Christen in Syrien verlangen Aufhebung der westlichen Sanktionen

Lateinischer Bischof von Aleppo: „Bei uns verhungern die Leute, es gibt keine Medikamente, es gibt keine Arbeit“

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© KIRCHE IN NOT

Damaskus, 12.06.20 (poi) „Wir verlangen die Aufhebung der Sanktionen, die jeden Tag die Syrer ärmer machen. Diese Sanktionen sind gegen die Menschenrechte, sie sind inhuman, weil sie die ganze Bevölkerung bestrafen“: Dies betonte der lateinische Apostolische Vikar von Aleppo, Bischof Georges Abou Khazen, am Mittwoch im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. Abou Khazen fügte hinzu: „Bei uns verhungern die Leute. Es gibt keine Medikamente. Es gibt keine Arbeit“.

Die Europäische Union hat am 28. Mai die „restriktiven Maßnahmen“ gegen die Regierung in Damaskus um ein Jahr – bis zum 1. Juni 2021 – verlängert. Am bevorstehenden 17. Juni treten jene Maßnahmen in Kraft, die der US-Präsident Donald Trump im sogenannten „Caesar“-Akt über den Schutz der syrischen Zivilbevölkerung angeordnet hat. Die bereits 2011 erstmals in Kraft gesetzten US-Sanktionen betreffen Unternehmen, die geschäftliche Beziehungen mit Damaskus haben. Bei den US-Sanktionen geht es u.a. um den Import von Treibstoff, Technologie usw. „Die internationale Gemeinschaft sollte eine Gewissenserforschung durchführen“, so Bischof Abou Khazen: „Für uns sind die Sanktionen ein Verbrechen. Wir sind sehr enttäuscht von der Europäischen Union. Wer weiß, was nach dem Inkrafttreten des neuen ‚Caesar‘-Akts geschieht“.

Im Bericht von SIR wird betont, dass viele Gesprächspartner – vor allem aus den christlichen Gemeinschaften des Landes – immer wieder betonen, dass die wahre Angst der Menschen in Syrien nicht etwa die Coronavirus-Pandemie betreffe, sondern die „Armut auf Grund des seit 2011 dauernden Krieges, der Sanktionen und der Wirtschaftskrise“. Dazu komme die permanente Abwertung der syrischen Währung, die zugleich eine ständige Preissteigerung bei allen Gütern- „einschließlich von Nahrungsmitteln und Medikamenten“ – bewirke. Dabei spiele die libanesische Finanzkrise eine zentrale Rolle. Für Syrien sei der Libanon immer ein „Tor zur Welt“ gewesen, viele Syrer hätten in der Zedernrepublik ihre Konten und Ersparnisse deponiert. Die libanesischen Banken hätten die syrischen Unternehmer unterstützt. Aber dann habe die libanesische Krise dazu geführt, dass die Banken nur mehr zögerlich Valuten und Devisen (vor allem in Dollar) verkaufen wollten und die Konten von Syrern auf libanesischen Banken blockiert hätten. SIR zitiert die unterschiedlichen Kurse: 2011, als der Krieg in Syrien begann, konnte man einen US-Dollar um 50 syrische Pfund erwerben, heute kostet er mindestens 3.000 syrische Pfund.

In dem SIR-Bericht wird auch auf die Krise der früher florierenden syrischen pharmazeutischen Industrie verwiesen. Die Produktion sei vielfach eingestellt worden, weil der Produktionspreis (wegen der hohen Importkosten für Grundstoffe) höher sei als der regierungsamtlich erlaubte Verkaufspreis. In der Folge hätten auch viele Apotheken geschlossen. Einen Lichtblick stellten die drei katholischen Krankenhäuser des Projekts „Offene Spitäler“ dar, das vom Apostolischen Nuntius in Damaskus, Kardinal Mario Zenari, ins Leben gerufen wurde. Dank der Hilfe der italienischen katholischen Organisation AVSI ist in Syrien der Betrieb des Hospital Saint Louis in Aleppo sowie des Französischen und des Italienischen Spitals in Damaskus weiter gesichert. AVSI sorgt dafür, dass in diesen Spitälern Menschen aller Konfessionen – auch völlig mittellose – gute medizinische Versorgung erhalten. AVSI ist eine 1972 begründete Hilfsorganisation, die mittlerweile in 31 Ländern tätig ist. In Syrien ist AVSI seit 2015 aktiv, vor allem in der Hilfe für Frauen und Kinder.

Mittlerweile haben sich in Italien mehrere von der Fokolar-Bewegung inspirierte NGOs zusammengetan, um eine Aufhebung der Sanktionen zu erreichen, die auch den medizinischen Bereich betreffen. In einer Erklärung der NGOs heißt es: “Die westlichen Sanktionen blockieren Investitionen und finanzielle Transaktionen und machen damit Import und Export schwierig. Im Ausland lebende Syrer können ihren Verwandten in der Heimat keine Zuwendungen zukommen lassen“. Darüberhinaus machen die NGOs auf die Doppelbödigkeit der Sanktionen aufmerksam: „Die selben Regierungen, die etwa den Einkauf von Eisenwaren untersagen, weil das kriegerischen Zwecken dienen könnte, verkaufen ihrerseits an die ihnen genehmen Milizen in Syrien große Mengen von Waffen“.

Die Bewegung gegen die westlichen Sanktionen wird von zahlreichen kirchlichen Institutionen unterstützt, so von der Bewegung „Terra Sancta“ und von den syrischen Trappistinnen. Die Nonnen verlangen die Aufhebung der Sanktionen, erinnern aber zugleich daran, dass es in Syrien Maßnahmen des politisch-ökonomischen Systems zur Bekämpfung der Korruption und zur Förderung eines vernünftigen Wirtschaftswachstums geben müsse.