Bischof Audo: „In Aleppo wird gefeiert“

Kirchliche Stimmen aus der einstigen nordsyrischen Wirtschaftsmetropole zeichnen ein anderes Bild, als es das Mainstream-Narrativ vermittelt - Autobahn nach Damaskus und Flughafen sind wieder offen – Hoffnung auf „Wiedergewinnung der Einheit und territorialen Integrität Syriens“

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Foto: © (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Damaskus, 20.02.20 (poi) Der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, Antoine Audo, hat im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ in der Berurteilung der jüngsten Entwicklung in Syrien einen Akzent gesetzt , der vom Mainstream Narratív abweicht: Die jüngsten Erfolge der syrischen Armee in der Auseinandersetzung mit den islamistischen Gruppierungen hätten in der Bevölkerung von Aleppo zu einem „größeren Vertrauen“ geführt, man spüre die Veränderung. Die syrische Armee habe wieder die volle Kontrolle über die Autobahn zwischen Aleppo und Damaskus übernommen, diese Tatsache, die Wiedereröffnung des Flughafens der einstigen nordsyrischen Wirtschaftsmetropole und die Vertreibung der letzten dschihadistischen Widerstandsnester aus der Peripherie von Aleppo seien „positive Signale“. Straßen und Plätze in Aleppo seien in diesen Tagen „Schauplätze von Festen und Feiern“, stellte Bischof Audo fest: Überall herrsche ein Klima der Freude, die Veränderung der Atmosphäre sei „real“. Jetzt sei es von ausschlaggebender Bedeutung, den Wiederaufbau zu beschleunigen. Die Wiedereröffnung der Verkehrswege sei ein wichtiger Schritt in dieser Richtung. „Zugleich erwarten wir die Beendigung des Krieges im ganzen Land und die Wiedergewinnung der Einheit und territorialen Integrität Syriens, die vom Abzug aller ausländischen Streitkräfte begleitet sein möge“, sagte der Bischof wörtlich.

Aleppo, die einstige Wirtschaftshauptstadt, war bis zur Vertreibung der Dschihadisten aus dem Ostteil der Metropole im Dezember 2016 ein Brennpunkt des kriegerischen Konflikts in Syrien. Auch nach dem Dezember 2016 hat es in der Peripherie noch dschihadistische Widerstandsnester gegeben. Diese sind jetzt beseitigt, zugleich konnte – nach acht Jahren – der Flughafen wiedereröffnet werden. In dieser Woche sind bereits Flüge von Damaskus nach Aleppo und retour durchgeführt worden. In einigen Wochen werde man „regulär reisen“ können, all das habe „große Hoffnung“ ausgelöst, so Bischof Audo. Allerdings sei die wirtschaftliche Situation nach wie vor sehr hart. Aleppo erlebe einen neuen Abschnitt, aber leider sei es noch nicht das „tatsächliche Ende des Krieges“, weil die türkische Armee in ihren Stützpunkten und die dschihadistischen Gruppierungen nach wie vor in wenigen Kilometern Entfernung in der Provinz Idlib verschanzt seien. Aber die Hoffnung sei, dass Syrien dank der internationalen Gemeinschaft seine „Einheit und Freiheit“ wiederfinden könne. Das sei auch der Wunsch der Christen, die sich „mit den anderen Bürgern“ über die jüngsten Entwicklungen im Leben der Stadt freuen. Es sei zu hoffen, dass diese Entwicklungen die Menschen veranlassen, „in der Stadt zu bleiben und zu investieren“. Das gelte in besonderem Maß für die Christen, auch wenn ihre Zahl nur gering sei.

Die größten Schwierigkeiten bestünden im wirtschaftlichen Bereich, das hänge auch mit der praktisch totalen Blockade des Zahlungsverkehrs zusammen. Der Wiederaufbau werde ohne Hilfe der internationalen Gemeinschaft schwierig sein, so der Bischof. Umso kostbarer sei die Nähe von Papst Franziskus, der immer wieder die Bedeutung Syriens für die Stabilität der nahöstlichen Region betone. Die christliche Präsenz sei auch im Hinblick auf den Dialog mit den Muslimen von außerordentlicher Bedeutung. Im Nahen Osten gehe es nicht nur um wirtschaftliche und politische Interessen, sondern auch um die Substanz des Christentums.

„Die Verletzlichsten zahlen“

Der Franziskanerpater Ibrahim Al-Sabbagh, römisch-katholischer Pfarrer in Aleppo, hatte am 10. Februar im Gespräch mit „Radio Vatikan“ die schwierige Situation im Umland von Aleppo und in der Provinz Idlib beklagt. Der Krieg mache keinen Unterschied zwischen den Menschen, „und es gibt viele Tote“. Die Friedensappelle von Papst Franziskus habe den betroffenen Menschen sehr großen Mut gemacht, betonte Pfarrer Ibrahim: „Jedes Mal, wenn der Heilige Vater von uns spricht, indem er für uns betet oder dazu appelliert, Frieden zu schließen, fühlen wir uns sehr getröstet. Denn wir fühlen ihn als Person, aber damit auch die gesamte Universalkirche neben uns in diesem sehr sehr schmerzlichen Moment“.

Leider würden viele Mächtige „vergessen, was der Krieg bedeutet“: „Es scheint, dass die gesamte internationale Gemeinschaft nichts aus den traurigen Geschichten zweier Weltkriege und vieler kleinerer Kriege gelernt hat. Wer zahlt, sind die Verletzlichsten, und das Leid sehen wir auch mit unseren Augen, wir kommen jeden Tag damit in Kontakt. Das Leid unter unseren Menschen in Aleppo ist schrecklich. Heute erst sprachen wir darüber, wie viele Fälle von Kinderlosigkeit unter jungen, frisch verheirateten Paaren es gibt. Das ist nur ein Anzeichen dafür, was dieser Krieg anrichtet. Sicher wird er nicht nur die heutigen Generationen beeinflussen, sondern auch die Kinder, die heranwachsen werden. Und wie Johannes Paul II. sagte, ist der Krieg das größte Übel, das die Menschheit je kennengelernt hat. Und wir sehen es mit unseren eigenen Augen“.

Frauen und Kinder als Opfer

In diskreter Weise rückte auch P. Al-Sabbagh das westliche Narrativ über Idlib zurecht: „Stellen Sie sich nur vor, dass durch die Raketen, die von den Islamisten um Idlib abgefeuert wurden, allein in Aleppo zwischen dem 12. Jänner bis Ende Jänner 17 Zivilisten starben, darunter vor allem Frauen und Kinder. Mehr als 100 wurden verletzt. Deshalb erwärmt der Appell des Papstes unsere Herzen und gibt uns großen Trost in unserem Leid. Es ist wahr, dass es ein sehr schmerzlicher Moment für uns und unsere Leute, für ganz Syrien ist, aber das ist der Weg, den die Kirche immer einschlagen muss, laut und deutlich nein zum Krieg zu sagen, die Zivilbevölkerung zu beschützen und alle dazu aufzurufen, in Frieden und Eintracht zu leben“.