Berg-Karabach: Katholikos Karekin II. spricht christlicher Bevölkerung Mut zu

Oberhaupt der Armenisch-apostolischen Kirche besuchte verbliebenes Territorium der "Republik Artsach"

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Foto: © Tzolag Hovsepian (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)
Jerewan/Stepanakert, 07.06.21 (poi) Katholikos Karekin II., Oberhaupt der Armenisch-apostolischen Kirche, hat am Wochenende Berg-Karabach (Artsach) besucht. Am Sonntag stand er einem feierlichen Gottesdienst in der armenischen Kathedrale von Stepanakert vor, bei der vor allem um Frieden und Sicherheit für die Bevölkerung von Berg-Karabach gebetet wurde. Der Katholikos gedachte in besonderer Weise auch der beim Krieg im vergangenen Herbst ums Leben gekommenen Soldaten und Zivilisten.

Artsach gehöre zum Ursprung und Kernland des christlichen Armeniens, betonte der Katholikos. Die Bevölkerung von Artsach habe immer wieder und auch zuletzt tapfer ihre Heimat verteidigt, auch wenn ein Teil dieser Heimat nun verloren gegangen sei, sagte Karekin II. Er sprach den Gläubigen Mut zu und rief sie auf, in ihrer Heimat zu bleiben und Artsach wieder aufzubauen.
Das armenische Volk habe im Laufe der Jahrhunderte schon viele harte und grausame Zeiten erlebt und sich im Vertrauen auf Gott immer wieder neu eine bessere Zukunft aufgebaut. Dies werde auch jetzt gelingen, zeigte sich der Katholikos in seiner Rede am Sonntag in Stepanakert überzeugt.

Gemeinsam mit dem Katholikos zelebrierte u.a. Bischof Vrtanes Abrahamyan von Berg-Karabach. Bischof Vrtanes betonte, dass der Besuch des Katholikos ein großer Trost und zugleich eine große Ermutigung für die Bevölkerung vor Ort sei. Auch viele politische Vertreter, darunter an erster Stelle Arajik Harutjunjan, Präsident der Republik Artsach, die international nicht anerkannt ist, nahmen an dem Gottesdienst teil. Die Armenisch-apostolische Kirche berichtete auf ihrer Website ausführlich über den Besuch des Katholikos.

Sechs Wochen Krieg

Ein beträchtlicher Teil Berg-Karabachs geriet während des Krieges im vergangenen Herbst unter aserbaidschanische Kontrolle. Das restliche, noch unter armenischer Herrschaft verbliebene Gebiet, wozu auch die Hauptstadt Stepanakert gehört, ist nur mehr über einen wenige Kilometer breiten Korridor mit Armenien verbunden. Viele bedeutende christliche Stätten wie die Kathedrale von Shushi oder das Kloster Dadivank stehen nicht mehr unter armenischer Kontrolle. Immer wieder hat sich der armenisch-apostolische Katholikos Karekin II. in den vergangenen Monaten an die Weltöffentlichkeit gewandt, nicht tatenlos zuzusehen, wie in den unter aserbaidschanischer Kontrolle stehenden Teilen Berg-Karabachs armenisches christliches Kulturerbe zerstört oder umgedeutet werde.

Der eingefrorene Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach war am 27. September 2020 wieder aufgebrochen und dauerte bis zum 9. November. Die Streitkräfte Armeniens bzw. Karabachs hatten der aufgerüsteten Armee Aserbaidschans, die u.a. massiv von der Türkei unterstützt wurde, wenig entgegenzusetzen. Ein Großteil Karabachs wurde von aserbaidschanischen Truppen eingenommen, bevor am 9. November unter der Ägide Russlands ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde. Rund 6.000 Menschen starben im Krieg, 100.000 mussten fliehen bzw. wurden vertrieben. Nur ein Teil dieser Flüchtlinge konnte bisher zurückkehren. Die politische Zukunft der Region ist nach wie vor ungewiss.

 

Reiches christliches Erbe

Berg-Karabach zählt seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. zu Armenien, wurde im 4. Jahrhundert christianisiert und spielte für die kulturelle Autonomie der Armenier zwischen dem 10. und 19. Jahrhundert unter iranischer und russischer Herrschaft eine tragende Rolle. Bereits Mitte des 5. Jahrhunderts wurde in Karabach ein eigenständiges Katholikosat gegründet, das nicht nur die bedeutendste armenische Kirche im Osten, sondern bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts autokephal und die am längsten unabhängige armenische Kirche war.

Vor dem Ersten Weltkrieg zählte das dem russischen Zarenreich einverleibte Karabach 222 Kirchen und Klöster. Mit der sowjetischen, atheistischen Indoktrination und der stalinistischen Unterbindung nationaler Kultur ging die armenische Kirche in der gesamten Sowjetunion Anfang der 1930er-Jahre nahezu unter und erwachte erst wieder im Zuge der Auflösung der Sowjetunion und des folgenden ersten Karabachkriegs zu neuem Leben.

1991 erklärte sich die armenisch besiedelte autonome Republik Artsach (Berg-Karabach) innerhalb Aserbaidschans für unabhängig. Der folgende erste Karabach-Krieg dauerte bis 1994 und endete mit einem Waffenstillstand. Die Milizen von Artsach konnten den größten Teil der kleinen Republik mit der historisch bedeutsamen Hauptstadt Stepanakert bewahren und im Zusammenwirken mit der armenischen Armee auch sieben aserbaidschanische Provinzen zwischen Berg-Karabach und Armenien unter Kontrolle bringen und so die Verbindung zwischen Artsach und der armenischen Republik sicherstellen.

Bis zum 10. November 2020 unterhielt die Diözese Karabach mehr als 30 funktionierende Kirchen und Klöster. Das Denkmalamt der Republik Artsach listete insgesamt für die Region 4.403 christliche Kulturdenkmäler auf: von prähistorischen und antiken archäologischen Stätten über mittelalterliche Kirchen, Klöster und Festungen bis hin zu Fürstenpalästen, unzähligen Kreuzsteinen und reich verzierten Grabsteinen.