Bluttat im russischen Kizlyar „monströses Verbrechen am Vorabend der großen Fastenzeit“

Patriarch Kyrill befürchtet Provokation, um Konfrontation zwischen Orthodoxen und Muslimen herbeizuführen – Bei dem Feuerüberfall eines 22-jährigen wurden vier Kirchgängerinnen getötet und drei weitere sowie zwei Polizisten schwer verletzt

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Foto: © Zastara (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Attribution-Share Alike 4.0 International)

Moskau-Makhatschkala, 19.02.18 (poi) Das „monströse Attentat auf Kirchgängerinnen in der nordkaukasischen Stadt Kizlyar am Vorabend der großen Fastenzeit“ könne als Provokation gesehen werden, um eine Konfrontation zwischen Orthodoxen und Muslimen herbeizuführen, die „seit Jahrhunderten im Frieden miteinander im Kaukasus leben“, stellte der Moskauer Patriarch Kyrill in einer Reaktion auf das dramatische Geschehen in der Stadt an der Grenze zwischen den russischen Republiken Daghestan und Tschetschenien fest. Nach dem Vespergottesdienst am Sonntag hatten die Gläubigen gerade die orthodoxe Georgskirche in Kizlyar verlassen, als der 22-jährige Khalil Khalilow unter „Allah ul akbar“-Schreien aus einem Jagdgewehr auf die Menschen zu feuern begann: Vier Frauen wurden getötet, drei Frauen und zwei Polizisten schwer verletzt. Im anschließenden Feuergefecht erschossen Polizisten den Attentäter.

Patriarch Kyrill sprach in seinem Beileidsschreiben an die Familienangehörigen der Opfer von einem „schrecklichen und zynischen Verbrechen“, das durch nichts gerechtfertigt werden könne. Die russisch-orthodoxe Kirche sei zutiefst besorgt über die Bluttat und erwarte eine „minutiöse Untersuchung des Verbrechens und seiner Hintergründe“, fügte der Pressesprecher des Patriarchen, der Priester Aleksandr Wolkow, hinzu.

Der Erzbischof von Makhatschkala, Warlaam (Ponomarjow), betonte, es werde niemandem gelingen, „Frieden und Eintracht“ in der multinationalen und multikonfessionellen Republik Daghestan zu zerstören: „Trotz allem waren und sind wir Orthodoxen und unsere Brüder, die sich zum Islam bekennen, gute Nachbarn und Kinder des einen Vaters – und wir werden das immer sein“. Der Sekretär der Eparchie Makhatschkala, Mönch Ioann Anisimow, bezeichnete die Opfer im Gespräch mit TASS als „leuchtende Vorbilder“. Zwei der ermordeten Frauen waren Schwestern, eine in ganz Kizlyar wohlbekannte Ärztin und eine Kommunalpolitikerin; außerdem wurde eine pensionierte Lehrerin getötet, die in den vergangenen Jahren Pilgerfahrten zu den großen russischen Wallfahrtsorten organisiert hatte, das vierte Opfer war eine arme ältere Frau, die nach den Gottesdiensten an der Kirchenpforte um Spenden zu bitten pflegte. Anisimow verwies darauf, dass die Kirchen trotz der schwierigen Sicherheitslage in Daghestan bisher nicht bewacht waren, „weil niemand auf die Idee gekommen wäre, dass es ein Attentat auf Kirchgänger oder Kleriker geben könnte“. Jetzt schare sich die ganze Eparchie um die Gemeinde der Georgskirche. Am Montag wurden in allen orthodoxen Kirchen in der Republik Daghestan Gedächtnisgottesdienste für die Opfer abgehalten.

Der umstrittene Präsident der Nachbarrepublik Tschetschenien, Ramzan Kadyrow, erklärte am Montag, er sei zutiefst schockiert über das grausame Verbrechen von Kizlyar, für das es keinerlei Entschuldigung geben könne. Der Täter habe keine Religion gehabt. Jetzt gehe es darum, die Hintermänner ausfindig zu machen und exemplarisch zu bestrafen. Er sei aber „sicher“, dass diese Hintermänner, wenn es sie gäbe, keine direkte oder indirekte Verbindung mit dem Islam hätten. Im nördlichen Kaukasus habe es immer „enge Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis“ zwischen Muslimen und Christen gegeben, meinte Kadyrow wörtlich.

Daghestan ist ein Mosaik großer und kleiner Ethnien, die teils orthodox, teils islamisch geprägt sind. Die Stadt Kizlyar ist seit dem 14. Jahrhundert berühmt durch ihre Messerproduktion, die Messer werden heute noch handgefertigt und sind ein Weltmarktprodukt. Möglicherweise ist Kizlyar mit Samandar, der Hauptstadt des chasarischen Reichs ab dem 8. Jahrhundert, identisch. 1735 wurde in Kizlyar eine russische Festung erbaut, die Stadt entwickelte sich zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt mit vor allem russischer und armenischer Bevölkerung. Auch heute sind rund 50 Prozent der Bewohner von Kizlyar ethnische Russen, die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe in der Stadt sind die Avaren, ein ursprünglich christliches, aber im 16. Jahrhundert islamisiertes kaukasisches Volk. (forts mgl)