Der „Dialog der Wahrheit“ zwischen Rom und Moskau

„Osservatore Romano“ schildert aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen die Entwicklung der Beziehungen zwischen katholischer Kirche und russisch-orthodoxer Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil

0
54
Foto: © Dnalor 01 (Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-SA 3.0/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria)

Vatikanstadt, 23.06.20 (poi) Die Entwicklung des Dialogs zwischen katholischer Kirche und orthodoxer Kirche in Osteuropa hat der „Osservatore Romano“ unter dem Titel „Dialog der Wahrheit“ am Montag im Rahmen der Artikelserie zum 60-Jahr-Jubiläum des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen dargestellt. Der tschechische Priester Jaromir Zadrapa, ein enger Mitarbeiter von Kardinal Kurt Koch, erinnerte im „Osservatore“ daran, wie alles begann: Am 12. Oktober 1962, bei der Eröffnung der ersten Session des Zweiten Vatikanischen Konzils, waren die Konzilsväter überrascht, als zwei Repräsentanten des Moskauer Patriarchats, Erzpriester Witalij Borowoj und Archimandrit Wladimir Kotljarew,  in der Konzilsaula im Petersdom Platz nahmen. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch keine der anderen orthodoxen Kirchen auf die Einladung von Papst Johannes XXIII. zur Entsendung von Beobachtern geantwortet. Das Moskauer Patriarchat aber hatte dank der Bemühungen von Msgr. Johannes Willebrands, des späteren Kardinals (damals im neugegründeten Sekretariat für die Einheit der Christen tätig), eine „unerwartete, aber verheißungsvolle“ Entscheidung getroffen. Papst Paul VI. habe die Bedeutung des Vorgangs verstanden, wenige Tage nach seiner Wahl traf der Montini-Papst im Juli 1963 seine erste ökumenische Entscheidung und entsandte eine Delegation des Heiligen Stuhls zum Bischofsjubiläum von Patriarch Aleksij I. nach Moskau.

Es waren, so Jaromir Zadrapa, Zeichen der „wiederentdeckten Brüderlichkeit“ zwischen katholischer Kirche und russisch-orthodoxer Kirche. In der Folge fanden ab 1967 (und bis in die 1980er-Jahre) bilaterale theologische Gespräche zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Moskauer Patriarchat statt. 1969 traf der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche die „historische Entscheidung“, Katholiken zum Kommunionempfang in der orthodoxen Kirche zuzulassen. Es war eine „Entscheidung ohne Vorbild in der Geschichte der katholisch-orthodoxen Beziehungen“; auch wenn sie 1986 wieder zurückgenommen worden sei, bezeuge sie die „volle und gegenseitige Anerkennung der Apostolizität beider Kirchen“.

Einer der wichtigsten Akteure der Annäherung sei der damalige Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Nikodim (Rotow), gewesen, erinnerte Zadrapa. Der Metropolit hatte seine Dissertation über Johannes XXIII. geschrieben (diese Dissertation wurde 1984 von der Stiftung „Pro Oriente“ mit einem Vorwort von Kardinal Franz König auf  russisch veröffentlicht, Red.) ; er starb am 5. September 1978 in den Armen von Papst Johannes Paul I. Der Papst sagte zwei Tage später vor dem römischen Klerus: „Ich war gerade dabei, dem Metropoliten auf seine Grußadresse zu antworten. Ich versichere euch, dass ich noch nie in meinem Leben so schöne Worte über die Kirche gehört hatte“.

Die Zeit der kommunistischen Herrschaft sei für bestimmte Formen des Ökumenismus nicht nur mit der russischen Kirche,  sondern auch mit den anderen orthodoxen Kirchen in Osteuropa günstig gewesen. Die Notwendigkeit, einem gemeinsamen Feind zu widerstehen, habe den „Ökumenismus des GuLag“ ermutigt. Und die Teilnahme an den internationalen ökumenischen Institutionen wie Weltkirchenrat oder „Konferenz Europäischer Kirchen“ ermöglichten orthodoxen Verantwortlichen  „hochgeschätzte Kontakte mit westlichen Christen“. Freilich habe die Unterstützung dieser Kontakte durch die kommunistischen Regime dazu beigetragen, diesen Ökumenismus zu diskreditieren. Zudem sei dieser Ökumenismus von den unter Zwang in die Orthodoxie integrierten griechisch-katholischen Unierten oft als „kirchliche Version“ einer „Ostpolitik“ erlebt worden, die ihr Leid ignorierte, stellte Jaromir Zadrapa fest.

Der Fall des Eisernen Vorhangs habe dann paradoxerweise eine Krise im ökumenischen Weg der orthodoxen Kirchen in Osteuropa ausgelöst, so der Mitarbeiter von Kardinal Koch im „Osservatore“. Die Ankunft der westlichen Christen sei von den Orthodoxen bisweilen als „illoyale Konkurrenz“ empfunden worden. Im Zusammenhang mit der Wiederzulassung der griechisch-katholischen Gemeinschaften – vor allem in der Ukraine und in Rumänien – sei die katholische Kirche verdächtigt worden, das Modell des „Uniatismus“ wiederbeleben zu wollen. Die orthodoxen Kirchen hätten verlangt, die Frage des Uniatismus im Rahmen der internationalen Kommission für den katholisch-orthodoxen Dialog zu diskutieren, 1993 habe die Kommission in Balamand im Libanon dann ein Dokument verabschiedet, das den Uniatismus als Methode zur Wiederherstellung der Einheit zurückweist. Im Kontext der Krise hätten sich die orthodoxen Kirchen von Georgien und Bulgarien in den späten 1990er-Jahren aus den internationalen ökumenischen Gremien zurückgezogen.

Es habe aber auch neue Ansätze für die Wiederannäherung gegeben, erinnerte Zadrapa und verwies auf die Gründung von ökumenischen oder interreligiösen Räten in Tschechien, in der Slowakei, in Slowenien, in Russland, in der Ukraine und in Bosnien-Hercegovina. Wo es besondere Probleme gebe, seien auch Ad hoc-Kommissionen entstanden. In der Russischen Föderation wurde etwa 2004 eine gemeinsame katholisch-orthodoxe Arbeitsgruppe eingerichtet, um konkrete Konflikte zu lösen. Die theologischen Dialoge hätten bisweilen beachtenswerte Resultate erzielt. So wurde  im Jahr 2000 zwischen dem Polnischen Ökumenischen Rat (dem auch die polnische orthodoxe Kirche angehört) und der Polnischen Bischofskonferenz eine Übereinkunft über die gegenseitige Anerkennung der Taufe geschlossen.

Die dringlichste Aufgabe bleibe aber die vielberufene „Reinigung des (historischen) Gedächtnisses“, so der Funktionär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Die interkonfessionellen Spannungen in Ostmittel- und Osteuropa seien nicht die Konsequenz von theologischen Kontroversen,  sondern von historischen Verwundungen, die oft mit nationalen Fragen verbunden sind. Es gebe einige Initiativen in diesem Bereich. So hätten die russisch-orthodoxe Kirche und die katholische Kirche in Polen 2012 eine gemeinsame Botschaft an die beiden Völker zur Förderung der Versöhnung verabschiedet. 2016/17 habe es auf Initiative des Heiligen Stuhls eine Arbeitsgemeinschaft serbisch-orthodoxer und kroatischer katholischer Historiker zum Studium der Rolle von Kardinal Alojzije Stepinac während des Zweiten Weltkriegs gegeben. Das Problem sei nicht zur Gänze gelöst worden, aber dass man gemeinsam darüber gesprochen habe, „war schon ein Fortschritt“.

Neben dem institutionellen Ökumenismus und dem theologischen und historischen „Dialog der Wahrheit“ müsse man aber auch die Bedeutung des „Dialogs des Lebens“ unterstreichen, stellte Zadrapa fest. Der spirituelle Ökumenismus werde in der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen gelebt, aber auch durch Initiativen wie die Pilgerfahrt der Reliquien des Heiligen Nikolaus durch Russland im Jahr 2017. Zudem müsse man den „praktischen Ökumenismus“ sehen, der die Kirchen in der karitativen Arbeit, in gemeinsamen Erklärungen und in den Beziehungen zum Staat vereine. Zadrapa erwähnte in diesem Zusammenhang die im Jahr 2000 in der Slowakei erzielte Übereinkunft zwischen orthodoxer und griechisch-katholischer Kirche über die Frage des kirchlichen Grund- und Immobilien-Eigentums. Auch der „kulturelle Ökumenismus“ würde zu einer „Evolution der Mentalitäten“ und der Herausbildung eines Bewusstseins für das Europa der „beiden Lungenflügel“ beitragen.

Das Bild der „beiden Lungenflügel“ sei von Papst Johannes Paul II., dem ersten slawischen Papst,  vom Beginn seines Pontifikats an gebraucht worden, um die Notwendigkeit eines gemeinsamen Atems von östlichem und westlichem Europa zu illustrieren. Sobald die Länder des Ostens offen waren, habe Johannes Paul II. Pastoralreisen in mehrheitlich orthodoxe Länder wie Rumänien, Georgien, Ukraine, Bulgarien unternommen. Auf den Spuren von Johannes Paul II. reise auch Papst Franziskus in Länder orthodoxer Tradition wie Georgien, Armenien, Rumänien, Bulgarien, Nordmazedonien. Ohne Zweifel stelle die Begegnung zwischen Papst Franziskus und dem Moskauer Patriarchen Kyrill in Havanna am 12. Februar 2016  einen der Höhepunkte der Beziehungen zwischen östlichen und westlichen Christen in Europa dar. Wörtlich stellte Zadrapa fest: „In gewisser Hinsicht war diese Begegnung eine ideale Frucht der Teilnahme zweier russisch-orthodoxer  Beobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil“. Abschließend zitierte er Artikel 7 der gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill: „In unserer Entschlossenheit, alles, was notwendig ist, zu unternehmen, um die uns überkommenen geschichtlichen Gegensätze zu überwinden, wollen wir unsere Bemühungen vereinen, um das Evangelium Christi und das allgemeine Erbe der Kirche des ersten Jahrtausends zu bezeugen und miteinander auf die Herausforderungen der gegenwärtigen Welt zu antworten. Orthodoxe und Katholiken müssen lernen, in Bereichen, wo es möglich und notwendig ist, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben“.