„Christen und Juden brauchen festen Willen, beieinander zu bleiben“

Serbisch-orthodoxer Bischof Andrej (Cilerdzic) beim ÖRKÖ-Gottesdienst zum „Tag des Judentums“ in Wien – Ja zur religiösen Pluralität und zum interreligiösen Engagement – „Immer neu den Raum öffnen, damit der Geist Gottes unter uns wirken kann“

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Foto: © Peter Gugerell (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Wien, 18.01.19 (poi/örkö)   „Juden und Christen brauchen einen festen Willen, beieinander zu bleiben, nicht nur auf Versammlungen und Tagungen, sondern an jedem Ort,  wie es der Prophet David in den Psalmen ausgedrückt hat“: Dies betonte der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) beim offiziellen Gottesdienst des „Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich“ (ÖRKÖ), mit dem sich die christlichen Kirchen alljährlich am „Tag des Judentums“ – in Vorbereitung auf die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen – gemeinsam auf die jüdischen Wurzeln  des Christentums besinnen. Der „Tag des Judentums“, dessen Einführung auf einen Impuls der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997 zurückgeht, wurde heuer zum 20. Mal veranstaltet. Der Gottesdienst fand in der katholischen Kirche Am Tabor in Wien-Leopoldstadt statt, die dortige Pfarrgemeinde wird von Ferenc Simon geleitet, der auch für die katholisch-jüdischen Beziehungen in Wien zuständig ist.

Bischof Andrej unterstrich, dass „die christliche Identität unlösbar mit dem jüdischen Volk und seiner Tradition verbunden ist“. In der Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden für eine geplagten Welt gehe es inmitten von Verwirrung und Identitätsverlust darum, Zeichen von Gottes Plan zu erkennen. Der Bischof bezeichnete in seiner Predigt  den Gehorsam Abrahams als „Urbild des Weges der Christen im Glauben an Gott und Seine Verheißungen“. Wörtlich sagte der serbisch-orthodoxe Bischof: „Gläubige Menschen sind zuerst einmal Gäste und Fremdlinge unter den Erben der Verheißung, Menschen, die einst in der Ferne waren, um erst durch geistliche Läuterung zu Mitbürgern der Heiligen, zu Gottes Hausgenossen und zu ‚Nahen‘ zu werden“.

Die Dynamik religiöser Pluralität und der Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften gehörten zweifelsohne zu den entscheidenden Herausforderungen, denen sich sowohl Juden als auch Christen im 21. Jahrhundert stellen müssen, so der  Bischof. Die ökumenische Bewegung habe in ihren Anfängen mit der säkularen Kultur und derem wissenschaftlichen Rationalismus und Materialismus zu ringen gehabt. Man habe damals die Möglichkeit erwogen, mit allen Religionen gemeinsam ein Bündnis gegen die Kräfte der Säkularisierung zu bilden. Aber seit dem Beginn des beispiellosen wirtschaftlichen Fortschritts mit rasch aufeinander folgenden technischen Revolutionen und zunehmendem Wohlstand habe auch die ökumenische Bewegung die Säkularisierung akzeptiert „und manchmal sogar begrüßt als Ausdruck der ‚mündig gewordenen Welt‘“. Statt an statischen Vorstellungen einer „christlichen Ordnung“ festzuhalten, habe die Ökumene ihre Chance wahrgenommen, aktiv den Prozess geschichtlichen Wandels mitzugestalten. Bischof Andrej (Cilerdzic): „Die ökumenische Bewegung wurde so zu einer Anwältin der Konzeption  des säkularen Staates, der Religionsfreiheit und der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit (unter Einschluss der grundlegenden Unterscheidung von Recht und Moral) und der Achtung der Pluralität von Kulturen und Religionen“. Die ökumenische Bewegung habe mittlerweile diese charakteristischen Züge der säkularen Welt ausdrücklich als Kontext für das Leben und Zeugnis der Kirchen angenommen und dies auch durch die Verabschiedung der „Charta Oecumenica“ zum Ausdruck gebracht.

Heute suchten aber wieder mehr Menschen nach einer tieferen Grundlage, nach Sinn für ihr Leben und nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, um über das geschlossene globale System hinauszukommen, erinnerte der serbisch-orthodoxe Bischof von Wien und Österreich. Aber auch die Staatengemeinschaft sei immer wieder aufgefordert, „die Ehrfurcht vor den sittlichen Werten  und vor Gott als unverzichtbare Grundlage aller staatlichen Ordnung zu proklamieren“. In diesem Zusammenhang erinnerte Bischof Andrej an das Schicksal der europäischen Juden im 20. Jahrhundert als mahnendes Symbol, um eine Wiederbelebung des fragwürdigen Traums einer christlichen Vorherrschaft zu  verhindern. Es zeichne sich ein Prozess grundlegenden Wandels ab, da Grundüberzeugungen der Moderne wie der Glaube an den unbegrenzten Fortschritt, die Vorherrschaft wissenschaftlicher Rationalität, die scheinbare Unausweichlichkeit der Säkularisierung und die sichere Erwartung, dass sich das westliche politisch-gesellschaftliche System allgemein durchsetzen werde, problematisch geworden seien.

In dieser Situation  entstehe ein Wirrwarr unterschiedlicher Formen religiöser Fundamentalismen und Traditionalismen, die sich gegen das interreligiöse Engagement richten, bedauerte der Bischof. Dieses Engagement sei aber darauf ausgerichtet, negative und exklusive Identitäten durch Dialog und durch die Suche nach einer umfassenden Verwirklichung der Gemeinschaft zwischen den Religionen zu überwinden. Der Fundamentalismus hingegen wolle die absolute Autorität „einer“ heiligen Tradition des Glaubens und der Sittlichkeit wiederherstellen. Der von den christlichen Kirchen gemeinsam begangene „Tag des Judentums“  weise darauf hin, dass es dringend notwendig sei, die wechselseitige institutionelle Abgrenzung zu beenden, auch wenn es mancherorts den Trend zur Verteidigung eigener institutioneller Identitäten und Traditionen gebe. Eindeutigkeit und Erkennbarkeit des eigenen Profils erscheine für manche wichtiger als das gemeinsame Zeugnis. Für Christen wie Juden  ergebe sich daraus die Verpflichtung, „immer neu den Raum zu öffnen, damit der Geist Gottes unter uns wirken kann. Richtung und Ziel erschließen sich uns nur, indem wir ihn gemeinsam gehen; sie bleiben als Gabe Gottes unserer Kontrolle entzogen“.

Dabei rief der serbische Bischof in Erinnerung, dass der göttliche Segen nicht allein Juden und Christen gilt, in die Verheißung  sei vielmehr Gottes ganze Schöpfung einbezogen, also auch Menschen anderer Religionen und Glaubensweisen. Die interreligiöse Begegnung komme nicht umhin, die Pluralität der Religionen zu akzeptieren. Bischof Andrej (Cilerdzic) verwies auf die 1993 vom „Weltparlament  der Religionen“ verabschiedete „Erklärung zum Weltethos“ mit ihren vier Verpflichtungen  auf eine „Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben“, auf eine „Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung“, auf eine „Kultur der Toleranz und des Lebens in Wahrhaftigkeit“ sowie eine „Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau“.

Die Sammlung wurde dem „Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ gewidmet.