„Christen sind eine der ursprünglichsten Komponenten des Irak“

Neuer irakischer Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi besuchte Mosul und die Ninive-Ebene und traf mit Repräsentanten der christlichen Gemeinschaften zusammen

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Foto: © Chaldean (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public domain)

Bagdad-Mosul, 12.06.20 (poi) „Die Christen stellen eine der ursprünglichsten Komponenten des Irak dar, es schmerzt uns, dass viele von ihnen weggehen“: Mit diesen Worten brachte der neue irakische Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi am Mittwoch bei seinem Besuch in Mosul und der Ninive-Ebene Bitterkeit und Sorge über den „stillen Auszug“ zum Ausdruck, der die seit 2.000 Jahren bestehende christliche Gemeinschaft Mesopotamiens immer kleiner werden lässt. Der Besuch des Ministerpräsidenten stand im Zeichen des Gedenkens an die Eroberung Mosuls durch die IS-Terroristen vor sechs Jahren. Mustafa al-Kadhimi traf in Mosul mit Repräsentanten der christlichen Gemeinschaften zusammen, an der Spitze der neue chaldäisch-katholische Erzbischof Michael Najeeb Moussa. Der Delegation des Ministerpräsidentin gehörte auch die neuernannte Ministerin für Flüchtlinge und Migranten, Eva Faeq Yaqub Jabro, an, eine chaldäisch-katholische Christin (sie ist die einzige christliche Vertreterin im neuen irakischen Kabinett).

Um den derzeitigen dramatischen Zustand Mosuls zu erklären, verwies al-Kadhimi – der früher Leiter des irakischen Geheimdienstes war – auf die Verantwortung des einstigen Diktators Saddam Hussein, aber auch aller nachfolgenden Regierungen seit dem Einmarsch der US-Amerikaner und ihrer Verbündeten. Die derzeitige Regierung habe ein „schweres Erbe“ der „schlechten Regierungsführung und Korruption“ übernehmen müssen.

Al-Kadhimi besuchte auch die Kleinstadt Bartella in der Ninive-Ebene, die früher eine christliche Hochburg war. Nach der Befreiung aus dem Zugriff der IS-Terroristen kam es zwar zur Rückkehr vieler christlicher Flüchtlinge, zugleich aber auch zum Einströmen vieler Schabaki-Familien (Angehörige einer Religionsgemeinschaft, in deren Überzeugungen sich islamisch-schiitische und zoroastrische Konzeptionen mischen).

Der Besuch des Ministerpräsidenten gab den Sprechern der christlichen Gemeinschaften Gelegenheit, ihre Sorgen über die „demographischen Veränderungen“ in der Ninive-Ebene zum Ausdruck zu bringen. Viele Christen, die im Sommer 2014 wegen des Vormarsches der IS-Fanatiker geflüchtet sind, zögerten nach wie vor, in ihre ursprünglichen Heimatorte zurückzukehren. Dagegen würden von Angehörigen der Schabaki-Gemeinschaft – die auch über Querverbindungen zu einflussreichen schiitischen Kreisen verfügen – leerstehende Häuser in Dörfern und Kleinstädten der Ninive-Ebene in Besitz genommen.

In der Politik Al-Kadhimis im Hinblick auf die Ninive-Ebene – deren politische Zuständigkeit zwischen Bagdader Zentralregierung und kurdischer Regionalregierung in Erbil noch immer nicht zur Gänze geklärt ist – spielt die neue Flüchtlingsministerin Yaqub Jabro eine wichtige Rolle. Denn in ihren Aufgabenbereich fallen auch die zehntausenden christlichen Flüchtlinge, die 2014 aus Mosul und der Ninive-Ebene in die kurdische Regionalhauptstadt Erbil geflüchtet sind. Viele von ihnen sind nach wie vor nicht in ihre Heimatorte zurückgekehrt.

Die neue Ministerin arbeitete ursprünglich in der von Fatima Al-Bahadly im Jahr 2003 begründeten NGO „Al-Firdous“, die sich um Sozial- und Beschäftigungsprojekte für Frauen und Jugendliche bemüht. Die Biologielehrerin Eva Yaqub Jabro war auch Beraterin für Minderheitenfragen des Gouverneurs von Mosul, bei den Parlamentswahlen im Mai 2018 kandidierte sie für einen der fünf für die Christen reservierten Sitze. Innerhalb der christlichen Community ist ihre Position nicht unumstritten. So wies das chaldäisch-katholische Patriarchat öffentlich geäußerte Vermutungen zurück, Eva Yaqub Jabro sei „Beraterin“ des chaldäisch-katholischen Patriarchen, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, für Fragen der christlichen Präsenz in der Ninive-Ebene gewesen.