Christen sind verpflichtet, für die Heiligen Stätten im Heiligen Land Sorge zu tragen

Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Sandri, referierte vor den in Jerusalem versammelten Franziskaner-Kommissaren des Heiligen Landes – Begegnung mit dem orthodoxen Patriarchen Theophilos III.

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Foto: © Assaf Shtilman (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Jerusalem, 28.11.18 (poi) Die Verpflichtung aller Christen, für die Erhaltung der Heiligen Stätten Sorge zu tragen und mit den christlichen Gläubigen im Heiligen Land – den „lebendigen Steinen“ – Solidarität zu üben, betonte der Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, vor den in Jerusalem im St. Salvator-Kloster zu ihrem internationalen Kongress versammelten Franziskaner-Kommissaren des Heiligen Landes. Diese Verpflichtung sei zutiefst „Teil der Identität jedes Christen“. Kardinal Sandri erinnerte daran, dass der mittlerweile heilig gesprochene Papst Paul VI. mit seiner Reise ins Heilige Land 1964 das Interesse der ganzen Kirche für die christliche Präsenz im Heiligen Land und im ganzen Nahen Osten neu entflammen wollte.

Im Rahmen seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land traf Kardinal Sandri auch mit dem orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos III., zusammen. Im Gespräch ging es um die Situation der Christen in Jerusalem, in Israel und Palästina, um die Zusammenarbeit der Kirchen – auch im Hinblick auf die Bewältigung des Pilgerzustroms sowie um die Bewahrung der „offenen und pluralen“ Identität der Heiligen Stadt der drei Religionen. Im Anschluss an die Begegnung mit dem orthodoxen Patriarchen traf der Kardinal in der „Terra Sancta School“ mit den Generalkonsuln von Spanien und Italien sowie den Repräsentanten von Malta und der Europäischen Union zusammen. Die EU und die drei Mitgliedsländer tragen wesentlich zur Erhaltung und zum Ausbau der traditionsreichen Schule bei. Danach besuchte der Präfekt der Ostkirchenkongregation das Jerusalemer Klarissenkloster und das ökumenische theologische Zentrum in Tantur, das auf die Initiative von Paul VI. zurückgeht.

Die Kraft des Evangeliums ist es, die auch die materielle Hilfe hervorruft, die Solidarität der weltweiten Christenheit, die Nähe der Pilger und intelligente Projekte, um etwa jungen Familien zu helfen, die Emigration  zu  vermeiden: Dies betonte Kardinal Sandri anderntags bei einer Begegnung mit den im Heiligen Land tätigen katholischen Bischöfen in Jerusalem. Wenn die Kirche versuchen würde, den Konflikten des Nahen Ostens zu entfliehen oder sie mit nicht evangeliumsgemäßen Mitteln zu überwinden, könne sie vielleicht ihre Strukturen bewahren, aber sie würde den Glauben und die Hoffnung der örtlichen Christen nicht nähren, fügte der Kardinal hinzu. Es sei möglich, dass die Kirche im Heiligen Land in Zukunft weniger große Strukturen und Institutionen haben werde „und mehr kleine Hauskirchen und Brennpunkte der Arbeitsvermittlung für die Gläubigen“. Ausdrücklich appellierte der Präfekt der Ostkirchenkongregation an die Bischöfe, sich beim Kauf und Verkauf von Liegenschaften und Immobilien um größtmögliche Transparenz zu bemühen.

Bei der Messfeier mit den Bischöfen im Abendmahlssaal rief Kardinal Sandri die Hierarchen zur richtigen Sichtweise des Bischofsamtes auf: „Als Bischöfe dürfen wir nicht sitzen und warten, wir müssen uns vielmehr jeden Tag neu auf den Weg machen und hinausgehen“. An einem Ort wie dem Abendmahlssaal – der von den israelischen Behörden für die Messfeier mit Kardinal Sandri geöffnet wurde – gelte es, von Jesus zu lernen, was es bedeutet, Dank zu sagen. Im Hinblick auf die Herausforderungen des Heiligen Landes betonte der Präfekt der Ostkirchenkongregation die Notwendigkeit, angesichts von „schwierigen Umständen“ wie Jesus beim Letzten Abendmahl zu reagieren.

Bei der Begegnung mit den Seminaristen des Heiligen Landes unterstrich Kardinal Sandri, dass es nicht auf die Zahl ankomme „und wieviele wir sind“, sondern auf die Qualität des Zeugnisses. Das Heilige Land habe bereits so viele Probleme, die Kirche und ihre Diener müssten dem Allgemeinwohl aller hier Wohnenden dienen, sie dürften aber nicht die Probleme und die Mühen verstärken. Auch für die angehenden Priester gehe es um eine „Logik des Dienstes“: „Wir sollten nie davon träumen, die Stufen der Ehrenbezeugungen zu erklimmen, sondern uns auf ein Leben einlassen, das der Demutsgeste Christi bei der Fußwaschung vor dem Letzten Abendmahl entspricht“.

Die „Nacht des Menschen“ stellte Kardinal Sandri in den Mittelpunkt seiner Predigt in der Grabeskirche („Anastasis“). Diese Nacht bestehe in den Dunkelheiten der Entfernung von Gott und den Mitmenschen, in der Sünde, die „erniedrigt und entstellt“, in der Einsamkeit der Armen und Leidenden, der Opfer von Krieg und Gewalt. In diesem Zusammenhang gedachte der Kardinal in besonderer Weise der Situation der „Schwestern und Brüder in Syrien“, die angesichts der Gleichgültigkeit der Großen der Nationen verlassen seien. Es gehe für die Christen darum, Träger des Osterlichts zu sein, das in der Welt wieder die Hoffnung entzünden kann.