Das „Ende einer Epoche“ durch die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee

Erklärung des Vorsitzenden der deutschen „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Erzpriester Miron

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Foto ©: Kai Loges / Akademie RS

Frankfurt, 24.07.20 (poi) Der 24. Juli 2020 bedeute das „Ende einer Epoche“, stellte der Vorsitzende der deutschen „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“ (ACK), der orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron, in einer Erklärung zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee fest. Dieser staatliche Akt geschehe – wie so häufig in der Türkei – unter scheinbarer Wahrung der Rechtsstaatlichkeit. Die Umwidmung der Hagia Sophia sei eine Enteignung, nicht im immobilienrechtlichen, sondern im geistlichen Sinn. Und sie bedeute das Ende einer säkularen, europäischen modernen Türkei, wie sie Atatürk vorschwebte, der die Hagia Sophia zum Museum machte.

Seit dem 1. Februar 1935 sei das von Justinian dem Großen im 6. Jahrhundert erbaute Gotteshaus als Museum allen Besucherinnen und Besuchern offen gestanden, wie es Atatürk als Gründer der modernen Türkei verfügt hatte, erinnerte Erzpriester Miron. Im Bewusstsein der Orthodoxen bleibe die Hagia Sophia allerdings die „Große Kirche Christi“ (megali ekklesia). So sei es kein Zufall, dass alle autokephalen orthodoxen Kirchen gegen die Entscheidung der türkischen Regierung protestiert hätten. Doch auch viele Repräsentanten anderer Kirchen, europäischer und weltweiter Institutionen, nicht zuletzt der UNESCO, zu deren Welterbe die Hagia Sophia ja gehöre, hätten ihre Bestürzung über diesen Vorgang geäußert, der offenkundig nicht religiöse Bedürfnisse, sondern innen- und außenpolitische Ambitionen des türkischen Präsidenten befriedigen soll. Deshalb richten sich diese Proteste nicht gegen den Islam oder das islamische Gebet, sondern gegen den Missbrauch der Religion, der hier zutage trete.

 

„Mahnmal für die Wiederherstellung der Einheit“

Der ACK-Vorsitzende machte auf zwei Aspekte aufmerksam, die nur wenig zur Sprache gekommen seien: Zum einen sei die Hagia Sophia für die weltweite Christenheit nicht irgendein Gebäude, „um das auf einmal so viel Aufhebens gemacht wird“, wie es in einzelnen Kommentaren geheißen habe. Vielmehr sei sie auch jene Kirche, auf deren Hauptaltar am 16. Juli 1054 der päpstliche Legat das Bannschreiben gegen Patriarch Michael Kerullarios deponierte, was der Ansatzpunkt zur großen Kirchenspaltung zwischen Ost- und Westkirche war. Sie sei also der symbolträchtige Ort, an dem damals das Schisma proklamiert wurde und der heute deshalb für alle, die in der Ökumene tätig sind, ein „Mahnmal für die Wiederherstellung der Einheit der Kirche darstellt“, betonte Miron.

Zum anderen lasse die bewusste Wahl des 24. Juli als Datum der Umwidmung nichts Gutes erahnen, handle es sich doch um den Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrages von Lausanne (1923), in dem in den Artikeln 37-44 auch die Rechte der nicht-muslimischen Minderheiten (bzw. die Verpflichtung der Türkei, deren religiöse Einrichtungen zu respektieren) festgeschrieben wurden. Die Vorliebe Erdogans für Symbolpolitik, die durch diese Datumswahl deutlich wird, gehe also offensichtlich auch zu Lasten der christlichen Minderheit in der Türkei. Ihr Schicksal könne und dürfe Christen nicht gleichgültig sein. Zu oft hätten sie ihre Stimme nicht laut genug erhoben, wenn es um den Genozid an Armeniern, Griechen Christen der syrischen Tradition während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach, um die Septemberpogrome des Jahres 1955 gegen Griechen und Armenier in Konstantinopel, um die Ermordung von christlichen Missionaren und Würdenträgern oder die zahllosen Enteignungen von Gebäuden und Grundstücken der christlichen Kirchen des Landes ging.