Chaldäischer Kardinal-Patriarch ruft zum „friedlichen Zusammenleben“ im Irak auf

Freitagspredigt und „Fatwa“ des Großmuftis gegen das Weihnachts- und das Neujahrsfest hatten scharfe Auseinandersetzungen im Zweistromland ausgelöst

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Foto ©: Mar Louis Raphael I Sako / Facebook

Bagdad, 01.01.19 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarch, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, hat an Muslime und Christen im Irak appelliert, die „frühere Mentalität“ zu überwinden, die verhindert habe, sich einander zu öffnen. In seinen Neujahrswünschen stellte der Kardinal-Patriarch fest, es gehe darum, die verschiedenen Glaubensüberzeugungen „von ihren originalen Quellen“ her zu kennen, die Unwissenheit zu überwinden und das „gemeinsame Bewusstsein“ zu vertiefen. Das „friedliche Zusammenleben“ und der „gegenseitige Respekt“ seien der einzige Weg zu einer „lichten Zukunft in diesem Teil der Welt“. Man müsse die Religionen von jedem Fanatismus und allem freihalten, das „Groll und Gewalt provoziert“. Das neue Jahr bringe Hoffnung mit sich, jene Hoffnung, die „das Böse und seine Grausamkeit aufhalten“ könne. Die Kirche im Irak werde weiterhin ihren Dienst am Gemeinwohl leisten. Zum Beispiel unterstütze die Caritas derzeit 28.000 Familien, von denen 80 Prozent nicht christlich seien. „Im Neuen Jahr wollen wir alle in die gleiche Richtung gehen und Kraft und Entschlossenheit aus dem Segen Gottes gewinnen“, betonte der chaldäisch-katholische Kardinal-Patriarch abschließend.

Zu Weihnachten war es im Irak zu einem bedauerlichen interreligiösen Zwischenfall gekommen. Zunächst hatte die irakische Regierung mitgeteilt, dass ab sofort das Weihnachtsfest – das Fest der Geburt Christi – ein nationaler Feiertag für alle Iraker sein werde. Dann veröffentlichte der Großmufti Scheich Abd-ul-Mahdi al-Sumaidaie eine „Fatwa“, die er auch in seiner Freitagspredigt am 28. Dezember illustrierte: Muslime dürften an christlichen Festen zu Weihnachten oder Neujahr nicht teilnehmen und den Christen auch nicht gratulieren, weil dies bedeuten würde, sich die christlichen theologischen Überzeugungen zu eigen zu machen.

Die Auslassungen des Großmuftis lösten heftige Kritik aus. Kardinal-Patriarch Mar Louis Raphael Sako wies die „Hassrede“ des Großmuftis entschieden zurück, der damit „Spaltung“ erzeugt habe. Der Kardinal-Patriarch hob hervor, dass religiöse Führungspersönlichkeiten, was immer ihre theologische Überzeugung sei, Geschwisterlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe fördern müssten, „nicht „Spaltung und Verhetzung“.  Mar Louis Raphael Sako appellierte an die Regierung in Bagdad, gegen alle vorzugehen, die spaltende Vorstellungen verbreiten, „vor allem, wenn sie es von einer offiziellen Plattform aus tun“. „Das sind Missverständnisse, die weit entfernt sind vom korrekten Verständnis der Religion“, betonte der chaldäische Patriarch: „Unser Volk braucht gemeinsame Grundlagen für die Koexistenz, nicht Aufhetzung zum Hass“. Die Formulierungen des Großmuftis könnten „Hass und Ausgrenzung“ provozieren.

In den „social media“ wurden die Äußerungen des Großmuftis vielfach mit Hohn bedacht. Unter anderem wurde gefordert, dass al-Sumaidaie seine Predigteformulierungen und seine „fatwa“ zurücknehmen müsse. Zahlreiche muslimische Geistliche brachten ihre Solidarität mit den Christen zum Ausdruck, an der Spitze der Vorsitzende der Behörde für die sunnitischen geistlichen Stiftungen, Abd-ul-Latif al-Heymem, der dem chaldäisch-katholischen Patriarchen umgehend einen Solidaritätsbesuch abstattete. Bei der Begegnung mit Kardinal Mar Louis Raphael Sako betonte er, dass die Christen ein „essenzieller Teil“ der irakischen  Nation seien, mit „starken Verbindungen“ und „tiefen Wurzeln“ in der Geschichte des Landes. Ohne den Großmufti beim Namen zu nennen, appellierte al-Heymem an die Iraker, sich jenen entgegenzustellen, die die Einheit des Landes unterminieren und seine gesellschaftliche Einheit in Frage stellen wollen. Jegliche „beleidigende Äußerungen“ gegen Christen seien abzulehnen, sie seien nicht repräsentativ für die sunnitische Gemeinschaft und würden die „nationale Einheit“ gefährden.

Bereits am Tag nach der umstrittenen Freitagspredigt al-Sumaidaies reagierte die kurdische Regionalregierung in Erbil überaus scharf. „Diese falschen Standpunkt ähneln denen der barbarischen IS-Terroristen“, hieß es in einer Erklärung des regionalen kurdischen Ministeriums für die religiösen Stiftungen vom Samstag, 29. Dezember. Das Ministerium forderte zugleich die Eröffnung eines gesetzlichen Verfahrens gegen den Großmufti.  Die Feststellungen des Großmuftis würden auch nicht „den Lehren des Islam und der Kultur der Koexistenz“ entsprechen. Jedes Jahr gebe es solche „merkwürdige Stimmen“, die die christlichen Feste attackieren, statt zu Koexistenz und Respekt aufzurufen.

Auch die jesidische Organisation „Yazda“ forderte die Abberufung des Großmuftis auf Grund seiner „diskriminierenden Stellungnahmen“. Toleranz müsse der Grundstein sein, um nach der Prüfung des IS-Überfalls eine friedliche Gemeinschaft im Irak aufzubauen, in der Menschen unterschiedlicher Überzeugung harmonisch miteinander leben können. Jegliches „implizite oder explizite Vorurteil“ müsse in diesem kritischen Augenblick für die Zukunft des Irak verboten bleiben.