Chaldäischer Erzbischof von Mosul wurde für den Sacharow-Preis nominiert

Michael Najeeb Moussa rettete 2014, als der IS Mosul und die Ninive-Ebene überfallen hatte, „Menschen und Manuskripte“ – Durch seine Rettungsaktion für das kostbare schriftliche Erbe der mesopotamischen Christen wurde er weltbekannt

0
62
Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain/ United States public domain tag)

Brüssel-Bagdad, 29.09.20 (poi) Der chaldäisch-katholische Erzbischof von Mosul, Michael Najeeb Moussa, wurde für den von der Europäischen Union verliehenen „Sacharow-Preis für Gedankenfreiheit“ nominiert. Damit sollen seine Anstrengungen u.a. für die Rettung  kostbarer Manuskripte vor der Zerstörungswut der IS-Terroristen honoriert werden, die im Jahr 2014 Mosul und die Ninive-Ebene überfallen haben.  Auf der Website des Europäischen Parlaments heißt es zur Nominierung des Erzbischofs: „Michael Najeeb Moussa sorgte für die Evakuierung chaldäisch-katholischer, syrisch-orthodoxer und syrisch-katholischer Christen in die kurdische Region des Irak und für die Rettung von historischen Manuskripten aus dem 13. bis 19. Jahrhundert. Diese Manuskripte wurden dann digitalisiert und in Frankreich und Italien ausgestellt. Seit 1990 hat er insgesamt zur Rettung von 8.000 Manuskripten und 35.000 Dokumenten der orientalischen Kirchen beigetragen“.

Moussa hatte 2014 die Initiative ergriffen, als die kurdischen Einheiten bereits angesichts des IS-Vormarsches auf dem Rückzug waren. Mit einer kleinen Gruppe von Helfern verlud er 1.300 besonders kostbare und fragile Manuskripte auf zwei LKWs, die dann in die kurdische Hauptstadt Erbil fuhren. In einem Interview mit „AsiaNews“ schilderte Moussa, wie er verzweifelt um Hilfe betete, um „Menschen und Manuskripte“ zu retten: „Ich habe das Gefühl, dass Gott meine Gebete erhört hat, weil sich so viele junge Leute  gemeldet haben, die mir  bei der Rettungsaktion für Menschen und Manuskripte helfen wollten“. Jetzt sagte der Erzbischof, er empfinde die Nominierung für den Sacharow-Preis als Auszeichnung für sein Volk und „für die vielen schuldlosen Opfer, vor allem auch für die Jesiden, eine friedliche Gemeinschaft, die eine wahrhafte Tragödie erdulden musste“. Sein Wunsch sei der Aufbau einer staatlichen Ordnung auf der Basis gleicher Bürgerrechte für alle, „in Überwindung aller religiösen oder ethnischen Barrieren“. Das sei die „einzige praktikable Lösung für die Zukunft“.

Michael Najeeb Moussa ist Jahrgang 1955, nach längerer Tätigkeit in der Ölindustrie trat er 1981 in Frankreich in den Dominikanerorden ein. 1987 wurde er von dem algerischen Märtyrer-Bischof Pierre Claverie (der selig gesprochen wurde) zum Priester geweiht. Als die IS-Terroristen 2014 Mosul überfielen und Armee und Polizei ihr Heil in der Flucht suchten, sorgte er für die Evakuierung der kostbaren christlichen Manuskripte. Seine Erfahrungen schilderte der Dominikaner in dem 2017 auf Französisch erschienenen Buch „Sauvez les livres et les hommes“ (Rettet die Bücher und die Menschen). Als der Retter der christlichen Manuskripte des mesopotamischen Raums, die für die ganze Christenheit von größter Bedeutung sind, wurde Moussa weltbekannt.

Zur Bewahrung des christlichen Erbes im Orient gründete der Dominikaner im Irak ein eigenes Zentrum, das antike Manuskripte und sonstige Dokumente digitalisiert und so für die Nachwelt erhält. „Ohne diese unsere Wurzeln haben wir Christen keine Zukunft in unserer Heimat“, sagte er einmal in einem Interview mit der österreichischen katholischen Nachrichtenagentur „Kathpress“. Moussa gründete das „Centre Numerique et de Recherches sur les Manuscrits Orientaux“. Rund 8.000 Manuskripte konnte sein Team digitalisieren, viele davon mehr als 1.000 Jahre alt und bereits in einem sehr schlechten Zustand. Deshalb habe sich sein Institut auch der Restaurierung solcher Dokumente angenommen, so Moussa. Mehr als 40.000 Manuskripte  und Dokumente wurden zudem archiviert. Viele davon würden freilich noch auf ihre Digitalisierung warten. Das Zentrum beschränkt sich dabei nicht nur auf christliche Schriften. Genauso würden auch islamische, jesidische oder mandäische Handschriften in das Projekt aufgenommen.

Das Handschriftenzentrum der Dominikaner befand sich zuerst in Mosul, wurde dann aber aus Sicherheitsgründen nach Qaraqosh (Baghdida) verlegt und mit dem Vormarsch des IS 2014 dann weiter nach Erbil. Den Dominikanern gelang es dabei nicht nur, zahlreichen christlichen Familien bei der Flucht zu helfen, sondern auch tausende kostbare christliche Handschriften zu retten. Zum Erfolg der Rettungsaktion trug bei, dass Moussa im Sommer 2014 schon zehn Tage vor dem Ansturm der IS-Terroristen damit begonnen hatte, aus den Gotteshäusern der Kleinstädte der Ninive-Ebene die kostbaren Manuskripte und Ikonen zu bergen.