“Der Krieg in Syrien ist noch nicht zu Ende”

Tiefe Erschütterung nach der Ermordung eines armenisch-katholischen Pfarrers und seines Vaters in Nordsyrien

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Foto: © Voice of America (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Damaskus, 13.11.19 (poi) “Der Krieg in Syrien ist noch nicht zu Ende”: Dies betonte der armenisch-katholische Erzbischof von Aleppo, Boutros Marayati, am Dienstag im Hinblick auf die Ermordung des armenisch-katholischen Priesters Joseph Bedoyan. Der Priester war – mit seinem ebenfalls getöteten Vater und dem bei dem Überfall schwer verletzten Diakon Fati Sano – auf dem Weg nach Der-ez-Zor. Die Stadt Der-ez-Zor, die von den IS-Terroristen längere Zeit als Hauptquartier in Anspruch genommen wurde, hat für die Armenier aller Konfessionen besondere Bedeutung. Als die vom jungtürkischen Komitee für “Einheit und Fortschritt” (Ittihad ve Terakki) gestellte (und mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn verbündete) kaiserlich-osmanische Regierung in Konstantinopel 1915 beschloss, die armenische Bevölkerung in Anatolien zu eliminieren, landeten Hunderttausende Vertriebene in Der-ez-Zor; sie wurden von den osmanischen Behörden dorthin vertrieben, um zu verhungern. Erzbischof Marayati stellte am Mittwoch fest: “Das ist eine für uns Armenier sehr bedeutende Stadt, weil hier so viele unserer Leute einen bitteren Tod gefunden haben. Sicher wollen die Türken, die jetzt in diesem Gebiet vorrücken, nicht, dass wir dorthin zurückkehren. Denn unsere Präsenz würde an den Völkermord an den Armeniern erinnern”. Joseph Bedoyan wollte nach Der-ez-Zor fahren, um den Stand der Restaurierungsarbeiten an der armenischen Märtyrerkirche zu kontrollieren, die 2014 von der auch vom Westen unterstützten Miliz “Jabhat al-Nusra” zerstört wurde.

Die armenisch-katholische und die armenisch-apostolische Kirche wollen die Gotteshäuser und die Wohnquartiere wiederherstellen, damit die Christen nach Der-ez-Zor zurückkehren können, sagte der Erzbischof. Der 43-jährige Joseph Bedoyan habe einen “Clergyman” getragen und sei daher als Priester erkennbar gewesen. Auch auf seinem Auto sei deutlich der Schriftzug “Armenisch-katholische Kirche” gestanden. Die IS-Terroristen fantasierten in einer “Vollzugsmeldung” davon, dass sie mit Pfarrer Bedoyan und seinem Vater “zwei Kreuzfahrer eliminiert” hätten.

Das Begräbnis des ermordeten Priesters und seines Vaters fand – wie es im Orient Sitte ist – bereits am DIenstagmittag statt. Die ganze Stadt war auf den Beinen, Muslime ebenso wie Christen, um die Einheit und Solidarität der ganzen Stadt unter Beweis zu stellen. Wegen der Spannungen um den türkischen Einmarsch im Norden Syrien sei die Situation in de Stadt chaotisch, sagte Erzbischof Marayati: “Die Christen haben Angst und nach jeder Gewalttat beschließen so und so viele Familien die Emigration”.

Vor 2011 gab es in Qamishlie rund 5.000 armenische Katholiken und fünf Gotteshäuser. Heute sind es nur mehr 2.000 Gläubige, zwei Kirchen sind offen geblieben.

Der ermordete armenisch-katholische Pfarrer Joseph Bedoyan habe viel Gutes getan, sich unermüdlich für den Wiederaufbau der Kirche in Syrien eingesetzt, betonte der armenisch-katholische Erzbischof von Aleppo, Boutros Marayati, am Mittwoch im Gespräch mit “Radio Vatikan” und zögerte nicht, den Pfarrer, den er persönlich gekannt hat, als Märtyrer zu bezeichnen. Als Apostolischer Administrator von Qamishlie, Hassake und Der-ez-Zor ist Erzbischof Marayati für jene Zonen im Norden Syriens zuständig, die erst im Oktober Ziel der türkischen Militäroffensive wurden und zuvor ins Visier des Islamischen Staates geraten waren. Erst jetzt habe man damit begonnen, den Wiederaufbau der Kirche und der Häuser der armenischen Gläubigen voranzutreiben, die geflohen waren. Und daran sei Pfarrer Bedoyan wesentlich beteiligt gewesen, betont Marayati.

An die letzte Begegnung mit Pfarrer Bedoyan kann sich der Erzbischof noch gut erinnern: „Am 3. November hat er einen Ständigen Diakon, den ich weihen sollte, nach Aleppo begleitet. Bedoyan war für die armenisch-katholische St.-Josephs-Pfarre in Qamishlie zuständig und hat dort immer gute Arbeit geleistet, sich der Armen angenommen und auch die für die Gegend Verantwortlichen unterstützt“.  Und das alles in einer Situation, die alles andere als leicht ist und einem Gebiet, das in verschiedene Zonen aufgesplittert wurde, präzisierte der Erzbischof: In einen von den Türken kontrollierten Norden, einen von den Kurden kontrollierten Teil und Der-ez-Zor, wo noch  immer Dschihadisten präsent sind. Es sei wirklich eine „extrem komplizierte, instabile und gefährliche Situation“. „Wir können sagen, dass dieser Priester ein Märtyrer geworden ist, ein Märtyrer der Pflicht, ein Märtyrer der Kirche und Syriens“, stellte Marayati fest.

„Es ist eine sehr alte und sehr starke Gemeinschaft, aber es war ein schwerer Schlag für uns alle, denn Pfarrer Bedoyan war ein Priester, der es verstanden hat, Solidarität unter den Menschen zu schaffen“, betonte der Erzbischof. „Viele Christen haben das Land bereits verlassen, und auch die wenigen, die geblieben sind, tragen sich angesichts der anhaltenden Situation der Unsicherheit mit dem Gedanken, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Wir versuchen, Hoffnung zu geben. Wir sind unserem Volk nahe; wir wollen, dass es sich wehrt und bleibt. Doch – wie schon das Evangelium sagt: Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen“.

An einen Zufall glaubt der Erzbischof nicht. Seiner Meinung nach besteht kein Zweifel daran, dass der Pfarrer gezielt ins Visier genommen worden sei. Jeder habe sein Auto gekannt – und auch gewusst, dass er die für den Wiederaufbau notwendigen Gelder bei sich gehabt habe. Der-ez-Zor habe eine besondere Bedeutung für das Gedächtnis der Armenier an den Völkermord im Osmanischen Reich ab 1915. Bei den jüngsten Razzien in der syrischen Stadt hätten die Türken das Denkmal der orthodoxen Armenier zum Gedächtnis an die tragischen Ereignisse der Jahre ab 1915 zerstört, gab Marayati zu bedenken. Daraus könne man einiges ersehen.