Chaldäischer Patriarch fordert spirituelle und gesellschaftliche Wiedergeburt des Irak

Hirtenbriefe von Mar Louis Raphael Sako – Bei seinem Besuch bei den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz betonte der Kardinal-Patriarch seine Bewunderung für die jungen Leute: „Sie haben die konfessionelle Barriere durchbrochen und die irakische nationale Identität wiedergewonnen!

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Foto: © Österreichisches Außenministerium (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Bagdad, 06.11.19 (poi) Der Irak braucht inmitten des Leids des gegenwärtigen Augenblicks eine spirituelle, gesellschaftliche und karitative Wiedergeburt. Dies betont der chaldäisch-katholische Patriarch, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, in einem neuen Hirtenbrief. Erneuerung sei keine „Mode“, wie Fundamentalisten und Salafisten meinen, unterstreicht der Kardinal-Patriarch. Vielmehr gehe es um ein „lebendiges Zeugnis“, das die ganze Existenz des Menschen erfüllt. Wörtlich heißt es im Hirtenbrief weiter: „Wir irakischen Christen sind von Terroristen attackiert und getötet worden, viele Kirchen wurden bombardiert, viele Christen mussten aus Mosul und der Ninive-Ebene fliehen, um im Ausland Sicherheit und Stabilität zu finden. Und doch dürfen wir nicht vergessen, Gott und allen Spendern zu danken, die es ermöglicht haben, dass die Kirche im ganzen Irak und im Ausland ihre Aufgabe erfüllt, indem sie an der Seite der Leidenden steht und ihre Moral hebt“. Heute habe sich die Sicherheit verbessert, aber es gebe immer noch „Ängste, Spaltungen und Leid“ wegen der vom religiösen Extremismus und vom Terrorismus verursachten Wunden. Für die Christen sei es notwendig, auf den Glauben zu vertrauen, „denn der Krieg kann nicht dauern und der Friede wird auch in diesen Weltteil zurückkehren“, so Mar Louis Raphael Sako. Den Armen in Nächstenliebe zu dienen, sei Ausdruck einer universalen Geschwisterlichkeit „ohne Ausnahmen“.

Der chaldäisch-katholische Patriarch verwies auf das Beispiel des Westens, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 75 Jahre in Frieden lebe. Freilich müssten sich die Migranten aus dem Irak im Westen mit einem Säkularismus auseinandersetzen, der der Gesellschaft die christlichen Werte entzogen habe. An die chaldäischen Katholiken appellierte Mar Louis Raphael Sako, ausgehend von den Pfarrgemeinden das Bewusstsein der Zugehörigkeit zum Zweistromland zu pflegen, die nationale Verantwortung ernst zu nehmen und „gemeinsam mit allen irakischen Bürgern“ am Aufbau des Friedens, der Stabilität, der Freiheit und der Würde für alle zu arbeiten.

Der chaldäisch-katholische Kardinal-Patriarch war am Samstag, 2. November, in Begleitung der Auxiliarbischöfe Mar Shlemon Warduni, Mar Basilios Yaldo und Mar Robert Jarjis auf den Bagdader Tahrir-Platz gegangen, um die – zumeist jugendlichen –Demonstranten zu grüßen. Wörtlich sagte Mar Louis Raphael Sako: „Wir möchten den jungen Leuten unsere Bewunderung ausdrücken. Sie haben die konfessionelle Barriere durchbrochen und die irakische nationale Identität wiedergewonnen – und damit gezeigt, dass das Vaterland kostbar ist“. Der Patriarch betonte seine Liebe zum Irak und seinen Menschen, er verlange, dass die Regierung den legitimen „Schrei“ der Demonstranten höre, um so rasch wie möglich eine Lösung der schwierigen Situation herbeizuführen. Mit seiner Delegation verharrte der Kardinal-Patriarch im stillen Gedenken vor dem Freiheits-Denkmal auf dem Tahrir-Platz und betete für das Seelenheil der Todesopfer auf Seiten der Demonstranten und der Sicherheitskräfte sowie für die rasche Genesung der vielen Verletzten. Der rund einstündige Besuch des Patriarchen bei den Demonstranten endete mit dem Lied „Herr des Friedens, schenke dem Irak Frieden“.

 

„Das gestohlene Geld muss wieder her“

Nach dem Besuch auf dem Tahrir-Platz sagte der Kardinal-Patriarch im Gespräch mit „Radio Vatikan“: „Die Lage im Land ist sehr gespannt. Die Proteste gehen weiter, und die Regierung hat weder eine Vision noch einen Mechanismus, um einen schnellen und konkreten Wandel herbeizuführen“. Deshalb sei er auf den Tahrir-Platz gegangen, auch um den Verwundeten Trost und Medikamente zu bringen. Mar Louis Raphael Sako berichtete: „Es waren Abertausende von jungen Leuten da, von alten Leuten, Frauen, Schulkindern… Das ist das erste Mal, dass Frauen sichtbar bei solchen Kundgebungen mitmachen. Die Demonstranten haben meine Mitarbeiter und mich sehr gut aufgenommen; sie richteten dem Papst Grüße aus und sind dankbar dafür, dass er für den Irak betet. Auf einer Pressekonferenz habe ich dann gesagt, dass wir unsere Solidarität zeigen wollten mit allen, die Gerechtigkeit und eine bessere Zukunft suchen, und die gegen die konfessionelle Zersplitterung der Iraker und für einen geeinten Irak sind“. Er habe die Regierung zu raschen Maßnahmen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet aufgefordert. Der grassierenden Korruption der Eliten müsse Einhalt geboten werden: „Dieses Geld, das sie uns seit 16 Jahren stehlen, muss wiedergewonnen werden, um Entwicklungsprojekte ins Werk zu setzen!“

Anders als von der Regierung fühlte sich Mar Louis Raphael Sako von den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz verstanden: „Die sagten uns: Ihr Christen seid unsere Brüder, ihr Christen seid der Ursprung dieses Landes. Und auch: Wo sind eigentlich unsere Leute? Damit meinten sie die islamischen Religionsführer“.

Aus seiner Sicht hätten die Proteste im Irak viel mit denen im Libanon gemein, so der Kardinal-Patriarch: „Es geht um die Korruption, eine politische Klasse, die vor allem hinter dem Geld her ist und die sich um die leidende Bevölkerung nicht kümmert. Es gibt einen Graben zwischen der politischen Klasse und der Bevölkerung. Die Demonstranten im Irak und im Libanon stellen dieselben Forderungen: Menschenwürde, wirtschaftlicher Wohlstand, soziale Gerechtigkeit, gleiche staatsbürgerliche Rechte für alle und ein Ende des lähmenden Gruppendenkens, Kampf gegen die Korruption, und eben ein Zurückholen des geklauten Geldes!“

Mar Louis Raphael Sako fiel auf, dass sich in den Demonstrationen im Irak wie im Libanon zum ersten Mal seit langer Zeit der Ruf nach Einheit des Landes Bahn bricht. „Das Nationalbewusstsein ist sehr stark. Sie sagen laut: Wir wollen ein Vaterland, wir sind zu gespalten! Es geht um die Souveränität des Irak, um die Einheit des Landes – genau wie im Libanon“. Dass die Herrschenden den Protesten mit Gewalt ein Ende machen, befürchtet er vorerst nicht: „Nein, das glaube ich nicht. Auf dem Tahrir-Platz haben wir auch Soldaten und Polizisten getroffen, die waren sehr freundlich. Wir haben ihnen Schokolade geschenkt; die werden nichts gegen die Demonstranten unternehmen. Allerdings gibt es sicher andere, die jetzt um ihre Macht und ihr Geld bangen und die sehen, dass diese Proteste nicht in ihrem Interesse sind…“

 

Friedensgebet in der Kathedrale

Am Montagabend fand in der chaldäischen Josephskathedrale in Bagdad ein ökumenisches Gebet für den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität im Irak statt. Der Kardinal-Patriarch bezeichnete dabei die Korruption und die religiöse Spaltung als die beiden Hauptübel im Irak, die zu „absurden Konflikten“ führen. Bei der beeindruckenden Feier wurde eine Schweigeminute für die Todesopfer gehalten, anschließend wurden Psalmen und der Bericht des Matthäus-Evangeliums über die Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt verlesen, die Hymnen der chaldäischen Kirche erklangen. An dem Gebet mit dem Patriarchen nahmen die Auxiliarbischöfe Warduni und Yaldo, viele Priester und Ordensleute und zahllose einfache Gläubige teil.

Die jungen Leute seien in Bagdad und anderen irakischen Städten auf die Straße gegangen, um ihre Rechte einzufordern, stellte Mar Louis Raphael Sako fest: „Sie hatten den Eindruck, in einer Sackgasse zu landen und haben ihrem Schmerz Ausdruck verliehen“. Der Kardinal-Patriarch zählte auf, was im Irak nicht funktioniert: Die Strom- und Wasserversorgung, das Gesundheitswesen und das Bildungssystem, die Straßen und sonstigen Verkehrswege, die Beschäftigungssituation. Auch in der Kathedrale hob Mar Louis Raphael Sako wieder hervor, dass die Demonstranten die konfessionellen Spaltungen überwunden und die nationale Identität des Irak wiedergefunden hätten. Das habe ihn auch auf dem Tahrir-Platz beeindruckt. Abschließend wandte sich der Kardinal-Patriarch an die politische Klasse und rief sie auf, den „Protestschrei der Söhne und Töchter der Nation“ ernst zu nehmen und „im Geist der Verantwortung“ eine konstruktive Antwort darauf zu geben. An die Sicherheitskräfte appellierte er, den „Marsch des Volkes“ für eine „stabile und prosperierende Zukunft“ zu begleiten.

 

Weltkirchenrat in Sorge

Der Generalsekretär des Weltkirchenrats, Pfarrer Olav Fykse Tveit, betonte am Dienstag die Sorge seiner Organisation über die anhaltenden Proteste im Irak, die damit verbundenen Gewaltakte und die zunehmende Polarisierung. Der Weltkirchenrat bemühe sich, durch die interreligiöse Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen konfessionellen Gruppen den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Zweistromland zu fördern, zugleich werde die „extreme Gewaltausübung“ der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten „zurückgewiesen und angeprangert“. Meinungs- und Versammlungsfreiheit gehörten zu den fundamentalen Rechten aller Menschen, unterstrich Fykse Tveit. Das Verlangen der Menschen im Irak nach sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und einem Leben in Würde sei „legitim“: „Die Stimmen der Menschen müssen gehört werden. Gewalt ist keine Lösung, weder von Seiten der Behörden noch von Seiten der Demonstranten“.

Die Regierung und das Volk müssten in einen Dialog eintreten, um den Weg zu einer „inklusiven Gesellschaft“, Respektierung der gleichen Rechte aller Bürger und Schaffung der Voraussetzungen für ein Leben in Würde einzuschlagen. Das Gebet gelte den Opfern und deren Familien, aber auch den politischen und religiösen Führungspersönlichkeiten des Landes, betonte der Generalsekretär des Weltkirchenrats: „Wir bitten Gott, dass er allen die Weisheit schenkt, die Herausforderungen friedlich anzugehen und gemeinsam Wiederaufbau und dauerhaften Frieden auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Inklusion anzustreben“.