Christen im Nahen Osten werden als „Sündenböcke“ und „Gefahr“ hingestellt

Ökumenischer Patriarch Bartholomaios I. bedauert in „Famille chretienne“-Interview, dass der Platz der Christen in der türkischen Gesellschaft noch immer von den vergangenen islamischen Konzepten der „Schutzbefohlenen“ geprägt wird – Scharfe Kritik an der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee: Dieses Gotteshaus sei dazu bestimmt, ein „Ort der Begegnung der Kulturen und des Dialogs“ zu sein, jetzt sei es ein „einfaches Symbol der Vorherrschaft“ geworden

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Paris-Konstantinopel, 07.01.21 (poi) Das Problem der Christen in der Türkei – aber darüber hinaus im ganzen Nahen Osten – sei nicht der religiöse Unterschied zur muslimisch geprägten Mehrheitsgesellschaft, sondern die Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke. Dies betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in einem Interview in der neuesten Nummer der französischen Wochenzeitung „Famille chretienne“. Die Spannungen im Nahen Osten seien ein Hemmnis für die Zukunftsfähigkeit der Christen unter Bewahrung ihrer reichen Vergangenheit. Allzu oft würden die religiösen Minderheiten im Nahen Osten als „Sündenböcke“ benützt, zugleich würden sie auch als „Gefahr“ hingestellt, bedauerte Bartholomaios I.: „Die Christen im Nahen Osten wollen nichts anderes als das Recht, ihren Glauben frei ausüben zu können, auf die gleiche Weise wie die anderen Bürger“. Man müsse sich von der osmanischen Tradition lösen, in der die Christen unter Berufung auf die islamische Rechtspraxis als „Dhimmi“ (Schutzbefohlene) gesehen wurden, die eine Sondersteuer zu zahlen hatten. Diese Tradition präge bis heute „legal und symbolisch“ den Platz der Christen in der türkischen Gesellschaft. Aus der Erfahrung einer Christenheit, „die leider auch heute noch aufs Korn genommen und in einigen Zusammenhängen sogar verfolgt wird“, könne man zwei Lehren ziehen, unterstrich der Patriarch: Einerseits sei die außerordentliche Widerstandskraft und Resilienz der christlichen Gemeinschaften in aller Welt und im Lauf der Geschichte beeindruckend, andererseits gehe es um die ökumenische Solidarität. Papst Franziskus habe das Wort vom „Ökumenismus des Blutes“ geprägt. Dieses Wort sei auf tragische Weise wahr, stellte der Patriarch fest und zitierte aus dem Ersten Korintherbrief: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“.

In dem „Famille chretienne“- Interview nahm Bartholomaios I. neuerlich in scharfer Form zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee Stellung. Dieses Gotteshaus sei dazu bestimmt, ein „Ort der Begegnung der Kulturen und des Dialogs“ zu sein, jetzt sei es ein „einfaches Symbol der Vorherrschaft“ geworden. Dabei habe die Welt, besonders in dieser Zeit der globalen Pandemie, Bedarf an Symbolen, die die Menschen vereinen, nicht aber an neuen Gründen für Spaltungen. Er sei aber durch den Beschluss der türkischen Regierung, die Hagia Sophia und die Erlöser-Kathedrale im Chora-Kloster dem muslimischen Kultus zu übergeben, nicht überrascht gewesen, stellte der Patriarch fest. Denn auch andere prominente christliche Gotteshäuser, die seit Jahrzehnten Museen waren, wie die Hagia Sophia in Trapezunt (Trabzon) und die Konzilsbasilika in Nikaia (Isnik) seien schon zuvor in Moscheen umgewandelt worden. Der Prozess der Umwandlung von Museumskirchen und Moscheen sei ein vielfach diskutiertes Thema in der Türkei. Er habe die Haltung des Ökumenischen Patriarchats in dieser Frage mehrfach dargelegt, so Bartholomaios I. 2016 habe er auch dem damaligen Leiter des Religionsamtes „Dianet“, Mehmet Görmez, einen Brief geschrieben, in dem tiefe Sorge zum Ausdruck gebracht und betont wurde, dass der einmalige Monumentalbau der Hagia Sophia für beide Religionen, Christentum und Islam, sakrale Bedeutung habe. Als „Tempel der Weisheit Gottes“ zähle die Hagia Sophia zu den bedeutendsten klassischen Monumenten der Weltkultur und als solches überschreite sie „die Grenzen von Raum und Zeit“ und gehöre nicht nur einer Kultur, „sondern der ganzen Menschheit“. Bartholomaios I. betonte, dass die Hagia Sophia als Museum „ein Ort und ein Symbol der Begegnung und des friedlichen Zusammenlebens der Völker und Kulturen“ gewesen sei, das die gegenseitige Verständigung und die Solidarität zwischen Christentum und Islam gefördert habe. Diese multidimensionale religiöse Zugehörigkeit sei ein „Gegengift“ gegen den „Kampf der Kulturen“ (clash of civilizations) gewesen. Die Umwandlung der Hagia Sophia in einem Moschee sei von den Christen in aller Welt mit großer Emotion, aber auch mit großer Angst aufgenommen worden. Wörtlich stellte der Ökumenische Patriarch abschließend fest: „Die Hagia Sophia ist durch ihre Heiligkeit ein vitales Zentrum, an dem Orient und Okzident einander umarmen“.