Der neue Generalsekretär des nahöstlichen Kirchenrats ist Soziologe und Wirtschaftsexperte

Der 65-jährige Michel Abs gehört der antiochenisch-orthodoxen Kirche an, sein „Koadjutor“ wurde der melkitische Priester Gabriel el-Hachem – Exekutivausschuss des Kirchenrats urgierte einmal mehr ein Ende der „zerstörerischen Kriege und Konflikte“ im Nahen Osten

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Foto: © J. Hassoun (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 22.09.20 (poi)  Der neue Generalsekretär des nahöstlichen Kirchenrates (MECC), Michel Abs, gehört der antiochenisch-orthodoxen Kirche an. Der 65-jährige Soziologe und Wirtschaftsexperte wurde am 18. September vom Exekutivkomitee des MECC, das am maronitischen Patriarchalsitz in Bkerke im Libanon zusammengetreten war, gewählt. An sich wäre diese Wahl Sache der MECC-Vollversammlung gewesen, die aber coronabedingt nicht tagen konnte. Zum „Koadjutor“ des neuen Generalsekretärs wurde der melkitische Priester Gabriel el-Hachem bestimmt, der bisher die Abteilung für Theologie und ökumenische Beziehungen des MECC geleitet hatte und ein enger Mitarbeiter der früheren Generalsekretärin, Prof. Souraya Bechealany, war. Michel Abs, der auch Mitglied des Ethik-Komitees der Jesuiten-Universität Saint-Joseph in Beirut ist, verfügt über langjährige Erfahrung als Unternehmensberater. Er hat auch umfangreiche Studien über die Präsenz der christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten und über die Probleme des interreligiösen Dialogs durchgeführt.  Prof. Bechealany hatte in ihrem Abschiedsreferat auch kritische Anmerkungen zur Vorgangsweise der Verantwortungsträger der Kirchen im Nahen Osten formuliert. Insbesondere urgierte sie eine „gemeinsame Vision“, die die aktuellen gesellschaftlichen, geopolitischen, theologischen und ökumenischen Anforderungen ernst nimmt. Viele Christen im Nahen Osten hätten bereits ihre Koffer gepackt, um an einen Ort mit „mehr Frieden, mehr Sicherheit und mehr Komfort“ zu gehen, sagte die scheidende Generalsekretärin. Jenen, die in der Heimat bleiben und damit die christliche Präsenz im Nahen Osten aufrechterhalten, müssten die Kirchen Schulen, gesundheitliche Versorgung, Wohnraum und Perspektiven bieten. Wichtig sei auch der Dialog mit muslimischen und jüdischen Partnern.

Dem MECC gehören rund 30 Kirchen aus vier „Kirchenfamilien“ – katholisch, orthodox, orientalisch-orthodox, evangelisch – an. Gegründet wurde der Rat 1974 in der zypriotischen Hauptstadt Nicosia. Dass jetzt ein antiochenisch-orthodoxer Christ die Aufgabe des Generalsekretärs übernimmt, entspricht dem vom MECC immer eingehaltenen „Rotationsprinzip“.

Auf Grund der Corona-Situation waren bei der Sitzung des Exekutivkomitees in Bkerke nur die im Libanon ansässigen kirchlichen Repräsentanten persönlich anwesend, unter ihnen außer dem Gastgeber, Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai, auch der antiochenisch-orthodoxe Patriarch Youhanna X., der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Aphrem II. und der Vorsitzende der Evangelischen Union des Libanons, Habib Badr. Die anderen nahmen über Videokonferenz teil. Kardinal Rai verglich in seiner Eröffnungsansprache die Situation der Kirchen im Nahen Osten „inmitten von Konflikten und Kriegen, politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Krisen, geplagt von der Corona-Pandemie und zutiefst getroffen von der Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut am 4. August“ mit der eines „Schiffes in Seenot“. Die christliche Präsenz im Orient sei zurückgegangen, bedauerte der maronitische Patriarch, viele Christen seien in Angst wie die Jünger Jesu beim Sturm auf dem See Genesareth, die angstvoll ausriefen: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen“ (Markus, Kap. 4,38). Das Evangelium berichte, wie Jesus den Sturm besänftigte und den Jüngern die Frage stellte: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Diese Frage gelte auch den Kirchen im Nahen Osten heute, betonte Rai und zitierte das im Johannes-Evangelium überlieferte Jesus-Wort: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“. Der MECC habe die Aufgabe, unter den gegenwärtigen schwierigen Umständen „mit Glaube und Hoffnung“ in Zusammenarbeit mit den Kirchen und ihren Verantwortungsträgern gegen Wind und Wellen anzukämpfen, von denen die Gemeinschaften, das Volk, die Institutionen und Einrichtungen der Kirchen im Nahen Osten bedroht seien.

Der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II. stellte in einer Videobotschaft aus Kairo fest, er fühle sich dem Libanon nahe, der durch die Katastrophe vom 4. August so viel gelitten habe. Sein Gebet gelte „dem geliebten Land und seinen Bewohnern“, vor allem in diesem historischen Augenblick, in dem der Libanon das 100-Jahr-Jubiläum seiner modernen Staatlichkeit zu begehen habe, als ein „herausragendes und offenes Land im arabischen Raum“. Die Präsenz des Libanons sei von vitaler Bedeutung für den Nahen Osten.

In der Schlusserklärung des Exekutivkomitees wurde einmal mehr ein Ende der „zerstörerischen Krieg und Konflikte“ im Nahen Osten urgiert, um die menschliche Würde zu schützen und Frieden auf der Basis von Gerechtigkeit und Recht aufzubauen. „Tiefe Solidarität“ wurde dem Libanon im Hinblick auf die Katastrophe vom 4. August ausgesprochen, die ökumenischen Anstrengungen zur Linderung der materiellen und psychologischen Wunden der Tragödie müssten in Zusammenarbeit mit regionalen und internationalen Partnern als „Zeichen menschlicher Geschwisterlichkeit“ intensiviert werden. Zugleich wurde auch die Solidarität mit den von der Corona-Pandemie Betroffenen betont; allen, die medizinische oder soziale Hilfe leisten, gebühre Dank und Anerkennung. Die Mitglieder des Exekutivkomitees bekannten sich zum verstärkten ökumenischen Engagement, um die Arbeit des MECC zu konsolidieren. Der Kirchenrat sei „Ausdruck der Einheit der Christen“ und ein „Zeichen der Hoffnung für die Zusammenarbeit im Dienst der Menschheit und der Koexistenz in dieser gesegneten Region“.

Die frühere MECC-Generalsekretärin Souraya Bechealany, eine maronitische Theologin, hatte eine Umstrukturierung der Arbeit des Kirchenrats in Gang gebracht.  Am 2. September 2019 wurde eine Delegation des MECC unter der Leitung von Souraya Bechealany im Vatikan von Papst Franziskus empfangen. Bei dieser Gelegenheit betonte die Theologin, dass die Christen des Nahen Ostens sich nicht als „Minderheiten“ verstehen, sondern „mit ihrem eigenen Zeugnis Brücken bauen wollen zu den Weggefährten aller Religionen, in der Region und auf der ganzen Welt“.