Das Geheimnis der georgisch-katholischen Gemeinde in Istanbul

Türkischer Caritas-Direktor Rinaldo Marmara stellt an Hand von Quellen aus dem vatikanischen Geheimarchiv die Geschichte einer 1861 am Bosporus gegründeten „unierten“ Ordensgemeinschaft dar – Der spätere Johannes XXIII. war 1922 Apostolischer Visitator bei dieser Gemeinschaft

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Foto: © President of the Republic of Poland website (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Istanbul, 27.07.18 (poi) Ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Kirchengeschichte hat der Direktor der türkischen Caritas, Rinaldo Marmara, durch Recherchen im vatikanischen Geheimarchiv aufgearbeitet und in dem jetzt auf französisch erschienenen Buch „Dokumente zur Geschichte der georgischen Kirche“ zugänglich gemacht. In dem Buch behandelt Marmara auch ein kirchenpolitisch überaus bedeutsames Detail: Im Jahr 1922 wurde Angelo Giuseppe Roncalli – der spätere Papst Johannes XXIII. – inmitten der dramatischen Veränderungen im sterbenden Osmanischen Reich zum Apostolischen Visitator für die georgisch-katholische Kongregation der „Diener und Dienerinnen der Unbefleckten Empfängnis“ bestellt. Die Ordensgemeinschaft war 1801 in Konstantinopel von P. Piero Carischiaranti (in der italienischen Transkription) gegründet worden, in Feriköy, einem Quartier des bis heute multinationalen und multireligiösen Stadtteils Sisli. Manche meinen, dass bei dieser schwierigen Visitatoren-Aufgabe Roncallis seine Liebe zur alten „osmanischen“ Türkei mit ihrer Vielfalt entstanden sei, die ihm später den Übernamen „der türkische Papst“ einbrachte.

Im Vorwort des Buches von Marmara beschreibt (der aus Mexiko stammende) Erzbischof Ruben Tierrablanca, Apostolischer Administrator von Istanbul, das historische Umfeld der georgisch-katholischen Ordensgemeinschaft. Marmaras Recherchen betreffen die Jahre 1895 bis 1934, aber vieles ist nur verständlich, wenn man die ganze spätosmanische Reformzeit („Tanzimat“) vom „Hatt-i-Sherif“ von Gülhane 1839 über den „Hatt-i-Humayun“ von 1856 bis zur (bald wieder „eingeschläferten“) Verfassung von 1876 in Betracht zieht. Zum ersten Mal wurden die christlichen Bewohner des Osmanischen Reiches – zumindest auf dem Papier – als gleichberechtigte Bürger anerkannt. Es war die beste Zeit der Christen im Nahen Osten – bis 1914, als die mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich verbündeten Jungtürken im Schatten des Ersten Weltkriegs eine rassistische, bisweilen auch islamistisch verkleidete Vernichtungspolitik betrieben.

Vom frühen 19. Jahrhundert an entstehen überall im Osmanischen Reich unzählige neue christliche Institutionen – orthodoxe, orientalisch-orthodoxe, katholische aller Riten, protestantische. Es sind vor allem Gotteshäuser, Schulen, Hospitäler. P. Carischiaranti wollte mit seiner Gründung zur Heranbildung eines georgisch-katholischen Klerus beitragen, der die Tradition der katholischen Präsenz in Georgien weiterführen sollte – seit der Vereinigung Georgiens, des letzten christlichen Königreichs des christlichen Ostens mit Russland, wurde das von den russischen Behörden nicht mehr gern gesehen, daher der Ausweg nach Konstantinopel. Dort entstand bald auch ein weiblicher Ordenszweig der neuen Kongregation.

Die Präsenz der georgisch-katholischen Ordensleute (die nach heutigem Sprachgebrauch „Unierte“ waren) wurde von den osmanischen Behörden nicht behindert, vielleicht auch deshalb, weil sie als Gegengewicht zur russischen Dominanz in Georgien betrachtet wurden. In jedem Fall wurde das große Ordenshaus in Bomonti ein Brennpunkt des georgischen nationalen Bewusstseins, zugleich wurden hier aber auch die innergeorgischen Spannungen spürbar. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs war auch das Leben der georgisch-katholischen Ordensgemeinschaft in Feriköy aus finanziellen Gründen aufs äußerste bedroht. Der Visitator Roncalli beschrieb in seinem Bericht alle Probleme detailliert, aber zugleich betonte er, dass man die georgisch-katholische Kongregation begründen müsste, wenn es sie nicht schon gäbe.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts schrumpfte die Ordensgemeinschaft, weil es aus Sowjetgeorgien keinen Nachwuchs mehr gab, 1979 starb der letzte georgische Ordensmann. Trotzdem ist bis heute die georgisch-katholische Kirche Unserer Lieben Frau von Lourdes (Notre Dame de Lourdes Gürcü Katolik Kilisesi) im Ortsteil Bomonti von Sisli höchst lebendig. Das Gotteshaus wurde 1861 errichtet. Da die Zahl der georgisch-katholischen Christen in Istanbul sinkt, ist das Gotteshaus in Bomonti heute vor allem von Angehörigen der armenisch-katholischen Kirche besucht. Noch in den 1950-er Jahren lebten in Istanbul bis zu 10.000 Georgier, die nicht orthodox, sondern katholisch waren. Nach dem antichristlichen Pogrom von Istanbul 1955 – für das Adnan Menderes die Verantwortung trug – wanderten viele Georgier aus. Heute besteht die georgisch-katholische Gemeinde in Istanbul nur noch aus zirka 500 Personen.

Die Geschichte der georgischen Kirche in Bomonti ist eng mit der Familie Zazadze verbunden. 1917 kam während der revolutionären Unruhen im Russischen Reich Paul Zazadze aus Akhaltsikhe, der Hochburg der Katholiken in Georgien, nach Konstantinopel. Er wurde bald zu einem der bedeutendsten Eisen- und Stahl-Händler der Bosporus-Metropole – und er nahm sich um die georgisch-katholische Kirche in Bomonti an. Sein Sohn Simon Alexander Zazadze folgte dem Vater auch in der Sorge um die Kirche, er wurde Vorsitzender des „Vakif“ (der geistlichen Stiftung), das nach türkischem Recht als Eigentümer des Gotteshauses fungiert. Mit 83 starb er – nach altem osmanischen Brauch immer respektvoll Simon Bey genannt – im Oktober 2016 in Frankreich an einer Herzattacke. Das Begräbnis (mit Requiem in der römisch-katholischen Kathedrale Santo Spirito) machte die intellektuelle und finanzielle Brillanz der „levantinischen“ Katholiken Konstantinopels sichtbar: Simon Bey beherrschte neun Sprachen, er hatte drei Doktorate, er war der unermüdliche Sponsor des georgisch-katholischen „Vakif“, dem er eine Bibliothek stiftete und die Gründung eines kulturellen Zentrums ermöglichte.

Bei der Präsentation des Buches von Rinaldo Marmara erinnerte der Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, an die Bedeutung der „unierten“ Gotteshäuser in Konstantinopel – neben der georgisch-katholischen gibt es u.a. auch eine bulgarisch-katholische Kirche, beide unterstehen dem nach wie vor bestehenden Exarchat für die Katholiken des byzantinischen Ritus am Bosporus (für das auch Erzbischof Tierrablanca die Verantwortung trägt). Auch wenn die Gemeinden heute klein geworden sind, seien sie ein Zeichen dafür, dass die Metropole Konstantinopel für viele Völker ein „fruchtbarer und freundlicher“ Hafen ist.

Das Buch des türkischen Caritas-Direktors könnte aber – nach Angaben der römischen Agentur ACI-Stampa – auch eine „diplomatische“ Funktion haben. Marmara plane ein umfassenderes Werk auf der Basis von Quellenstudien im vatikanischen Archiv. Ein Kolloquium über die Bedeutung der vatikanischen Archive für die türkische Geschichte sei in Vorbereitung, „vielleicht in Rom, vielleicht am Bosporus“.