„Bewahrung der Schöpfung zentrale Dimension des christlichen Glaubens“

Botschaft des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zum 1. September, dem Beginn des orthodoxen Kirchenjahrs, zugleich seit rund 30 Jahren auf orthodoxe Initiative auch ökumenischer „Weltgebetstag für die Schöpfung“ - „Es gibt keinen wirklichen Fortschritt, der auf der Zerstörung der natürlichen Umgebung beruht“

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Foto ©: Nikolaos Manginas (Ökumenisches Patriarchat)

Konstantinopel, 30.08.20 (poi) „Der Kampf um die Bewahrung der Schöpfung ist eine zentrale Dimension des christlichen Glaubens“: Dies betont der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in seiner Botschaft zum 1. September, dem Beginn des orthodoxen Kirchenjahrs, zugleich seit rund 30 Jahren auf orthodoxe Initiative auch ökumenischer „Weltgebetstag für die Schöpfung“. Ehrfurcht vor der Schöpfung sei nichts anderes als „Lobpreis des Namens Gottes“, so der Patriarch, der in seiner Botschaft scharfe Kritik an Staaten und Wirtschaftskörpern übt. Die Zerstörung der Schöpfung sei dagegen eine Beleidigung des Schöpfers, „in keiner Weise vereinbar mit den Grundsätzen der christlichen Theologie“. Die Werte der orthodoxen Tradition, „das kostbare Erbe der Kirchenväter“, seien ein Damm gegen eine Kultur, die auf der Herrschaft des Menschen über die Natur beruhe. Aus der Perspektive des Glaubens an Christus könne man aber nicht nur die „problematischen Dimensionen“ der Kultur und Zivilisation von heute, sondern auch deren positive Möglichkeiten feststellen und wertschätzen.

Es sei allgemeine Überzeugung, dass die natürliche Umgebung heute mehr denn je in der Geschichte der Menschheit gefährdet ist, stellt Bartholomaios I. eingangs fest. Es gehe nicht mehr nur um die „Qualität“, sondern um die „Bewahrung“ des Lebens auf Erden. Zum ersten Mal in der Geschichte sei der Mensch imstande, die Bedingungen für das Leben auf Erden zu zerstören, betont der Patriarch und verweist auf die Atomwaffen als „Symbol des Titanismus“ und Ausdruck des „Allmachtswahns“. Im Gebrauch der Macht von Wissenschaft und Technik komme die „Ambivalenz der menschlichen Freiheit“ zum Ausdruck, so der Erzbischof von Konstantinopel, dem „Neuen Rom“. Die Wissenschaft diene dem Leben, sie trage zum Fortschritt bei, zur Überwindung von Krankheiten und Bedingungen, die zuvor als schicksalhaft angesehen wurden, sie schaffe neue Perspektiven für die Zukunft. Zugleich aber rüste sie den Menschen mit „allmächtigen Mitteln“ aus, deren Missbrauch zerstörerisch wirken kann. Bartholomaios I. erinnert an die Zerstörung der natürlichen Umwelt, der Biodiversität, von Flora und Fauna, an die Vergiftung von Wasser und Luft, an den fortschreitenden Kollaps der Klima-Balance und andere Überschreitungen von Maß und Ziel. Der Ökumenische Patriarch verweist auf die Feststellung des Konzils von Kreta 2016, dass die wissenschaftliche Erkenntnis nicht den moralischen Willen des Menschen erweckt, „der die Gefahren kennt, aber weiter tut, als würde er sie nicht kennen“.

Die Bewahrung des  „gemeinsamen Gutes, der Integrität der natürlichen Umgebung“ sei die gemeinsame Verantwortung aller Menschen, unterstreicht Bartholomaios I. Wörtlich stellt der Patriarch fest: „Der heutige ‚kategorische Imperativ‘ für die Menschheit lautet, dass wir leben müssen, ohne die Umwelt zu zerstören“. Auf der Ebene der Einzelnen und der Gemeinschaften, Bewegungen, Organisationen (der Zivilgesellschaft) gebe es Sensibilität und „ökologische Verantwortlichkeit“, Staaten und Wirtschaftskörper seien aber – „auf Grund von geopolitischen Ambitionen oder der „Autonomie der Wirtschaft“ –  nicht imstande, „korrekte Entscheidungen für die Bewahrung der Schöpfung“ zu treffen. Nach wie vor gebe es bei Entscheidungsträgern die Illusion, dass es sich bei der globalen ökologischen Krise um ein „ideologisches Konstrukt“ von Umweltbewegungen handle und dass die Natur schon die Kraft haben werde, sich selbst zu erneuern.

Der coronabedingte „Shotdown“ mit seinen Auswirkungen – Einschränkung des Verkehrs, Schließung von Fabriken usw.  – habe aber durch die Reduktion von Luftverschmutzung usw. bestätigt, dass die gegenwärtige ökologische Krise menschengemacht ist. Einmal mehr sei klar geworden, dass die Industrie und die – derzeitigen – Transportmittel wie Auto und Flugzeug die Umweltbilanz negativ beeinflussen und dass eine Richtungsänderung im Hinblick auf eine „ökologische Wirtschaft“ eine unvermeidliche Notwendigkeit ist. Bartholomaios I. wörtlich: „Es gibt keinen wirklichen Fortschritt, der auf der Zerstörung der natürlichen Umgebung beruht“. Bei wirtschaftlichen Entscheidungen müssten auch die ökologischen Konsequenzen ins Kalkül gezogen werden, so der Patriarch. Wirtschaftlicher Fortschritt dürfe nicht ein ökologischer Albtraum bleiben. Er sei sich sicher, so der Ökumenische Patriarch, dass es einen alternativen Weg zur Orientierung der wirtschaftlichen Aktivität auf Profitmaximierung gibt.

Bartholomaios I. kündigt an, dass er seine ökologischen Initiativen fortsetzen wird, vor allem im Hinblick auf die Mobilisierung der Jugend, aber auch hinsichtlich des interreligiösen Dialogs. Die Bewahrung der Schöpfung sei ein „fundamentales Thema“ der gemeinsamen Initiativen der Religionsgemeinschaften, aber auch der Kontakte mit Politikern und politischen Institutionen, der Zusammenarbeit mit ökologischen Bewegungen. Es sei offensichtlich, dass gerade die Zusammenarbeit im Hinblick auf den Schutz der Umwelt neue Wege der Kommunikation und der Zusammenarbeit erschließe. Die ökologischen Initiativen des Ökumenischen Patriarchats seien eine Konsequenz seines kirchlichen Bewusstseins und nicht eine „Reaktion auf den Zeitgeist“. Das Leben der Kirche sei im Grunde nichts anderes als angewandte Ökologie, so Bartholomaios I.