Burgenländische Pilgerfahrt nach Bulgarien im Zeichen des Dialogs zwischen Ost und West

Diözesanbischof Zsifkovics besuchte mit den Wallfahrern die Städte Sofia, Plovdiv und Varna und die großen orthodoxen Klöster Rila und Batschkovo – Das Europa mit den beiden Lungenflügeln, dem östlichen und dem westlichen, wurde zum unmittelbaren Erlebnis

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Foto: © Voventurestm (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Sofia-Eisenstadt, 16.07.19 (poi) Im Zeichen des Dialogs zwischen Ost und West, zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, stand die diesjährige Pilger- und Kulturreise der Diözese Eisenstadt unter Führung von Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics. Die Pilgerreise, die am Sonntag zu Ende ging, galt Bulgarien, dem uralten Kulturland an der unteren Donau, seit elf Jahren Mitglied der Europäischen Union, historisch durch manche Fäden mit Österreich verbunden – und doch in Österreich für viele „ein kaum beschriebenes Blatt“, wie  Bischof Zsifkovics zum Auftakt der Reise sagte. Der Eisenstädter Bischof fügte hinzu, dass Pilgern für ihn immer auch bedeute, bestehende Zuschreibungen zu überdenken: „Pilgern hat damit zu tun, in der Begegnung mit Neuem den Zuspruch Gottes für den eigenen Alltag zu entdecken, die Einladung zu neuen Perspektiven“.

Dieser Einladung folgten die Pilger aus der Diözese Eisenstadt mit ihrem Bischof an der Spitze. „Wir haben entdeckt, dass die vermeintliche ‚Reise an den Rand‘ mitten ins Herz unseres Christseins geht. Die Menschen Bulgariens, mit ihren großartigen sakralen und kulturellen Denkmälern, sind Teil der einen europäischen christlichen Familie“, stellte Bischof Zsifkovics fest: „In Bulgarien ist uns das schöne Papstwort, dass Europa mit beiden Lungenflügeln – dem östlichen und dem westlichen – atmen muss, zum unmittelbaren Erlebnis geworden“.

Bereits am ersten Tag, bei der Begegnung mit der Hauptstadt Sofia mit ihren Kirchen, die teilweise in die Spätantike zurückreichen, zeigte sich, was es bedeutet, sich auf die Wurzeln Europas zu besinnen. Die Katholiken (des lateinischen und des byzantinischen Ritus) sind in Bulgarien eine kleine Minderheit. Aber in der katholischen Josefskathedrale in Sofia, wo der Eisenstädter Bischof mit den Pilgern aus seiner Diözese die Heilige Messe feierte, wurde spürbar, dass diese Kirche lebt und – auf den Spuren von Papst Johannes XXIII., der als junger Kuriendiplomat von 1925 bis 1934 Apostolischer Delegat in der bulgarischen Hauptstadt war – darum bemüht ist, gemeinsam mit anderen Christen nach den Jahrzehnten des Staatsatheismus und in den gesellschaftlichen Umbrüchen der Gegenwart Zeugnis für das Evangelium zu geben.

Tags darauf führte die Pilgerfahrt der Burgenländer in das Rila-Kloster, UNESCO-Weltkulturerbe und Inbegriff der „bulgarischen Renaissance“ nach den Jahrhunderten der osmanischen Unterdrückung. Das Kloster wurde spätestens im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts vom Heiligen Iwan Rilski begründet. Der Wiederaufbau des Klosters nach einer Brandkatastrophe im Winter 1832/33 ging Hand in Hand mit der Besinnung des bulgarischen Volkes auf seine christlichen spirituellen und kulturellen Traditionen. Der Freiheitswille der Bulgaren setzte sich durch. Das neue Bulgarien ab dem späten 19. Jahrhundert ist nur aus der Perspektive von Rila verständlich.

Mit Batschkovo befand sich auch das zweitgrößte orthodoxe Kloster Bulgariens auf der Reiseroute der Pilger aus dem Burgenland. Batschkovo ist eines der wichtigsten Wallfahrtszentren in Südosteuropa und zugleich ein Symbol der alle nationalen Grenzen überschreitenden Kraft der christlichen Botschaft. Denn dieses Kloster am Nordrand des dichtbewaldeten Rhodopen-Gebirges wurde im 11. Jahrhunderten von einem oströmischen Befehlshaber georgischer Herkunft begründet und war lange Zeit eine lebendige Brücke zwischen bulgarischer und georgischer Orthodoxie, ehe es eine der wichtigsten Pflegestätten der bulgarischen Sprache und Kultur in den Zeiten der osmanischen Herrschaft wurde.

In der Begegnung mit den bulgarischen Klöstern fühlten sich Bischof Zsifkovics und die Pilger daran erinnert, dass im Burgenland in St. Andrä am Zicksee das erste orthodoxe Kloster in Österreich entsteht (nicht zuletzt deshalb ist der Eisenstädter Bischof immer wieder ein gern gesehener brüderlicher Gast bei hohen Feiertagen in der Wiener orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale).

Von Batschkowo führte die burgenländische Pilgerfahrt in das 30 Kilometer nördlich gelegene Plovdiv, eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte des Jahres 2019, eine Stadt mit reicher multinationaler Vergangenheit und zugleich der zentrale Ort der „nationalen Wiedergeburt Bulgariens“ im 19. Jahrhundert, mit 340.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Auch hier feierten die Pilger mit Bischof Zsifkovics in der katholischen Kathedrale St. Louis die Heilige Messe; die Kathedrale ist das größte katholische Gotteshaus Bulgariens.

Von Plovdiv führte der Weg der Pilger durch die „Rosova dolina“, das Rosental (Bulgarien ist der weltgrößte Erzeuger von Rosenöl, es liefert 70 Prozent der Weltproduktion), ans Schwarze Meer, zunächst in das Städtchen Nessebar mit seinen kostbaren byzantinischen Kirchen – ein UNESCO-Weltkulturerbe – und dann nach Varna, die „maritime Hauptstadt Bulgariens“. Noch einmal versammelten sich die burgenländischen Pilger mit dem Bischof von Eisenstadt um den Altar – in der katholischen Marienkirche, wo sie wieder mit der dramatischen jüngeren Geschichte Bulgariens konfrontiert wurden. Im späten 19. Jahrhundert hatte Kaiser Franz Joseph I. wesentlich zur Erbauung der katholischen Kirche in Varna beigetragen. 1973 wurde das Gotteshaus von den kommunistischen Machthabern geschlossen und verfiel. Erst von 2006 bis 2013 konnte es wieder instandgesetzt werden.

In manchen Gesprächen mögen die burgenländischen Pilger auf die Spuren der bulgarischen Verbindungen zu Österreich gestoßen sein. Eine frühe Symbolgestalt dafür ist der bulgarische katholische Erzbischof Petar Partschev (1612-1674), der in Österreich vergessen ist, in Bulgarien aber zu den großen Gestalten des Ringens um Befreiung vom osmanischen Joch zählt. Er stammte aus dem katholischen Städtchen Tschiprovzi und kämpfte ein Leben lang für die Bildung einer Allianz zur Befreiung Bulgariens von der Herrschaft des Sultans. Letztlich war ihm kein Erfolg beschieden, der Kaiser in Wien als der damals wichtigste Akteur verlieh dem Erzbischof zwar den Freiherrn-Titel, hielt sich aber sonst bedeckt.  Jahrhunderte später wurde in der bulgarischen Donaustadt Ruse ein Dichter – Elias Canetti (1905-1994) – geboren, für den Wien lange Zeit Lebensmittelpunkt war, wenngleich er als Jude die Stadt 1938 verlassen musste. Und ein überaus erfreuliches Beispiel bulgarisch-österreichischen Miteinanders darf nicht vergessen werden: Mitte der 1970er-Jahre übernahm Bulgarien das vom Abbruch bedrohte Wittgenstein-Haus in Wien-Landstraße und machte daraus das Bulgarische Kulturinstitut. Das Haus Wittgenstein wurde in den 1920er-Jahren von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein in Zusammenarbeit mit dem Architekten Paul Engelmann, einem Schüler von Adolf Loos, entworfen; es ist eine Ikone der modernen Baukunst in der Bundeshauptstadt. Das Programm des Bulgarischen Kulturinstituts – heuer im Zeichen des 140-jährigen Bestehens kulturdiplomatischer Beziehungen zwischen Bulgarien und Österreich – kann sich sehen lassen, es ist ebenso vielfältig wie ansprechend und faszinierend.

Mit der burgenländischen Pilgerreise unter Führung von Bischof Zsifkovics hat der Brückenschlag zwischen Österreich und Bulgarien jetzt auch ein kirchlich-spirituelles Fundament erhalten.