„Der Professor und der Patriarch“

Aufsehen erregendes Buch des italienischen Historikers Andrea Riccardi über die Begegnung zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras und dem französischen orthodoxen Theologen Olivier Clement wurde in Paris vorgestellt – „Die Herausforderungen von morgen im Licht der Intuitionen von gestern“

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Foto: © א (Aleph) (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Paris, 03.02.20 (poi) Das aufsehenerregende Buch des italienischen katholischen Historikers und Gründers der Gemeinschaft von Sant’Egidio, Prof. Andrea Riccardi, über die Begegnung zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras und dem französischen orthodoxen Theologen Olivier Clement fand am Montagabend im Pariser „College des Bernardins“ statt. Riccardi zeichnet in dem Buch die Begegnung nach, die im Revolutionsjahr 1968 zwischen dem „Professor und dem Patriarchen“ stattfand. Das Buch des italienischen Historikers, das zentrale Fragen des Verhältnisses von Theologie und Moderne (bzw. Postmoderne) behandelt, ist bei den „Editions du Cerf“, dem Pariser Verlag des Dominikanerordens, erschienen. Der Name des Verlags verweist auf Psalm 42: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“.

In seinem sehr persönlichen Buch zieht Riccardi „römische“ Parallelen zur Begegnung zwischen dem „überaus kreativen“ orthodoxen Theologen Clement und dem offenherzigen Patriarchen Athenagoras. Ziemlich genau zum Zeitpunkt des Dialogs zwischen dem Theologen und dem Patriarchen im „zweiten Rom“ gründete Riccardi im „ersten Rom“ die Gemeinschaft von Sant’Egidio, um das katholische Bekenntnis zu „dynamisieren“. Bald entwickelte sich zwischen Clement und Riccardi eine tiefe spirituelle Freundschaft, die eine Brücke zwischen Ostkirche und Westkirche schlug. In seinem neuen Buch behandelt Riccardi an Hand von bisher unveröffentlichten Briefen von Olivier Clement „die Herausforderungen von morgen im Licht der Intuitionen von gestern“. Der ökumenische und der interreligiöse Dialog werden ebenso zum Thema gemacht wie die Fragen der Säkularisierung, der Globalisierung, der identitären Versuchung, von Krieg und Frieden. Der Historiker Riccardi zeigt die überwältigende Neuheit des christlichen Glaubens auf, wenn er sich am „Evangelium der Freiheit“ orientiert. In der Besinnung auf den Dialog zwischen Patriarch Athenagoras und Olivier Clement verweist der Gründer von Sant’Egidio auf einen „spirituellen Humanismus“, jenseits von Nationalismen und überbordender Globalisierung.

Olivier-Maurice Clément (1921-2009) war ein französischer orthodoxer Theologe, Philosoph und Historiker. Er wurde  in einer typischen französischen agnostischen Familie geboren, studierte Geschichte an der Universität Montpellier, wo er sich für die Geschichte des Christentums und die östlichen Kirchen zu interessieren begann. Später näherte er sich der orthodoxen Kirche durch den Einfluss der im Exil lebenden russischen Theologen in Paris und die Lektüre von Berdjajew, Dostojewskij und der Kirchenväter. Er wurde im Alter von 30 Jahren in einer Pariser russsich-orthodoxen Pfarre getauft. Clement entfaltete eine bemerkenswerte Tätigkeit am St.-Sergius-Institut für Orthodoxe Theologie in Paris, wo er Professor für vergleichende Theologie und Moraltheologie war. Er schrieb theologische Werke, über Kirchengeschichte, Philosophie und Literaturkritik. Unter den zeitgenössischen orthodoxen Theologen, die sich aufmerksam mit den Fragen der Moderne beschäftigten, zeichnete ihn eine kraftvolle und poetische Reflexion aus, die nicht nur in der Tradition der Kirche wurzelte, sondern auch kreativ und erneuernd war. Olivier Clement war Gesprächspartner prominenter geistlicher Persönlichkeiten seiner Zeit, darunter Patriarch Athenagoras, Papst Johannes Paul II., des rumänischen Priesters und Theologen Dumitru Stăniloae, von Frère Roger (dem Gründer der Gemeinschaft von Taize) und Andrea Riccardi, dem Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio.