Chaldäischer Patriarch in Sorge über Kriegsgefahr zwischen den USA und dem Iran

„Ungewissheit“ im Hinblick auf den für 2020 vorgesehenen Besuch von Papst Franziskus im Irak

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Bagdad, 23.07.19 (poi)  Der chaldäisch-katholische Patriarch, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, ist in Sorge, dass die Spannungen zwischen den USA und dem Iran zu einem Krieg führen, der den ganzen Nahen Osten in eine Katastrophe stürzen würde. In Briefen an die Botschafter der USA und des Iran in Bagdad appellierte der Kardinal-Patriarch an die Verantwortlichen, sich um „Weisheit“ zu bemühen, damit die Region endlich den Frieden erhalte, den sie so dringend benötige. Der Nahe Osten könne keinen weiteren Krieg mehr aushalten.

Ob angesichts der dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten der für 2020 ins Auge gefasste Besuch von Papst Franziskus im Irak stattfinden kann, ist ungewiss, räumte Mar Louis Raphael Sako in Interviews mit der italienischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ und mit der US-amerikanischen katholischen Nachrichtenagentur CNS ein: „Wir wissen nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden. Vielleicht wartet der Papst ab, was in den nächsten Monaten geschieht, bevor er seine Irak-Reisepläne bestätigt“.

Christen und Muslime im Irak hätten große Hoffnungen im Hinblick auf den Papstbesuch. Wie der Besuch von Papst Franziskus in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Februar könne die Irak-Visite ein „phänomenales Ereignis“ werden, betonte der Kardinal-Patriarch. Im Februar hätten Millionen von Muslimen die TV-Übertragung der Papstmesse gesehen, „viele von ihnen sahen zum ersten Mal eine christliche Liturgie, in der Männer und Frauen, junge und alte Menschen in Harmonie miteinander beteten“. Die Hymnen, die Psalmen, die Lieder, die Lesungen aus der Heiligen Schrift, die Predigt des Papstes, all das sei von den muslimischen Zusehern „sehr, sehr positiv“ aufgenommen worden.

In seinen Interviews betonte der chaldäische Patriarch, wie sehr er erschrecke, wenn er jetzt Leute von Krieg reden höre. Denn ein neuerlicher Krieg im Nahen Osten würde „schwer vorhersagbare, aber auf jeden Fall zerstörerische Konsequenzen“ haben. 15 Jahre nach der Invasion der USA und ihrer Verbündeten im Irak leide das Zweistromland immer noch, es herrsche Konfusion. Vor diesem Krieg habe es im Irak zwei Millionen Christen gegeben, jetzt seien es nur mehr einige hunderttausend. Überall im Land, in Bagdad, in Basra im Süden, in Kirkuk, in Mosul, in der kurdischen Region hätten große christliche Gemeinschaften bestanden. In Mosul gebe es praktisch keine Christen mehr, sagte Mar Louis Raphael Sako. Er sei eine Woche nach der Befreiung Mosuls aus der Hand der IS-Terroristen in die Stadt gefahren und habe gesehen, dass die vielen chaldäischen Kirchen – „von denen etliche auf das 4. oder 5. Jahrhundert zurückgehen“ – alle in Trümmern lagen. „Wer wird uns helfen, diese Kirchen wieder aufzubauen?“, fragte Mar Louis Raphael Sako und erinnerte an das Beispiel der lateinischen Kirche Notre-Dame-de-l’Heure im Stadtzentrum mit dem von der französischen Kaiserin Eugenie gestifteten Uhrturm. Von Regierungsseite sei der Wiederaufbau des von den IS-Terroristen gesprengten Gotteshauses zugesagt worden, geschehen sei aber nichts.

Die IS-Terroristen seien besiegt, aber es gebe neue Probleme. Der Kardinal-Patriarch nannte die schiitisch dominierten „Al-Haschd asch-Schaʿbi“-Milizen und die Sorge, dass es eine Strategie zur Veränderung der demographischen Struktur der christlich geprägten Ninive-Ebene gebe. Die Milizen hätten zum Beispiel die Absicht, in Bartella – einer früher ganz christlichen Stadt – ein Hauptquartier zu errichten. Viele Christen und Jesiden hätten die vorübergehend von den IS-Terroristen kontrollierten Gebiete im nördlichen Irak verlassen müssen und lebten jetzt in Europa, Amerika oder in der Türkei, in Jordanien, im Libanon, erinnerte Mar Louis Raphael Sako: „Weil sie Geld zum Leben brauchen, verkaufen viele ihre Häuser in der Heimat. Die Milizen sind finanziell gut aufgestellt und kaufen diese Häuser, wo sie dann ihre Leute und deren Familien unterbringen“.