„Britische Politiker und Kirchenleute haben Bedeutung der Kirchen im Heiligen Land erkannt“

Orthodoxer Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., wurde bei seinem Großbritannien-Besuch überaus freundlich aufgenommen – Zuvor hatte der Patriarch in Bethlehem dem britischen Thronfolger die Bedeutung der Kirchen für die Bewahrung der multiethnischen und multireligiösen Landschaft Jerusalems und des Heiligen Landes vor Augen geführt

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Foto: © Michał Józefaciuk (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Poland)

London-Jerusalem, 03.02.20 (poi) Tief bewegt äußerte sich der orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., über die freundliche Aufnahme bei seinem jüngsten Besuch in Großbritannien und das britische Interesse für die Situation der Christen im Heiligen Land. Wörtlich sagte der Patriarch, bevor er die Heimreise antrat: „Die Christen im Heiligen Land werden sich getröstet fühlen, wenn sie erfahren, dass ihre Glaubensgeschwister in Großbritannien so treu für sie beten und sie in ihren besonderen Lebensumständen mit Entschlossenheit unterstützen wollen. Die Regierung in London versteht die einzigartige Rolle der Kirchen des Heiligen Landes, die nicht nur Gebäude verwalten, sondern eine lebendige Gemeinschaft sind, die heute eine solch vitale Rolle spielt“. Ein erster Höhepunkt des Besuchs des Patriarchen war am 29. Jänner die Begegnung mit dem Primas der anglikanischen Kirche, Erzbischof Justin Welby. Die beiden Bischöfe diskutierten die aktuellen Herausforderungen für die Christen insbesondere im Heiligen Land.

In der Folge hatte der Patriarch mehrere Treffen mit politischen Repäsentanten. Am Sitz des Ministerpräsidenten in Downing Street traf er mit dem Sonderberater von Boris Johnson für religiöse Fragen, Jonathan Hellewell, zusammen. Es folgte im Commonwealth Office eine Begegnung mit dem britischen Sondergesandten in Sachen Religionsfreiheit, Atta-ur-Rehman Chishti, einem brillanten jungen Abgeordneten der Konservativen Partei, der aus dem von Pakistan okkupierten Teil Kaschmirs stammt. Im Parlament in Westminster war der Patriarch von Jerusalem Ehrengast einer von dem konservativen Abgeordneten Sir Desmond Swayne organisierten Veranstaltung, an der zahlreiche Parlamentarier, Mitglieder des Oberhauses und anglikanische Bischöfe teilnahmen. Theophilos III. stellte sich dabei den Fragen der politischen und kirchlichen Führungspersönlichkeiten über die Situation der Kirchen im Heiligen Land. Dabei würdigte er auch die Unterstützung durch den israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin, den jordanischen König Abdullah II. und den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas. Erzbischof Nikitas (Lioulias) von Thyateira (der die Eparchie des Ökumenischen Patriarchats in Großbritannien leitet) gab ein Festessen zu Ehren des Patriarchen (dem wegen seines Vorschlags eines panorthodoxen Treffens in Amman zur Diskussion der Ukraine-Krise derzeit ein gespanntes Verhältnis mit Bartholomaios I. zugeschrieben wird).

In einem Kommentar des Patriarchats von Jerusalem hieß es, das „beispiellos hohe Niveau der Unterstützung und des Interesses für die Kirche im Heiligen Land von Seiten britischer politischer und kirchlicher Führungspersönlichkeiten“ sei das Ergebnis der „wachsenden Einsicht in die einzigartige Rolle und Bedeutung der Christen im Nahen Osten“. Diese Einsicht wirke sich auch in einer entschlossenen Unterstützung für den Dienst der Kirche im Heiligen Land aus und spiegle sich im Interesse höchster Regierungskreise.

Unmittelbar vor seinem Besuch in Großbritannien war Theophilos III. in Jerusalem mit Prinz Charles zusammengetroffen; der Kronprinz vertrat Großbritannien bei den Gedenkveranstaltungen aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Jänner 1945. Der Patriarch traf mit dem britischen Kronerben in der Geburtsbasilika in Bethlehem zusammen. „Ihre Anwesenheit unter uns ist eine große Ermutigung für die Völker in unserer Region. Wir sind sehr dankbar für die sorgfältige Aufmerksamkeit, die Sie vor allem dem Wohl der Christen hier zuteil werden lassen“, sagte Theophilos III. bei der Begegnung. Bethlehem sei „ein Symbol des Friedens“, für Christen wie für Muslime, die wie eine Familie und eine Gemeinschaft zusammenleben“. Zugleich sei die Geburtsbasilika ein „Ort der spirituellen Erfrischung“ für tausende von Pilgern aller Konfessionen, Kulturen und Nationalitäten ohne jede Diskriminierung. Wörtlich stellte der Patriarch weiter fest: „Die christliche Präsenz hier ist ein integraler Teil unserer gesellschaftlichen Struktur. Sie ist von außerordentlicher Bedeutung für die Bewahrung der historischen multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Landschaft Jerusalems und des Heiligen Landes. Ohne eine blühende christliche Gemeinschaft im Heiligen Land würde diese Region ihren essenziellen Charakter verlieren“. Das orthodoxe Patriarchat sei „mit den anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land“ bereit, mit Regierungen und Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, um das Wohl aller Völker der Region zu sichern.

 

Neue ökumenische Gemeinschaft in Jerusalem

Als ein Beispiel schilderte der Patriarch dem britischen Thronfolger die vor kurzem begründete „International Community of the Holy Sepulchre“ (ICoHS), die die „erste ökumenische Gemeinschaft dieser Art im Heiligen Land“ sei. Ihr Ziel sei es, Christen aus unterschiedlichen Gemeinschaften zur gemeinsamen Unterstützung der christlichen Präsenz im Heiligen Land zusammenzubringen und die internationale Aufmerksamkeit für Leben und Zeugnis der Christen im Heiligen Land zu stärken. Derzeit werde die ICoHS vor allem aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten unterstützt, er hoffe aber, dass es zu einer „wahrhaft internationalen Zusammensetzung der Mitgliedschaft“ kommen werde, so Theophilos III. Die ICoHS sei an keine Konfession gebunden, schon jetzt zählten orthodoxe, katholische, anglikanische und evangelische Christen zu den Mitgliedern. Die von den Kirchen gehüteten Heiligen Stätten seien nicht bloße Monumente, sondern vor allem „Orte der Gottesverehrung und des Gebets“, betonte der Patriarch. Er sei sich bewusst, dass Prinz Charles nicht nur in offizieller Funktion ins Heilige Land gekommen sei, sondern auch als Pilger, fügte er hinzu.

Prinz Charles besuchte im Rahmen seines offiziellen Besuchs in Israel und den palästinensischen Gebieten am 24. Jänner auch das orthodoxe Frauenkloster der Heiligen Apostelgleichen Maria Magdalena in Gethsemani, wo sowohl seine als Märtyrerin ums Leben gekommene Urgroßtante Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna (eine geborene Prinzessin Elisabeth Alexandra von Hessen-Darmstadt) als auch seine Großmutter Prinzessin Alice Battenberg (Mountbatten) bestattet sind. Das Kloster gehört zur russischen „Auslandskirche“. Der Berliner Erzbischof dieser Kirche, Mark (Arndt), empfing gemeinsam mit der Äbtissin Elisabeth Smelic den britischen Thronfolger.

Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna hatte nach der Ernordung ihres Mannes zunächst das Martha-Maria-Kloster an der Ordynka in Moskau gegründet, aus dem sich wenige Jahre später die Ordensgemeinschaft der „Schwestern der Liebe und Barmherzigkeit“ entwickelte. Nach der Revolution wurde sie 1918 – gemeinsam mit der Nonne Warwara Jakowlewna, die auch in Jerusalem bestattet ist – von den Bolschewiki ermordet. Prinzessin Alice folgte Jahrzehnte später dem Beispiel ihrer Tante und gründete in Athen eine Martha-Maria-Gemeinschaft, die sich an dem Moskauer Vorbild einer orthodoxen karitativen Frauengemeinschaft orientierte.