwischen Stepanakert, der Hauptstadt von Artsach, und Armenien, andererseits ist Shusha eine Symbolstadt, weil es dort vor 100 Jahren – 1920 – bei einem ähnlichen Waffengang wie dem jetzigen zwischen der damaligen liberal-nationalistischen Regierung in Baku und Artsach zur völligen Zerstörung der armenischen Stadthälfte und der Abschlachtung von bis zu 18.000 armenischen Männern, Frauen und Kindern gekommen war, der damalige armenisch-apostolische Bischof von Shusha, Vahan Ter-Grigorian, erlitt einen grausamen Martertod.

Auch Bischöfe der armenisch-katholischen Kirche äußerten sich am Dienstag zu dem neuen Waffenstillstandsabkommen. Der für die armenischen Katholiken in Osteuropa zuständige Erzbischof Raphael Francois Minassian – der sich nach einer Corona-Infektion noch im Krankenhaus befindet – sprach von einem „harten, entscheidenden und überaus heiklen Moment“. Er hoffe auf eine echte Friedenslösung. In einem Telefonat mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR nahm der Erzbischof auf die Ausschreitungen in Jerewan nach Bekanntgabe des Waffenstillstands Bezug und verwies auf „innere Spannungen und Pressionsversuche“ sowie auf die Gefahr einer „falschen Propaganda“. Minassian rief zur nationalen Einheit in Armenien auf, man müsse Partikularinteressen und Egoismen jetzt beiseitelassen, weil sie die Hoffnung auf Frieden und die Möglichkeiten der Zukunft gefährden. Zugleich erinnerte er an den eindringlichen Friedensappell von Papst Franziskus am Allerheiligentag. Man müsse jetzt an das Volk denken und ihm das Recht auf sein Territorium garantieren. Ohne Respekt für dieses Recht und für alle Menschen, seien alle Anstrengungen unnütz: „Es besteht das Risiko, dass noch einmal der Weg zum Völkermord vorbereitet wird“. Um das zu verhindern, müsse auch Armenien eine essenzielle Rolle übernehmen: „In den Kirchen, in den Häusern wird überall gebetet. Aber das genügt nicht“.

„Wenn die Waffen schweigen, gibt es Hoffnung. Für viele Armenier ist das Waffenstillstandsabkommen jedoch nur eine Kapitulation. Offensichtlich gab es für die armenische Regierung derzeit keine andere tragfähige Lösung“, so der armenisch-katholischer Erzbischof von Aleppo, Boutros Marayati, in einem Kommentar zum von Präsident Putin vermittelten Waffenstillstandsabkommen. Die Einzelheiten des Abkommens seien noch nicht zur Gänze bekannt. Es bleibe die Trauer um die vielen jungen Menschen, die in den letzten Wochen gestorben sind, und die Hoffnung, dass Berg-Karabach weiterhin ein Ort bleibt, „wo die Armenier in ihren Kirchen Gottesdienst feiern und ihre Traditionen pflegen können“.

 

Die Tragödie von Nakhitschewan

Die Skepsis gegenüber dem Waffenstillstand in Teilen der armenischen Bevölkerung nährt sich aus präzisen historischen Erfahrungen, die einerseits den Völkermord durch die ittihadistischen Ideologen in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches betreffen, andererseits ein im allgemeinen Bewusstsein wenig verankertes Gebiet, die azerbaidschanische Exklave Nakhitschewan am Grenzfluss Araxes (Aras) zwischen dem Iran und Armenien. Die von der Regierung in Baku verantworteten Vorgänge in Nakhitschewan werden als die „größte Kampagne der ‚kulturell-ethnischen Säuberung‘ im bisherigen Verlauf es 21. Jahrhunderts“ bezeichnet.
Dabei geht es vor allem um die Stadt Dschulfa – die in der Memorialliteratur über die bolschewistische Oktoberrevolution und den russischen Bürgerkrieg berüchtigte Grenzstation für die internationalen Züge zwischen St. Petersburg (damals Petrograd) und Täbris. Die Geschichte von Dschulfa reicht aber viel tiefer zurück. In Dschulfa befand sich jene mittelalterliche armenische Nekropole, die der größte armenische Friedhof der Welt war. Ursprünglich waren dort 10.000 „Khatschkare“ (die typischen armenischen Kreuzsteine) zu bewundern. Prominente Besucher, so der Jesuit und Apostel Vietnams im 17. Jahrhundert, P. Alexandre de Rhodes, haben die Nekropole von Dschulfa eindrucksvoll beschrieben. Als die (bolschewistische) Mehrheitsfraktion der russischen Sozialisten in den 1920er-Jahren Nakhitschewan an Azerbaidschan übergab, begann eine aus Baku gesteuerte nationalistische Kampagne. Als die UNESCO im Jahr 2000 die Khatschkare von Dschulfa zum Welterbe erklären wollte, waren von den ursprünglich 10.000 Khatschkaren nur mehr 3.000 vorhanden.
Am 15. Dezember 2005 filmte Nshan Garabed Topouzian, armenisch-apostolischer Bischof von Täbris und später jung verstorbener Restaurator des armenischen Erbes im iranischen Azerbaidschan (Atropatene), vom iranischen Ufer des Araxes aus, wie azerische Soldaten mit Bulldozern die Khatschkare der armenischen Nekropole von Dschulfa vernichteten. Aus den Aufnahmen des Bischofs entstand der 2006 publizierte Dokumentarfilm „Die neuen Tränen des Araxes“. Der Bischof hatte das Zerstörungswerk in Nakhitschewan seit 1997 aufmerksam verfolgt. Gemeinsam mit anderen armenischen Geistlichen und iranischen Architekturexperten fotografierte und filmte er über Jahre hinweg die Abrissarbeiten der azerbaidschanischen Soldaten und wie die Trümmer der Khatschkare mit LKWs zum Ufer des Araxes gebracht und dort abgeladen wurden. Er schrieb mehrere Artikel für die Teheraner Tageszeitung „Alik“, wo auch seine Fotos von der Zerstörung des armenischen Kulturerbes veröffentlicht wurden. Der Historiker Armen Aivazian hat zwischen 1964 und 1987 in Nakhitschewan 89 armenische Kirchen, 5.840 Khatschkare und 22.000 Grabsteine fotografiert, die inzwischen alle „verschwunden“ sind. Aivazian publizierte die Ergebnisse seiner Recherchen in dem 1990 erschienenen Buch „Nakhitchevan Book of Monuments“. Auf seinen Spuren bereiste der schottische Spezialist für die immer mehr verschwindenden Schätze christlicher Baukunst in ganz Kleinasien, Steven Sim, im August 2005 Nakhitschewan. Er fand nicht mehr allzu viel von dem vor, das Aivazian noch fotografisch und filmisch dokumentiert hatte. Sim berichtete, wie ihm – auch von „Offiziellen“ – in Nakhitschewan ernsthaft erklärt wurde, in dem kleinen Landstrich habe es nie armenische Bewohner gegeben, in Nakhitschewan hätten „immer nur Muslime gelebt“.
Besonders schmerzlich ist die Zerstörung des armenischen Erbes in Nakhitschewan für die armenisch-katholischen Gläubigen. Denn Nakhitschewan war eine der Hochburgen der „Fratres Unitores“, der armenischen Dominikaner, die seit dem Mittelalter – mit Dutzenden Klöstern – am Ufer des Araxes eine große Unionsbewegung in Gang gebracht hatten. In Nakhitschewan entstand eine katholische Erzdiözese, die immer von einem Dominikaner geleitet wurde. Im 18. Jahrhundert kam es zu einer großen Auswanderungswelle der armenischen Katholiken aus Nakhitschewan nach Smyrna, wo ihre Nachfahren dann 1922 auch zu den Opfern der kemalistischen Eroberung der Ägäis-Metropole zählten.