Bischof: „In Armenien herrscht große Furcht“

Armenisch-katholischer Erzbischof Raphael Minassian berichtet über Fluchtbewegung aus den Dörfern an der Grenze, die durch die azerbaidschanische Offensive überrollt wurden

0
36
Foto: © Yakovlev Sergey (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Jerewan-Venedig, 06.10.20 (poi)  In Armenien herrscht große Furcht im Hinblick auf die azerbaidschanische Aggression. „Wenn man nicht einen Schlußstrich zieht, fürchten wir eine Ausweitung des Konflikts“, betonte der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Francois Minassian am Dienstag im Interview mit der  italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. Als  Es bestehe die Gefahr, dass der selbe Fehler begangen wird „wie 1915“, als sich Deutsche, Österreicher und Ungarn nicht gegen das Völkermord-Projekt der jungtürkischen Machthaber im Hinblick auf die Armenier wandten. Wie Erzbischof  Minassian betonte, bemühe sich die armenisch-katholische Kirche vor allem um die Hilfe für die Flüchtlinge aus den Dörfern an der Grenze von Artsach, die beim Vormarsch der Azerbaidschaner überrollt wurden. Es gehe um 1.200 Familien, die dringend der Hilfe bedürfen. Die armenisch-katholische Kirche habe bereits Kontakt mit der spanischen Caritas aufgenommen. Es gehe um „Tropfen auf den heißen Stein“, aber „auch die Tropfen füllen die Ozeane“.

Von der Frontlinie würden täglich Verwundete in den Krankenhäusern von Jerewan eintreffen, „vor allem junge Leute im Alter zwischen 17 und 24“. Es fehle an Medikamenten und Prothesen, so Erzbischof Minassian. Der Erzbischof ließ keinen Zweifel: „Die Kriegsverletzungen sind hier die selben wie überall anders in der Welt, wo das Leben von Jugendlichen kaputt gemacht wird“. Die Kriegshandlungen lösen noch mehr Armut in der Bevölkerung aus, weil in diesem Moment „alle Anstrengungen der Regierung auf die Verteidigung der Grenzen ausgerichtet sind“. Es handle sich um einen äußerst schwierigen Augenblick. Das Volk in Armenien sammle sich in den Kirchen, betonte der armenisch-katholische Erzbischof. Er habe die Kirchen in Armenien noch nie so voll gesehen wie jetzt. In den Kirchen seien vor allem die Eltern der jugendlichen Soldaten an der Front, es sei „das Zeugnis eines christlichen Volkes, das im Glauben verwurzelt ist“.

Erzbischof Minassian forderte erneuert ein Eingreifen der Europäischen Union, damit „die Aggressionen beendet werden“: „Wir möchten keine Ratschläge über einen Waffenstillstand, sondern effektive Schritte, damit die Aggressionen zum Stillstand kommen“.  Abschließend sagte der armenisch-katholische Erzbischof an die internationale Gemeinschaft: „Spielt nicht mit dem Leben der Völker Armeniens und Azerbaidschans.  Das Leben des Menschen ist kostbarer als das ganze Erdöl und Erdgas…Wir dürfen nicht erlauben, dass wegen ein paar Kreuzer  ein  Krieg entfesselt wird und man tötet. Das ist ein Wahnsinn, den wir stoppen müssen“.

 

Appell aus Venedig

Der katholische Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia, hat seine Solidarität mit dem armenischen Volk bekundet: „Ich drücke meine Gefühle der besonderen Nähe zu dem geliebten und so sehr leidenden armenischen Volk aus, angesichts der dramatischen Stunde, die es derzeit erlebt“. Die Lagunenstadt beherbergt seit mehr als drei Jahrhunderten die Mutterabtei der armenischen Mechitaristen-Kongregation auf der Insel San Lazzaro. Das armenische Volk sei „ein sehr alter Hüter des Glaubens an den Auferstandenen“, schreibt der Patriarch von Venedig.  Die Armenier hätten das Kreuz Christi zum allgegenwärtigen Zeichen seines geistlichen, literarischen und künstlerischen Ausdrucks gemacht.  Der Patriarch von Venedig lud alle Priester und Gläubigen ein, in diesem Monat Oktober ihre Gebete an die Jungfrau Maria zu richten, damit dank ihrer mächtigen Fürsprache „so bald wie möglich der Frieden in diesen gequälten Ländern wieder einkehrt und die Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben wiederhergestellt werden können“. „Möge der Herr das armenische Volk mit seinen Hirten segnen“, schloss Patriarch Moraglia seine Botschaft. Er hoffe auf die  Repräsentanten aller Mächte, die auf der internationalen Bühne einen Beitrag leisten können, „damit der Frieden im Kaukasus wiederhergestellt wird“.